Rüdiger Bertram über einen besonderen Weg durch die Pyrenäen

Rüdiger Bertram über einen besonderen Weg durch die Pyrenäen

LESEPUNKTE: Dass die Erinnerung an die Verbrechen der NS-Zeit in Kinder- und Jugendmedien nicht an Bedeutung verliert, hat nicht zuletzt der Jugendliteraturpreis in diesem Jahr unterstrichen und mit „Dunkelnacht“ und „Duft der Kiefern“ zwei zeitgeschichtliche Geschichten ausgezeichnet. Aber auch der Film zu Ihrem Drehbuch „Der Pfad – Die Geschichte einer Flucht in die Freiheit“ hat 2022 den deutschen Filmpreis für den besten Kinderfilm bekommen. Warum ist das Thema heute nach wie vor so aktuell?

Rüdiger Bertram: Natürlich spielt „Der Pfad“ im Jahr 1940. Aber ähnliche Themen beschäftigen uns auch heute. Als ich den Roman geschrieben habe, hatte ich auch die Menschen im Kopf, die heute aufgrund von Verfolgung oder Gewalt aus ihren Ländern fliehen müssen und bei uns Zuflucht suchen. Das Thema des Flüchtens und Aufnehmens ist heute ebenso präsent wie damals und viele haben vergessen, dass vor 80 Jahren auch Deutsche auf der Flucht waren und froh waren, wenn andere Länder sie aufgenommen haben.

LESEPUNKTE: Am Ende des Films wird ein Schriftzug eingeblendet, der benennt, wie viele Menschen – und wie viele Kinder und Jugendliche – derzeit weltweit auf der Flucht sind.

Rüdiger Bertram: Die Zahl ist seit dem Krieg in der Ukraine natürlich nochmal deutlich größer. Gemeinsam mit dem Regisseur hatten wir überlegt, statt der Zahlen ein Zitat von Erich Kästner am Ende des Films einzublenden – aber die nackten Zahlen der Flüchtenden sprechen noch deutlicher für sich und regen hoffentlich viele Menschen zum Nachdenken an.

LESEPUNKTE: Auch wenn Sie für das Ende kein Erich-Kästner-Zitat gewählt haben, verweisen Sie im Laufe der Geschichte immer wieder auf den Autor. Warum?

Rüdiger Bertram: Erich Kästner ist der bekannteste Kinderbuchautor der damaligen Zeit. Ich wollte durch das signierte Buch, das Rolf bei sich trägt, symbolisieren, in welchen Kreisen sich der Vater vor der Flucht in Berlin bewegt. Dafür war es naheliegend, ein Buch von Kästner zu wählen. Meine Recherche hat mich schließlich auf das Buch „Der 35. Mai oder Konrad reitet in die Südsee“ gebracht, welches thematisch gut mit der Geschichte von „Der Pfad“ funktioniert hat, das ich im Gegensatz zu vielen anderen Büchern von Kästner vorher gar nicht kannte.

LESEPUNKTE: Gut funktioniert hat es auch, die Sprachen zu mischen. Im Film werden nicht alle Aussagen ins Deutsche übersetzt, sondern in der jeweiligen Muttersprache der Figuren – Englisch, Französisch, Spanisch und Katalanisch – gesprochen und teils mit Untertiteln unterstützt.

Rüdiger Bertram: Ich wollte die Erfahrungen auf der Flucht so authentisch wie möglich aufzugreifen: eingeworfene Sätze auf diversen Sprachen, von denen man nun mal nur die Hälfte versteht, wenn man in ein fremdes Land kommt. Der Zuschauer hat aber natürlich noch die Untertitel – die haben Menschen auf der Flucht so nicht.

LESEPUNKTE: Welche Rolle spielen Sprachen für Sie, welche Sprachen sprechen Sie selber?

Rüdiger Bertram: Ich habe erst letzte Woche auf einem Podium wieder bemerkt, dass mein Englisch wirklich besser sein könnte… Bei Lesungen nehme ich immer auch eine türkische Übersetzung meiner Bücher mit. Ich frage die Kinder dann immer, ob sie wissen, welche Sprache das ist. Die Kinder und Jugendlichen besitzen ja die unterschiedlichsten Sprachfähigkeiten – von Kurdisch über Polnisch, Serbisch, Arabisch, Türkisch oder Farsi. Selbst die Lehrer*innen staunen in diesen Momenten oft. Die Kinder haben mir da einiges voraus und wenn sie dann aus den türkischen Übersetzungen vorlesen, merkt man, wie sie dabei wachsen. Der Applaus ihrer Mitschüler*innen ist ihnen dann immer gewiss. Und das völlig verdient.

LESEPUNKTE: Es ist ungewöhnlich, dass Sie erst das Drehbuch für „Der Pfad“ geschrieben haben und danach den Roman. Warum war es Ihnen wichtig, zuerst an der filmischen Geschichte zu arbeiten?

Rüdiger Bertram: Das hatte zwei Gründe. Zum einen nutze ich in meinen Geschichten generell eine filmische Erzählweise und habe auch diese Geschichte zuerst als Film gesehen, bevor ich sie als Roman ausgearbeitet habe. Zum anderen ist es möglich, für Filmprojekte eine höhere monetäre Förderung zu erhalten als für Kinder- oder Jugendbücher - dadurch hatte ich die Möglichkeit, nach Marseille zu reisen und später auch den Pfad über die Pyrenäen selbst zu gehen.

LESEPUNKTE: Warum war es Ihnen so wichtig, diesen Weg selber zu gehen?

Rüdiger Bertram: Mich hat Lisa Fittkos „Mein Weg über die Pyrenäen“ für den PFAD inspiriert. Fittko hat als Fluchthelferin Flüchtlinge über die Berge von Frankreich nach Spanien gebracht. Als ich in ihrer Autobiografie den Satz „wenn Kinder dabei gewesen sind, dann war es fast ein Spaziergang“ las, war mir klar, dass ich darüber unbedingt eine Geschichte erzählen möchte. Und dazu gehörte halt auch, den Pfad selbst zu gehen, um zu wissen, worüber ich schreiben. Als ich dann auf Plateau, auf dem Rolf und Núria miteinander diskutieren und wo die Grenze zwischen Frankreich und Spanien verläuft, stand, habe ich vor Rührung geweint. Die Vorstellung, wie sich die Menschen damals an dieser Stelle gefühlt haben mussten, hat mich enorm bewegt. Denn genau an dieser Stelle waren sie dem Zugriff von Nazi-Deutschland entkommen.

LESEPUNKTE: Gibt es weitere Szenen, die Ihnen im Film – oder prinzipiell in der Geschichte – besonders wichtig sind?

Rüdiger Bertram: Die Schuldfrage war für mich zentral. Hat Rolf Schuld daran, dass der Vater verhaftet wird oder nicht? Objektiv gesehen ist Rolf schuld, weil er seinen Hund trotz der Warnungen heimlich mitgenommen hat. Aber ich denke, ihn trifft keine Schuld. Er ist ein 13-Jähriger Junge, der sich nicht von seinem geliebten Hund trennen konnte. Während der Entwicklungsphase der Geschichte habe ich mich mit meinem Kollegen Mario Giordano über die Schuldfrage unterhalten. Sein Satz „Schuld sind immer die Mörder“ hat mich seitdem nicht mehr losgelassen und er steht so auch am Ende des Romans.

Ich finde es wichtig, dass bei der Lektüre im Unterricht über diese Schuldfrage diskutiert wird. Stellt man die Frage, antworten die Schüler*innen zunächst meist mit „der Junge“ oder „das Kaninchen“. Man muss aber meist nicht lange warten und dann sagt immer einer der Mädchen oder Jungen, dass die wahren Verantwortlichen in Berlin saßen.

LESEPUNKTE: Was meinen Sie: Sollte zuerst der Film geschaut oder das Buch gelesen werden?

Rüdiger Bertram: Ich empfehle, erst den Film zu schauen und dann das Buch zu lesen. Der Grund ist simpel: Den Film kann man begleitet auch schon ab 10 schauen, das Buch würde ich erst ab 12 empfehlen. Im Buch zum Film findet sich übrigens am Ende ein kurzer Essay, in dem einige Fragen zu den Unterschieden zwischen Film und Roman aufgreife. Das ist natürlich vor allem interessant, wenn man den Film vorher schon gesehen hat.

LESEPUNKTE: Welche Stellen weichen im Film denn vom Roman ab?

Rüdiger Bertram: Im Buch kommt eine Eisenbahn vor, im Film stattdessen ein Pferd. Diese Entscheidung hatte vor allem praktische Gründe, denn eine Lokomotive aus der Zeit hätte sowohl digital als auch real das Budget des Films gepasst. Ansonsten weicht der Film in der Grunddramaturgie kaum vom Buch ab. Bis auf eine große Ausnahme: Im Roman sind es zwei Jungs, die Hauptrollen spielen. Im Film ist es eine Junge und ein Mädchen, weil wir auch den Zuschauerinnen im Kino eine weibliche Identifikationsfigur geben wollten. Das hat im Film auch sehr gut funktioniert, im Roman würde ich es nicht ändern, weil es dort natürlich auch eine Hommage an Sawyer und Huckelberry Finn ist, wenn Rolf und Manuel sich durch die Wildnis schlagen.

LESEPUNKTE: Sind Sie mit der Verfilmung zufrieden?

Rüdiger Bertram: Es gibt nur wenige Punkte, die ich mir beim Schreiben anders vorgestellt habe. Dass Núria beispielsweise beim Abschied am Hafen so ein hübsches Kleid trägt, statt der rauen und dreckigen Hosen vorher, nimmt ihr meiner Meinung nach ein bisschen von ihrer Wildheit. Aber das sind wirklich nur Kleinigkeiten – ich bin sehr zufrieden mit der filmischen Umsetzung. Aber weil ich zusammen mit Jytte Merle-Börnsen selbst das Drehbuch geschrieben habe, hatte ich ja auch Einfluss darauf.

LESEPUNKTE: Wir finden den Film auch ebenso wie das Buch sehr gelungen. Vielen Dank für das Interview, Herr Bertram, und alles Gute!

Rüdiger Bertram: Vielen Dank!

 

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