Die letzten Worte des Widerstandskämpfers – Auf den Spuren von Kim Malthe-Bruun

Die letzten Worte des Widerstandskämpfers – Auf den Spuren von Kim Malthe-Bruun

mit Interviews der Zeitzeugen Hanna Skop und Dr. Bernhard Posner, von Linda Mehdi

Kunstwerk Bernd Krimmels im Foyer der Lichtenbergschule Darmstadt © Margit Sachse

Ein Bronzerelief, zwei Schiefertafeln und ein hervorgehobenes Zitat – jeden Tag laufen etliche Personen an dem insgesamt 5,2 x 3m großen Gesamtwerk aus den 1960er Jahren von Bernd Krimmel vorbei, welches sich im Foyer der Lichtenbergschule Darmstadt befindet. Das Bedrückende: Nicht viele können heute etwas mit der Gedenktafel anfangen, noch weniger mit dem eigentlichen Verfasser der Worte „Dann sind auch die Kinder da, die mir in der letzten Zeit so nahestanden. Mein Herz klopft vor Freude in Gedanken an sie, und ich hoffe, dass sie zu Männern heranwachsen werden, die anderes und tieferes sehen als nur ihren Weg. Ich hoffe, dass sich ihre Seele frei entwickeln kann und nie unter einseitigen Einfluss stehen wird.“

Eine unscheinbar danebenstehende Erläuterungstafel gibt ein wenig Aufschluss. Dort erfährt man Folgendes: Bei dem Verfasser des Zitats handelt es sich um einen dänischen Matrosen, welcher mit nur 22 Jahren und im letzten Kriegsjahr während des Zweiten Weltkriegs bei Kopenhagen als Widerstandskämpfer erschossen wurde. Und ein Name steht dabei: „Kim Malthe-Bruun“, aber wer ist dieser Kim Malthe-Bruun, an den in der Eingangshalle unserer Schule gedacht wird und dessen Worte einem ins Auge springen?

Um das herauszufinden lohnt sich ein Blick in Kim Malthe-Bruuns Tagebuchaufzeichnungen und Briefe, welche heute auch als deutsche Ausgabe erhätlich sind, und eine weitere Recherche. Dabei findet man schnell die wichtigsten Eckdaten heraus: Kim Malthe-Bruun wurde am 08.07.1923 in Kanada geboren, wohin seine Eltern ausgewandert waren, und verbrachte seine frühe Kindheit dort, bis er gemeinsam mit seiner Familie nach Dänemark kam. Anfangs lebte er noch mit seiner Tante Nitte, welcher er auch regelmäßig von 1941-1945 Briefe schrieb. Letztendlich war es Kim Malthe-Bruuns Wunsch an eine Seeoffiziersschule zu gehen, was ihn während des Zweiten Weltkriegs mit einer Gruppe des Dänischen Widerstands vertraut machte, welcher er ab dem Spätsommer 1943 seine ganze Aufmerksamkeit widmete.

Kunstwerk Bernd Krimmels im Foyer der Lichtenbergschule Darmstadt © Margit Sachse

Genaue Angaben über Kims Tätigkeit als Widerstandskämpfer gegen die Nationasozialisten erfährt man durch das Lesen seiner Aufzeichnungen verständerlicherweise nicht, aus Sorge, dass diese in falsche Hände fallen könnten. Dennoch sind seine Erfahrungen mit dem Krieg in seinen Tagebuchaufzeichnungen und Briefen an seine Familie und Freunde sehr detailliert geschildert. „Bomben, […], Maschinengewehrfeuer und Luftabwehr, das wird zu unserem Wiegenlied.“ – steht für den 06.06.1941 als Eintrag in seinem Tagebuch. Seiner Freundin Hanne schrieb Kim zur selben Zeit einen Brief, in welchem er seine Kriegseindrücke mit ihr teilte:

„Nun, du siehst jene Maschinen, die langsam, ganz langsam über den wolkenlosen Himmel hingleitet, wie ein großer, silberglänzender Raubvogel, und ohne jegliche Warnung hörst du plötzlich ein Heulen in der Luft, und einen Bruchteil von einer Sekunde später ein Krachen, und du siehst Erde, Steine, ja vielleicht ein Haus nur wenige hundert Meter von dir entfernt in die Luft fliegen. Und nach dem Krachen hörst du abermals dieses Heulen von Bomben, die schon gefallen sind. Du starrst wieder zu den Tieren dort oben hinauf. Sie gleiten langsam weiter, als ob nichts geschehen wäre. Schaust du nach der Uhr, so kannst du feststellen, daß das Ganze nur zwei Minuten gedauert hat. Fragst du dich selber, bist du bereit zu schwören, daß es mehrere Stunden gedauert habe.“

Außerdem ergibt sich von seinen Aufzeichnungen der Eindruck, dass Kim sich wohl gerne mit anderen über verschiedenste Themen austauschte und ein Befürworter des Diskurses war, wobei Toleranz eine wichtige Rolle spielte:

„Wir diskutieren über den Krieg, die verschiedenen Menschentypen, die Religionen, die Frauen und über all das, was uns sonst noch am Herzen lag […]. Man lernt viel, wenn man die Meinung eines andern hört, und selbst wenn man seine Ansicht nicht teilen kann, so versteht man ihn plötzlich und hat ihn gern, wie das immer bei Menschen der Fall ist, die man versteht.“

Nun lässt sich leicht durch seine Kontakte als Schiffsjunge erklären, wie der Matrose seinen Weg als Widerstandskämpfer fand. Schwieriger wird es, wenn man nach einer Antwort auf das „Warum?“ sucht. Am 04. April 1945 schrieb Kim Malthe-Bruun als 22-Jähriger aus dem „Westlichen Gefängnis“ bei Kopenhagen unter anderem folgende Zeilen an seine Mutter, wissentlich, dass es sein letzter Brief sein würde:

Kunstwerk Bernd Krimmels im Foyer der Lichtenbergschule Darmstadt © Margit Sachse

„Ich bin nur ein kleines Ding, und meine Person wird sehr bald vergessen sein, aber die Idee, das Leben, die Inspiration, die mich erfüllten, werden weiterleben. Du wirst ihnen überall begegnen […].“

Die „Idee“, die Kim Malthe-Bruun hier anspricht, wird insbesondere in seinen Tagebuchaufzeichnungen von ihm genauer erläutert. So solle die Welt nicht mit Gewalt und Zwang regiert werden, sondern die Selbstdisziplin jedes einzelnen Menschen zu entwickeln, solle das leitende Prinzip sein. Wer sich seine Aufzeichnungen anschaut, wird schnell merken, dass Kim sich durchgehend Gedanken über das Leben und die Welt, in der er lebte, machte. Die Zeitzeugin Hanna Skop schreibt dazu: „Kim hat über das Leben philosophiert. Er hat gelebt wie wir gesungen haben.“ Frau Skop hat Darmstädter Wurzeln und floh in ihrer frühen Kindheit 1939 nach den Novemberpogromen gemeinsam mit ihrer Familie aus der Stadt. Heute lebt sie ihn Dänemark, wo Kim Malthe-Bruuns Geschichte, wie auch in anderen skandinavischen Ländern, sehr bekannt ist – auch unter Schulkindern. „Die zahlreichen Berichte über sein Leben und seinen Tod zeigen eindeutig, wie wichtig dieser Heldenbericht für die Dänen nach einer fünfjährigen Besetzung war.“ – schreibt mir Dr. Bernhard Posner.

Man kann die Briefe und Tagebuchaufzeichnungen Kim Malthe-Bruuns und deren Anerkennung und Bekanntheit dort wohl mit dem Tagebuch Anne Franks vergleichen. Das Tagebuch der Anne Frank ist in Deutschland oft auf dem Lehrplan zu finden und das Leben der Familie Frank wird häufig im Unterricht thematisiert. Auch ich habe das Tagebuch der Anne Frank in der Mittelstufe gelesen. Von Hanna Skop und Bernhard Posner möchte ich daher erfahren, woran es liegen könnte, dass das bei Kim Malthe-Bruun anders ist.

Hanna Skop: „Man muss bedenken, dass Anne Frank ein 14-jähriges Mädchen war und damit vermutlich dasselbe Alter wie ihr hatte. So fällt wahrscheinlich die Identifizierung mit ihr für euch einfacher als mit Kim. In Annes Tagebuch wurde beschrieben, wie das Leben im Hinterhaus war, im Versteck und ihre Gedanken über Themen wie Liebe. Sie hat wie viele 14-Jährige ein Tagebuch geführt. Kim war hingegen schon ein Erwachsener, ein Mann. Ich muss gestehen, dass ich das Buch vor mindestens 70 Jahren gelesen habe, aber ich erinnere mich daran, dass es einen großen Eindruck auf mich machte.“

Dr. Bernhard Posner: „Ich denke, dass es Schülerinnen und Schülern leichter fällt, sich mit Anne Frank zu identifizieren. Erstens war Anne im selben Alter wie ihr. Zweitens war sie ein ganz unschuldiges Opfer des Naziterrors. Kim kämpfte bewusst gegen die deutsche Wehrmacht. Er war, im Sinne der Genfer Konvention, kein 'Non Combattant'. Seine Hinrichtung – Tage vor Kriegsende – kann meiner Meinung nach nicht als Kriegsverbrechen verurteilt werden.“

Bernhard Posner macht in seiner Aussage über Kim Malthe-Bruuns Verurteilung auf die rein juristische Seite aufmerksam. Dänemark hatte zu dieser Zeit bereits kapituliert und damit waren alle kriegerischen Handlungen zumindest formal beendet. Kim Malthe-Bruun, welcher sich einer dänischen Widerstandsgruppe anschloss und auf diesem Wege aktiv war, wurde somit als Freischärler betrachtet und auch als solcher verurteilt. Natürlich ist diese Bewertung rein rechtlicher Natur und aus der moralischen Perspektive anders zu betrachten.

Im Dezember 1944 war Kim Malthe-Bruun wegen Waffenschmuggels und aufgrund der Verschleppung eines Zollboots nach Schweden verhaftet und gefoltert worden. Vergeblich versuchte Kims Familie eine Abänderung oder Milderung der Strafe zu erzielen. So wurde der junge Widerstandskämpfer wegen „Freischärlerei“ und „weil die Handlungsweise der Verurteilten besonders gefährlich war und durch spätere Verwendung der von ihnen beschafften und verurteilten Waffen auch in Zukunft […] Nachteile entstehen können“ – so Werner Best in einem Brief an den „Direktor des Königlichen Dänischen Außenministerium“ Nils Svenningsen - zum Tode verurteilt. Verwickelt an der Exekution Kim Malthe-Bruuns waren unter anderem der in Darmstadt geborene und bereits genannte Nationalsozialist Werner Best, welcher als Statthalter im besetzten Dänemark fungierte und der „SS- und Polizeiführer in Dänemark“ Günther Pancke. Von Günther Pancke bekam die Familie Kim Malthe-Bruuns zwei Tage vor dessen Hinrichtung folgende Antwort zurück, welche als Brief im Anhang der deutschen Ausgabe zu finden ist: „[…] Ich konnte jedoch in die Gerichtsbarkeit und die Gerechtigkeit nicht eingreifen und das Urteil abändern oder mildern, da sonst alle anderen Urteile gegen dänische Saboteure und Terroristen ungerecht geworden wären. […] Das Urteil ist den Kriegsgesetzen entsprechend hart. Es mußte gegen ihn und drei andere Männer seiner Gruppe die Todesstrafe verhängt werden […]“.

Am 6. April 1945 wurde Kim Malthe-Bruun gleichzeitig mit weiteren Widerstandskämpfern von der SS ermordet. Was nach seinem Tod geblieben ist, sind seine zahlreichen Tagebuchaufzeichnungen und Briefe und natürlich die „Idee“, die den junge Seemann antrieb. Letztendlich bleibt noch die letzte große Frage, die man sich in diesem Kontext stellen kann, unbeantwortet: Warum sind Kim Malthe-Bruuns Worte gerade in einem schulischen Rahmen, in der Eingangshalle unserer Schule vorzufinden?

Kunstwerk Bernd Krimmels im Foyer der Lichtenbergschule Darmstadt © Margit Sachse

Oft betont Kim in seinen Tagebuchaufzeichnungen und Briefen, wie sehr er das Leben als Seemann schätzte und genoss. Hier und da blitzt jedoch nicht nur sein Interesse für das Lesen und Schreiben, sondern auch für philosphische Wahrheiten als solche und das nicht nur allein in der Menge an Aufzeichnungen, die er nach seinem Tod hinterlässt. So oft er konnte, musste er sich wohl, wenn möglich, zurückgezogen haben, um seiner Familie und seinen Freunden von seinen Erfahrungen zu erzählen. Karl Matter, der Übersetzer der ersten deutschen Ausgabe, spricht von „einem inneren Muß, [das] ihm die Feder in die Hand [zwingt]“. Mit seiner Tante Nitte tauschte er sich im regelmäßigen Briefkontakt über Bücher aus, so z.B. über „Wind, Sand und Sterne“, ein Erlebenisbericht des französischen Schriftstellers Antoine de Saint-Exupéry, Autor des kleinen Prinzen, welches erstmals 1939 erschien. Was man als Leser*in seiner Tagebuchaufzeichnungen und Briefe jedoch auch wahrnimmt, ist die Veränderung bzw. Entwicklung, die der junge Matrose durchlief. Der Krieg veränderte Kim und je weiter dieser voranschritt, desto häufiger erwähnte er Themen, die ihn im Jahr 1941 noch nicht beschäftigt hatten. Ein Beispiel hierfür ist der regelmäßige Austausch über die Bibel, den er mit seiner Tante hatte. Im Frühjahr 1941 schreibt er seiner Freundin Hanne schließlich folgende Zeilen, die seine Wissbegierde und sein Interesse für die Literatur vermutlich nicht besser hätten ausdrücken können:

„Hat es Dir nie Freude gemacht, Dich auf den Schwingen der Phantasie forttragen zu lassen? […] Fühlst du nicht, daß Wissen und Erziehung eine überlegene und starke Sicherheit geben?“

Dank der vielen Aufzeichnungen dieses jungen Widerstandskämpfers, darunter die bereits mehrfach erwähnten Tagebucheinträge und Briefe an Freunde und Familie, erhält man als Leser*in die Möglichkeit, den Zweiten Weltkrieg mit den Augen eines 18-jährigen Dänen zu sehen, welcher seine persönlichen Eindrücke schildert und seine Ideale, welche auch heute noch aktuell sind, nie aus dem Blick verlor. Meinungs- und Gedankenfreiheit, das Recht auf Bildung und all jene Werte, die die Demokratie vertritt, sind aus Kim Malthe-Bruuns Texten ebenso herauszulesen wie seine pazifistische Kritik an den Zuständen der Kriegsjahre: „Unwillkürlich musste ich mich fragen, was denn damit erreicht sei, dass wir das Jahr 1941 schreiben, wenn wir doch nicht weitergekommen sind.“ Daher ist es nicht verwunderlich, wenn Karl Matter schreibt: „Möchte Kim auch unter der deutschen Jugend nicht nur Bewunderung, sondern vor allem empfängliche, aufrichtige Freunde finden, denen sein Leben ein Beispiel ist. Das ist der heiße Wunsch seines Übersetzers.“ Denn Kim bildete sich nicht nur zu allen möglichen Themen seine eigene Meinung, sondern hörte zu, hinterfragte, kritisierte und phantasierte.

Genauso versichert mir auch Frau Skop in einer E-Mail vom 23.04.20: „Ich finde, dass das Relief an [eurer] Schule am richtigen Platz untergebracht ist.“


Quellen:

Malthe-Bruun, Vibeke (1995): Kim: Die Tagebuchaufzeichnungen und Briefe des Kim Malthe-Bruun (3 Aufl.) München: Carl Hanser Verlag.

Mail Verkehr mit den Zeitzeugen Hanna Skop und Dr. Bernhard Posner

Die Autorin dieses Artikels, Linda Mehdi, hat dieses Jahr an der LESEPUNKTE-Partnerschule Lichtenbergschule (LuO) Darmstadt ihr Abitur gemacht und ist Mitglied des Programms „SchreibKunst III“ des Hessischen Kultusministeriums. Vor zwei Jahren hat sie ihre erste Rezension (damals zu „Der Alchimist“ von Paulo Coelho) auf der Seite der „Literateens“ (eine AG der Lichtenbergschule) und auch im Rahmen der LESEPUNKTE veröffentlicht. 

Sie hat den Geschichte-Leistungskurs besucht und ist Mitglied der Projektinitiative „Schüler gegen Vergessen- für Demokratie“ (SGVFD), daher möchte sie anderen die Geschichte von Kim Malthe-Bruuns näher bringen, dessen Zitat an der Wand der Lichtenbergschule verewigt ist. Sie las die deutsche Ausgabe seiner Tagebücher und Aufzeichnungen, begann mit eigenen Recherchen und kontaktierte die Zeitzeugen und Geschwister Hanna Skop und Dr. Bernhard Posner, welche nach den Novemberpogromen in ihrer frühen Kindheit aus Darmstadt fliehen mussten und heute in Dänemark leben. Nun ist aus dieser Kooperation dieser Artikel entstanden, welcher bald auch in einer App, welche in Zusammenarbeit mit der TU Darmstadt und SGVFD entwickelt wird, mit dem Thema „Auf den Spuren jüdischen Lebens in Darmstadt“ zu finden sein wird.

Empfohlene Zitierweise

Die letzten Worte des Widerstandskämpfers - Auf den Spuren von Kim Malthe-Bruun (Linda Mehdi). In: LESEPUNKTE 2020, URL: https://www.lesepunkte.de/projekt/die-letzten-worte-eines-widerstandskaempfers-auf-den-spuren-kim-malthe-bruuns/
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