In dem Jugendroman „Hörst du, wie der Himmel singt?“ erzählt Kirsten Miller eine bewegende Geschichte über die Brüder Ash und Zuko. Nach dem Tod ihrer Schwester Honey und kurz darauf auch ihrer Mutter stehen die beiden plötzlich allein da. Alles, was ihnen bleibt, ist die Adresse eines Mannes in der Stadt. Die Adresse gehört vermutlich ihrem Vater. Ohne Geld für eine Busfahrt machen sie sich zu Fuß auf den langen Weg durch Südafrika.
Zuko’s Wahrnehmung
Ash ist siebzehn Jahre alt und wird bald erwachsen. Sein jüngerer Bruder Zuko spricht nicht. Viele Menschen halten ihn für seltsam oder gar „verflucht“. Erst gegen Ende des Buches fällt der Begriff Autismus. Schon zuvor wird jedoch deutlich, dass Zuko die Welt anders wahrnimmt. Er erkennt Muster in Wolken, Steinen oder Licht, ordnet Gegenstände nach seiner eigenen Logik und reagiert empfindlich auf Veränderungen. Seine Bewegungen sagen oft mehr als Worte.
Inhalt
Inhaltlich begleitet man die Brüder auf einer abenteuerlichen Reise. Sie leiden unter Hunger, Hitze und Kälte, werden misstrauisch beobachtet oder sogar bestohlen. Besonders Zuko fällt auf, weil er nicht spricht und sich „anders“ verhält. Gleichzeitig begegnen sie hilfsbereiten Menschen. Eine wichtige Figur ist Ela, die sie zeitweise bei sich aufnimmt. Dieser Teil bringt Wärme in die Geschichte, endet jedoch nicht in einem einfachen Happy End.
Südafrika
Neben der persönlichen Geschichte zeichnet das Buch ein vielschichtiges Bild Südafrikas. Armut und Reichtum stehen nebeneinander. Auch die Nachwirkungen der Apartheid werden spürbar, etwa in der Tatsache, dass der Vater ein wohlhabender weißer Anwalt ist, während die Mutter mit ihren Kindern in einfachen Verhältnissen lebt. Das historische und gesellschaftliche Umfeld wirkt authentisch und nicht beschönigt.
Sprache
Sprachlich ist der Roman anspruchsvoll. Die Passagen, besonders aus Zukos Sicht, erfordern Konzentration. Spannung entsteht weniger durch dramatische Ereignisse als durch die innere Entwicklung der Figuren. Man fiebert mit, ob der Vater die Jungen aufnehmen wird und welche Entscheidung Ash am Ende trifft.
Überzeugende Darstellungen
Besonders überzeugend ist die Darstellung der Geschwisterbeziehung. Ash übernimmt Verantwortung und muss schwierige Entscheidungen treffen. Am Ende geht es weniger darum, ob der Vater sie aufnimmt, sondern darum, ob Ash seinem Bruder ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen kann. Der Weg wird wichtiger als das Ziel.
Schwäche
Eine Schwäche des Romans ist, dass der Einstieg etwas zäh wirkt. Erst nach einigen Kapiteln entfaltet sich die Geschichte richtig. Zudem könnte die Geschichte für manche Leserinnen und Leser etwas klischeehaft erscheinen. Dennoch überwiegen die Stärken: die sensible Darstellung von Autismus und die gesellschaftliche Tiefe.
Bewertung
Ich vergebe 4 von 5 LESEPUNKTEN. „Hörst du, wie der Himmel singt?“ ist ein gutes, ungewöhnliches Buch, das sich Zeit nimmt und zum Nachdenken anregt. Es eignet sich meiner Meinung nach besonders für Jugendliche ab 15 Jahren und weniger für Erwachsene, die das Buch eventuell etwas klischeehaft empfinden könnten. Wer spannende Action erwartet, wird vielleicht enttäuscht. Wer jedoch eine Geschichte über Selbstbestimmung und Geschwisterliebe lesen möchte, wird lange über dieses Buch nachdenken.
