lesepunkte.de
Direktlink für Screenreader:Themen-Navigation|Text

Christiane Lind: Die Geliebte des Sarazenen, Reinbek: Rowohlt Verlag 2010, 384 Seiten, ISBN 978-3-499-25459-8, EUR 8,95.
gelesen von Mirjam Jochim, 9. Klasse
Marienschule Krefeld
lesepunkte: ●●●●●

In Braunschweig im zwölften Jahrhundert muss die junge Leonore von Calven dabei zusehen, wie ihr Mann Fulk und ihre Tochter Blanche von Sarazenen ins Heilige Land entführt werden. Auf der verzweifelten Suche nach Hilfe lernt sie den ehemaligen Templer Gottfried sowie eine Pilgerin namens Ruth kennen.
Zusammen mit den beiden macht sich Leonore auf die risikoreiche Reise nach dem fernen Jerusalem. Doch der Weg dorthin ist mühsam, und Leonore muss sich als Pilgerin tarnen. Bei der Überfahrt von Venedig nach Akkon geht die fromme Ruth von Bord und kann sich an die Küste des Heiligen Landes retten.
Ein geheimnisvoller Karawanenführer namens Nadim nimmt Leonore auf und will sie bis nach Akkon mitnehmen. Der Mann mit den warmen braunen Augen akzeptiert sie auf einzigartige Weise - im Gegensatz zu ihrem Frauen verachtenden Ehemann - und sie verliebt sich. Als Leonore nach weiterer Reise endlich in Jerusalem ankommt und Ehemann und Tochter findet, stellt sich ihr die Frage, ob sie mit ihrem eiskalten Ehemann wirklich wieder zu dem tristen Leben in Braunschweig zurückkehren soll. Ihr früheres Leben steht in hartem Kontrast zu dem bunten, abenteuerlichen Wüstenland und Nadim, ihrer wahren Liebe.
Des Weiteren offenbart der Templer Gottfried Leonore auch, ihr lange verschwundener Vater zu sein. Kurz darauf wird er jedoch von Banditen ermordet. Außerdem findet Leonore heraus, dass ihr liebloser Ehemann Fulk bereits eine erste Ehe in Jerusalem geschlossen hatte und von seinen Schwägern entführt worden war, damit er sich um seinen dunkelhäutigen Sohn Haidar kümmert. Letztendlich bleibt Leonore mit Haidar und Blanche bei Nadim, der sich als Prinz entpuppt. Nach sechs Monaten ist Leonore von ihm schwanger. Fulk kehrt ohne sie und Haidar nach Braunschweig zurück.
Diese drei Abschnitte von Leonores Abenteuer sind auch in dem Roman in Teil eins, zwei und drei geteilt. Die einzelnen Teile beziehen sich auf die Reise von Braunschweig nach Venedig, von Venedig nach Akkon und zuletzt auf die Zeit in Jerusalem. Stadtpläne von Jerusalem und Braunschweig am Ende des Buches veranschaulichen die Geschehnisse gut, die Geschichte der Leonore von Calven jedoch ist rein fiktiv, was die Autorin im Nachwort auch erläutert.
Und doch ist ein Großteil des Romans realistisch. So ist zum Beispiel Religion ein wichtiges Thema, um das sich der Roman dreht. Die Heldin ist sehr erschrocken, als sie Nadim das erste Mal begegnet, denn ihr wurde in Braunschweig immer erzählt, dass Sarazenen wilde Kannibalen und die Kreuzritter sowohl friedliche als auch Frieden bringende Männer Gottes seien. Leonores Unwissenheit, was die Grausamkeit der Kreuzzüge anbelangt, war in der damaligen Bevölkerung sicher keine Seltenheit.
Denn woher sollten die einfachen Menschen auch wissen, dass in Wahrheit Tausende von unschuldigen Moslems und Juden bei den Kreuzzügen wahllos und auf grausame Weise ermordet wurden?
Als Nadim Leonore diese Tatsachen berichtet, kann sie ihm nur schwer Glauben schenken. Während ihres gesamten Abenteuers wird geschildert, wie Leonore lernen muss, dass auch die Anhänger anderer Religionen durchaus freundliche und gute Menschen sein können. So beichtet auch ihre Pilgergenossin Ruth, endlich in Jerusalem angekommen, dass sie gar keine Christin, sondern Jüdin sei. Die Pilgerreise war auch ihrerseits nur ein Vorwand, um aus dem judenfeindlichen Braunschweig zu fliehen. Als Kreuzritter drohen, Nadims Karawane zu überfallen und zu vernichten, muss auch Leonore erkennen, dass das Christentum nicht nur friedfertige und reine Anhänger hat.
Mir gefällt das Buch ganz außergewöhnlich gut, denn im Gegensatz zu anderen mir bekannten historischen Romanen, ist der Stil von Christiane Lind fesselnd und auch für Jugendliche geeignet, vorausgesetzt, sie interessieren sich für Bücher dieser Gattung.
Sehr einfühlsam wird von inneren Konflikten Leonores berichtet, der Schreibstil bleibt dabei immer spannend und wirkt nie kitschig oder übertrieben. Was mich auch sehr unterhalten hat, ist die Vielfältigkeit, in welcher sich die behandelten Themen im Roman bewegen. So vereint „Die Geliebte des Sarazenen“ eine abenteuerliche Suche, eine Schiffsreise, eine Liebesgeschichte, Gefahren und Morde sowie religiöse Konflikte in sich. Möglicherweise muss sich der Leser nicht einmal für Geschichte interessieren, um diesen historischen Roman zu mögen und mit Spannung zu lesen.
(Betreut von Dr. Ansgar Hoff)
Empfohlene Zitierweise
Christiane Lind: Die Geliebte des Sarazenen, Reinbek: Rowohlt Verlag 2010, 384 Seiten, ISBN 978-3-499-25459-8, EUR 8,95, gelesen von Mirjam Jochim. lesepunkte 6 (2011), Nr. 2, in: lesepunkte, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/8908/
Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.
Erstellt: 06.06.2011
Zuletzt geändert: 06.06.2011




