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David Claerbout – „Uncertain Eye“ 

 

Pinakothek der Moderne, München, 30. September 2010 bis 09. Januar 2011
gesehen von Marie Langenscheidt und Kathrin Gerpheide, 11. Klasse
Wittelsbacher Gymnasium München

 

„Film and photography is art without objects.“ (David Claerbout) 


Homepage Pinakothek der Moderne

Wenn man die breite Treppe der Pinakothek der Moderne hinaufschreitet, gelangt man geradeaus in einen kleinen Raum, der für seine Größe eine ganze Menge birgt. Beim Betreten steht man gleich vor drei der fünf großen, teilweise neuen Projektionen der Ausstellung des Belgiers David Claerbout.

Der Einstieg ist überraschend: Der erste Gedanke zu „Kindergarten Antonio Sant’ Elia, 1932, 1998“ ist wohl: „Was? Hier stimmt was nicht! Irgend etwas ist irritierend! Steht man vor einem Film oder vor einem Foto?“ Eine historische Schwarz-Weiß-Fotografie von 1932 zeigt spielende Kinder in weißen Kitteln als zwei auf drei Meter große Projektion. Allerdings wiegen sich die Blätter der zwei Bäume im Wind. Diese Erkenntnis erschreckt und verleiht dem Foto etwas Dramatisches, da das ach so lebhafte Spiel der Kinder wie eingefroren scheint, während nur für den Betrachter und die Bäume die Zeit weiterläuft. Diese Stimmung wird noch durch den starken Schwarz-Weiß-Kontrast, das schräge Licht der tiefen Sonne und die langen, dunklen Schatten betont. Beim Betrachter entsteht ein Gänsehauteffekt, den er, bis er die Ausstellung verlässt, bestimmt nicht ablegt, denn das Gefühl, als Besucher in die Werke thematisch eingebunden zu sein, wird nur noch stärker. 

Dreht man sich nun nach rechts, erfährt man ein wieder anderes Zeitgefühl. Ein Film einer Frau, die ein Tablett mit Tee zum Terrassentisch trägt und sich Tee eingießt, wurde so stark verlangsamt, dass jede noch so kleine alltägliche Bewegung riesig bedeutend und graziös erscheint. Während einer einzigen sich entfernenden Kamerabewegung erblickt die Frau auf einmal den Betrachter und beginnt auf die Kamera zu zukommen. Nach ein paar langgezogenen Augenblicken des Unwohlseins löst sich endlich die Spannung beim Besucher: Das Gegenüber im Film fängt an zu winken und auch dieser Geste wird durch die Langsamkeit und den konzentrierten Blick der Frau scheinbar unendliche Bedeutung auferlegt. Spätestens jetzt bemerkt man auch, dass die nach und nach auftauchende Umgebung sich viel zu schnell bewegt. Die Bäume werfen sich im Zeitraffer wie im Sturm hin und her; während der Szene des „Long Goodbye, 2007“ geht die Sonne unter und die Terrasse und das Haus verschwinden in Dunkelheit. 

„A film’s pace is determined by constantly remaining one step ahead of the viewer, who is under the illusion of all things still being possible.” (David Claerbout) 

Ein weiteres erwähnenswertes Werk handelt von einem Hausmädchen, welches noch vor „Sunrise“ (das ist zugleich der Name des Films) zum Barcelona Pavillon zu ihrem Job fährt. Die Innenräume des Hauses sind allerdings die eines ganz anderen Gebäudes, nämlich die eines kühl-modern eingerichteten Wohnhauses. Dabei arbeitet sie komplett im Dunkeln, denn für ihre noch schlafenden Arbeitgeber soll sie unsichtbar sein. Da niemand da ist, um ihr Tun zu würdigen und da das Haus ohnehin schon in perfekt sauberem Zustand ist, scheint ihr Putzen trotz rührender Sorgfalt ohne Sinn und Zweck. Durch ihre Einsamkeit, die Dunkelheit und die Sterilität des Hauses wirkt der Film kühl, was auch den Betrachter frösteln lässt. Am Ende ihrer Arbeit, doch zu Beginn des Tages radelt sie in die Farben und den Klang der Sonne, also ins Leben hinaus.

Das fünfte Werk heißt „Riverside“ und ist der einzige Film der Ausstellung, der von den übrigen Themen abweicht. Neben den anderen Werken, die alle sehr komplexe, verschlüsselte Inhalte darstellen, scheint dieser Film zuerst einmal aus viel mehr Handlung aber dennoch weniger tiefem Sinn zu bestehen, die ihn wie einen Spielfilm erscheinen lassen. Für dieses Werk sollte man viel Zeit mitbringen, denn nur durch wiederholtes Betrachten kann man die Handlung des Films begreifen, da es schwierig ist, die zwei parallel laufenden Filme und vor allem deren Ton gleichzeitig zu erfassen. Obwohl Zeit wieder das Hauptthema ist, erfährt der Betrachter hier keinen so großen Bezug zu den Charakteren wie in den anderen Werken. Daher fehlt der Gänsehauteffekt. 

Das Spiel mit der Thematik Zeit trifft man in allen Ausstellungsstücken und man sollte sich für David Claerbout tatsächlich Zeit nehmen. Die Laufzeit des kürzesten Films beträgt zehn Minuten und die des Werkes „Shadow Piece“ sogar 25 Minuten. Allein schon die Tatsache, dass man oft wartet, um den Film von Anfang an zu sehen, entschleunigt den Ausstellungsbesuch. Auch wenn fünf Werke nicht viel erscheinen, gibt es in diesen zwei Räumen viel zu entdecken. Wenn man hinausgeht jedenfalls, fühlt man sich, als hätte man mithilfe eines „uncertain eye“ die Gesamtheit des Begriffs „Zeit“ erfahren. 

(Betreut von Christoph Hessel) 

 

 

Empfohlene Zitierweise

David Claerbout - "Uncertain Eye". Ausstellungabesprechung von Marie Langenscheidt und Kathrin Gerpheide. lesepunkte 6 (2011), Nr. 1, in: lesepunkte, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/8419/

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Erstellt: 26.01.2011

Zuletzt geändert: 26.01.2011

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