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Peter Härtling: Liebste Fenchel! Das Leben der Fanny Hensel-Mendelssohn in Etüden und Intermezzi, Köln: Verlag Kiepenheuer&Witsch 2011, 384 Seiten, ISBN: 978-3-462-04312-9, EUR 19,99. 

 

gelesen von Janna Schmidt, E-Phase
Lichtenbergschule Darmstadt

 

lesepunkte: ●●●●○

 


In der Romanbiografie ,,Liebste Fenchel!“ von Peter Härtling, 2011 im Verlag Kiepenheuer&Witsch erschienen, geht es um das Leben der Komponistin Fanny Hensel-Mendelssohn, die ihrem berühmten Bruder Felix Mendelssohn-Bartholdy musikalisch keineswegs unterlegen war.

Fanny, die von Felix ,,Fenchel“ genannt wird, hat es oft schwer, sich gegen ihren kleinen Bruder behaupten, obwohl sie ihm eigentlich gewachsen ist. Sie ist eine starke Frau und gibt nicht auf, was letztendlich auch zu ihrem Erfolg führt. Die beiden Geschwister fühlen sich vor allem durch die Musik stark miteinander verbunden und führen ihre Dialoge oft in ihren Kompositionen. Sie lernen gemeinsam und voneinander, was es bedeutet, Gedanken in Noten und Melodien umzuformen. 

Der Autor geleitet den Leser als treuer Begleiter durch das Leben von Fanny und lässt dabei, aufgrund seiner intensiven Quellenrecherche, kein Detail aus. Besonders genau beschreibt er zum Beispiel Fannys und Wilhelm Hensels Aufenthalt in Italien oder den Besuch an der Seite ihres Bruders bei Goethe. Der Leser sieht Fanny und ihre Geschwister aufwachsen, er erlebt, wie sie Kinder bekommen und wie sie trauern. Er wächst sozusagen mit, als wäre er ein Teil der Familie. Auch die Familie, insbesondere Felix, den Bruder der Protagonistin, bezieht Peter Härtling ein und verdeutlicht ihr enges Verhältnis zu Fanny. 

Der Autor verwendet zwar keinerlei Bilder oder Karten, bezieht sich jedoch auf Briefe an die und von der Familie Mendelssohn, die er gekonnt in sein Werk einbindet. So kann sich der Leser, auch ohne ein konkretes Bild vor Augen zu haben, Fanny als Komponistin und Mutter vorstellen. Allerdings ist „Liebste Fenchel“ nicht unbedingt leicht zu lesen und definitiv kein Kinder- oder Jugendbuch. Das schließt jedoch nicht aus, dass auch Jugendliche mit diesem Buch umgehen können. Teilweise ist das Buch sehr sachlich verfasst, obwohl der Autor auf die Angabe von Jahreszahlen größtenteils verzichtet. Trotz des sachlichen Tons gelingt es ihm, die Emotionen und Gedanken von Fanny so in Worte zu fassen, dass sich der Leser mit ihr identifizieren kann. Er beschreibt die Werke der Künstlerin sehr präzise, als wäre er selbst bei deren Erschaffung dabei gewesen.

Dass Peter Härtling wahrscheinlich sehr musikalisch ist oder ein umfangreiches Wissen über Musik besitzt, wird vor allem an den Kapitelüberschriften deutlich: Er unterteilt Fanny Hensel-Mendelssohns Leben und Schaffen in Etüden und Intermezzi.

Mir persönlich gefallen vor allem die Italien-Aufenthalte, die Peter Härtling in solch schillernden Farben schildert, dass man meinen könnte, selbst dort zu sein: ,,Die Felsen sind mit einer wildwuchernden Vegetation von indischen Feigen, [...] Aloe, Granaten und Wein bedeckt; dazwischen immerfort der Blick auf das blaueste aller Meere.“ (S. 297). Doch auch bei traurigen Anlässen, zum Beispiel beim Tod der Eltern Lea und Abraham fühlt der Leser mit, so als überwinde man die Grenze zur damaligen Zeit, ohne es bewusst zu bemerken. Das macht die Erzählung sehr plastisch und ermöglicht es dem Leser, ,mit der Familie zu leben'. Auch Fannys Eifersucht auf den immer bevorzugten Bruder wird verständlich. Sie versucht, Trost in der Musik zu finden und ihre Gefühle auf diese Art auszudrücken.

Allerdings finde ich es ungünstig, dass der Autor manche Themen vorwegnimmt, um später noch einmal darauf zurückzukommen, denn das verwirrt den Leser. Sein ausgezeichnetes Fachwissen, das er einbringt, das manche Leser aber möglicherweise verunsichert, führt ebenfalls dazu, dass man sich nicht so leicht in Fannys Musik ,hineinhören' kann. Letztendlich würde ich sagen, dass Peter Härtling dieses Buch geglückt ist und er es schafft, dem Leser –  ohne diesen zu langweilen – die damalige Zeit und Fanny Hensel-Mendelssohn näherzubringen. Ich gebe dem Buch vier lesepunkte.

 

(Betreut von Margit Sachse) 

 

 

Empfohlene Zitierweise

Peter Härtling: Liebste Fenchel! Das Leben der Fanny Hensel-Mendelssohn in Etüden und Intermezzi, Köln: Verlag Kiepenheuer&Witsch 2011, 384 Seiten, ISBN 978-3-462-04312-9, EUR 19,99, gelesen von Janna Schmidt. lesepunkte 7 (2012), Nr. 1, in: historicum.net, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/9284/

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Erstellt: 14.03.2012

Zuletzt geändert: 14.03.2012