lesepunkte.de
Direktlink für Screenreader:Themen-Navigation|Text

Anne C. Voorhoeve: Einundzwanzigster Juli, Ravensburg: Ravensburger Buchverlag 2008, 352 Seiten, ISBN 978-3-473-35293-7, EUR 14,95.
gelesen von Nikolaus Kockel, 13. Klasse
Gymnasium bei St. Anna, Augsburg
lesepunkte: ●●●●○

Anne C. Voorhoeves Buch ist – anders als der Titel vermuten lässt – kein Buch über Stauffenberg und kein Buch über das Attentat vom 20. Juli 1944. Es ist ein Buch über ein 14-jähriges Mädchen und ihr Erleben des totalitären Staates, des Krieges und der Sippenhaft. Ausgehend von den Berichten der Zeitzeugen aus der Familie Stauffenbergs erzählt die Autorin gekonnt die Geschichte der 14-jährigen Philippa, des jüngsten Sprosses eines verwandtschaftlich entfernten Teils der Familie von Laulitz (= Stauffenberg – eine Verfremdung, die auf die Fiktionalität des Buches hinweisen soll).
Philippa kehrt aus der Kinderlandverschickung in Ostpreußen heim nach Berlin. Dort findet sie eine zerstörte Stadt vor und ihre Mutter, zu der sie jegliche Verbindung verloren hat. Über der Familie liegt gleichzeitig der Schatten der Trauer um den gefallenen älteren Bruder und die Angst um den Vater, der sich an der Front befindet. Kaum angekommen, wird Philippa auf das Landgut der Familie Laulitz geschickt. Dabei trifft sie ihre geliebte Tante Lexi wieder, die im ganzen Buch eine zentrale Person bleibt.
Auf dem Schloss der Familie eingetroffen, muss sich Philippa erst wieder eingewöhnen, hat sie doch diesen Teil ihrer Familie jahrelang nicht gesehen. Außerdem kann sie sich nur langsam von der Indoktrination durch die nationalsozialistischen Jugendorganisationen lösen. Trotz aller Schwierigkeiten fühlt sie sich bald zuhause. Doch die Idylle währt nur kurz. Am 20. Juli verübt Philippas Onkel das Attentat auf Adolf Hitler, scheitert damit aber letztlich. Doch mit der Hinrichtung des Onkels ist nichts zu Ende: Nach und nach werden die Mitglieder der Großfamilie Laulitz von SS und Gestapo verhaftet und in verschiedene Gefängnisse eingesperrt. Nach einigen Wochen werden sie schließlich in einem Hotel zusammengeführt und als große Gruppe in eine eigens konstruierte Baracke ins KZ Stutthof verlegt. Sie haben als Sippenhäftlinge einen Sonderstatus, da die Reichsführung am Überleben der möglichen Geiseln großes Interesse hat.
Gleichzeitig wird die Familie von Tante Lexi unterstützt, die aufgrund ihrer Kriegswichtigkeit als Ingenieurin nicht verhaftet wurde. Als die Front immer näher rückt, beginnt für die Gruppe von Sippenhäftlingen eine Odyssee durch verschiedene Lager und requirierte Häuser. Im Vordergrund des Erzählens steht dabei aber vor allem das Beziehungsgeflecht der Häftlinge und die Wahrnehmung der Dinge, auf die sich ihr Leben reduziert: Die kleinen Deals mit den Wachen und das Abgeschnittensein von der Außenwelt, sowie die schlechten Lebensbedingungen. Als am Ende des Krieges schließlich die Kommandostrukturen zusammenbrechen, können sich die Häftlinge in den Schutz einer Wehrmachtsabteilung retten. So werden sie vor ihren SS- und SD-Bewachern, die einen Hinrichtungsbefehl haben beschützt, bis die Alliierten anrücken.
Voorhoeve will keineswegs eine Geschichte über das Attentat vom 20. Juli oder einen Bericht über das Kriegsende schreiben. Wer hier eine Art schriftliche „Valkyrie“ (so der Originaltitel des Kinofilms „Operation Walküre – Das Stauffenberg Attentat“) erwartet, wird zwangsläufig enttäuscht. Die Autorin interessiert sich vor allem für das Gruppengefühl der Familie, die ins Unglück gerät. Dabei beschreibt sie die Entwicklung der Hauptfigur, entfaltet ihr Verhältnis zum Nazistaat und nähert sich deren eigener Schuld an. Immer wieder kehrt die Erzählung darauf zurück, dass Philippa indirekt an der Ermordung eines russischen Gefangenen beteiligt war. Allerdings bleibt dieser Handlungsstrang eher unfertig und wenig überzeugend. Philippas Gefühlen und der Dynamik in den Beziehungen der Sippenhäftlinge nachzuspüren, gelingt dem Buch dagegen gut und überzeugend. Man bekommt hier eine relativ introvertierte, aber nichtsdestotrotz spannende Entwicklungsgeschichte im Rahmen eines Sonderfalls der Nazi-Unterdrückung zu lesen. Allerdings erfordert der bewusst eingeschränkte Blickwinkel der Erzählung einiges an Hintergrundwissen, um die beschriebenen Geschehnisse einordnen zu können. „Einundzwanzigster Juli“ ist damit inhaltlich nicht unbedingt ein Jugendbuch, sprachlich und von der Herangehensweise ist es aber auch kein Roman für Erwachsene. Für alle, die dieses Zwischen-den-Stühlen-sitzen des Buches nicht stört, ist es auf jeden Fall lesenswert.
(Betreut von Dr. Claudia Weiser)
Empfohlene Zitierweise
Anne C. Voorhoeve: Einundzwanzigster Juli, Ravensburg: Ravensburger Buchverlag 2008, 352 Seiten, ISBN 978-3-473-35293-7, EUR 14,95, gelesen von Nikolaus Kockel. lesepunkte 5 (2010), Nr. 2, in: lesepunkte, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/7677/
Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.
Erstellt: 19.05.2010
Zuletzt geändert: 19.05.2010




