Pullman_Schatten

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Philip Pullman: Der Schatten im Norden (Ein Sally-Lockhart-Krimi, Band 2), Hamburg: Carlsen Verlag 2009, 368 Seiten, ISBN 978-3-551-35802-8, EUR 7,95. 

 

gelesen von Isabel Weigl, 11. Klasse
Gymnasium bei St.Anna, Augsburg

 

lesepunkte: ●●●●○

 


London 1878: Sechs Jahre nach ihrem letzten Abenteuer gehen die Freunde Sally Lockhart, Frederick Garland und Jim Taylor wieder einem verzwickten Fall nach. Sally, die mittlerweile ihr Studium in Cambridge beendet hat und als Finanzberaterin tätig ist, bekommt Besuch von einer ihrer Klientinnen, die ihr ganzes Geld durch den Konkurs einer Schifffahrtsgesellschaft verloren hat. Die Frau vermutet, dass dies alles nicht mit rechten Dingen zugegangen ist, und bittet Sally, Nachforschungen anzustellen. Diese verspricht ihr, mehr über die jüngsten Geschehnisse um diese Schifffahrtgesellschaft und den Untergang eines ihrer Schiffe herauszufinden – und wenn möglich auch dafür zu sorgen, dass ihre Klientin ihr Geld zurückbekommt.

Zur gleichen Zeit belauscht Jim Taylor, der in einem Theater arbeitet, drei Männer, die einem bekannten Zauberkünstler drohen, und rettet ihn dann nach dessen Vorstellung vor seinen Verfolgern. Jim bringt den Magier Mackinnon in das Haus seines Freundes Frederick, der sich neben seinem Fotogeschäft mit Detektivarbeit beschäftigt. Mackinnon erzählt den beiden, die Männer würden ihn umbringen wollen, da er durch Zufall von einem Mord erfahren habe. Er behauptet, er könne bei der Berührung mit dem Eigentum von anderen Personen etwas aus deren Leben sehen. Dadurch habe er auch von diesem Mord erfahren, doch er kenne zwar die Gesichter der beiden in seiner Vision auftauchenden Männer, aber nicht ihre Namen und werde jetzt von dem Mörder verfolgt, der herausgefunden hatte, dass der Zauberer über seine Tat Bescheid wusste. 

Parallel zu diesem Fall beschäftigt sich Frederick auch noch mit einem anderen Fall, der ebenfalls mit Spiritismus zu tun hat: Die Wahrsagerin Nellie Budd hat eine Vision von Blut im Schnee und einem lauernden Unheil im Norden. Ein Buchhalter, der an deren spiritistischen Sitzungen teilnimmt, glaubt in dem Mann, von dem Nellie Budd in ihrer Vision spricht, seinen Chef Axel Bellmann zu erkennen. Die Beschreibung des Mordes, den Mackinnon gesehen haben soll, trifft auch auf die Bemerkung der Wahrsagerin von „Blut im Schnee“ zu und bald stellen die Freunde fest, dass die drei Fälle etwas miteinander zu tun haben müssen, denn auch in Sallys Fall taucht der Name des mächtigen schwedischen Fabrikbesitzers Bellmann immer wieder auf.  

Als Frederick eine Wohltätigkeitsveranstaltung besucht, auf der Mackinnon auftritt, weißt dieser ihn auf einen Mann hin, den er als den Mörder aus seiner Vision identifiziert. Dieser Mann ist Axel Bellmann. Dieser versucht auch bald Sally zu erpressen, um sie dazu zu zwingen mit ihren Nachforschungen aufzuhören. Außerdem trifft Bellmann Heiratsvorbereitung mit einer jungen Lady, deren Vater hoch verschuldet ist und große Grafitminen geerbt hat. Auch sie scheint mit Nellie Budd und Mackinnon in Verbindung zu stehen. 

Sally und ihre Freunde lassen sich von den Drohungen Bellmanns nicht einschüchtern, und obwohl ihnen immer wieder Steine in den Weg gelegt werden und Mackinnon sie immer wieder auf falsche Fährten führt, finden sie bald heraus, dass sich hinter dem harmlosen Namen des Gerätes, das Bellmann im Norden herstellt, etwas viel Gefährlicheres verbirgt.

„Der Schatten im Norden“ ist der zweite Band der Sally-Lockhart-Reihe und übertrifft seinen Vorgänger „Der Rubin im Rauch“ (ebenfalls von mir auf www.lesepunkte.de in dieser Ausgabe  rezensiert) um Längen. Das Buch ist durchgängig spannend erzählt, sodass man sich nicht mehr losreißen kann, und arbeitet die gesamte Erzählzeit geradlinig auf die Auflösung des Falles hin. Philip Pullman legt in seinem zweiten Band das Augenmerk auf einige wenige Figuren und baut diese weiter aus, sodass sie an Tiefe gewinnen und facettenreicher sind als im ersten Band. Die Figuren, besonders Sally, bekommen Ecken und Kanten und sind auch ungeduldig und aufbrausend. Die Stimmung zwischen Sally und Frederick ist in „Der Schatten im Norden“ sehr gespannt, sie geraten oft aneinander und stehen vor der Frage, was sie wirklich füreinander empfinden.

Besonders herausgestellt werden muss der perfekt dargestellte Antagonist Axel Bellmann. Er wird als „mechanisch“ beschrieben und wirkt wie ein „großer Dynamo“, der vor Energie strotzt und eine große Kraft in sich trägt. Er ist intelligent und rücksichtslos, aber dennoch auf seine Art verständnisvoll. Seine Beweggründe für den Bau der geheimnisvollen Maschine sind nicht etwa Rache, Geldgier, oder gar pure Boshaftigkeit. Sie üben sowohl auf den Leser als auch auf Sally eine gewisse Faszination aus. Schade ist, dass das Buch zwar im viktorianischen Zeitalter spielt, man aber – wie schon im ersten Band – wenig über die geschichtlichen Hintergründe erfährt.  

Das Buch ist so aufgebaut, wie es ein spannender Krimi es sein sollte: Der Leser ist den Protagonisten immer ein Stück voraus, kann schneller Schlüsse ziehen und Vermutungen über die Verbindung zwischen den Figuren und den Ausgang der Geschichte anstellen. Selten gibt es allerdings auch kleine Logiklücken, die manchmal – so scheint es – im Nachhinein noch mehr schlecht als recht ausgebessert wurden, besonders am Ende läuft die Geschichte Gefahr, ins Lächerliche abzudriften, und Pullman schafft es dort gerade noch, sich aus der Affäre zu ziehen. 

Auffällig ist auch, dass der Autor (oder Übersetzer) im zweiten Band auf den Londoner Slang verzichtet hat, der es dem Leser im ersten Band oft schwer gemacht hat, den Dialogen richtig zu folgen. Ansonsten ist die Sprache, die Pullman verwendet, einfach und flüssig zu lesen. Sensible Leser seien aber vorgewarnt, dass das Buch auch einige sehr traurige Szene hat, doch darauf kann ich nicht näher eingehen, ohne etwas vom weiteren Verlauf der Geschichte zu verraten. 

Alles in allem ist „Der Schatten im Norden“ ein sehr spannender, leicht zu lesender Krimi aus dem 19. Jahrhundert für Kinder und Jugendliche von 11-14 Jahren. Ich empfehle den ersten Band einfach zu überspringen und mit dem zweiten zu beginnen, da die Bücher unabhängig voneinander zu lesen sind. Ich vergebe vier von fünf Lesepunkten für diesen Sally-Lockhart-Krimi. 

(Betreut von Dr. Claudia Weiser) 

 

 

Empfohlene Zitierweise

Philip Pullman: Der Schatten im Norden (Ein Sally-Lockhart-Krimi, Band 2), Hamburg: Carlsen Verlag 2009, 368 Seiten, ISBN 978-3-551-35802-8, EUR 7,95, gelesen von Isabel Weigl. lesepunkte 5 (2010), Nr. 2, in: lesepunkte, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/7671/

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Erstellt: 19.05.2010

Zuletzt geändert: 19.05.2010