Abdel-Samad

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Hamed Abdel-Samad: Mein Abschied vom Himmel, Köln: Fackelträger Verlag 2009, 320 Seiten, ISBN 978-3-7716-4419-2, EUR 19,95. 

 

gelesen von Richard Lohse, 11. Klasse
Marienschule Krefeld

 

lesepunkte: ●●○○○ 

 


Das Buch „Mein Abschied vom Himmel“ von Hamed Abdel-Samad handelt vom Leben des Autors, eines aus Ägypten stammenden Muslims, der in Deutschland lebt. Die Autobiographie ist in sechs Teile gegliedert.

Hamed Abdel-Samad erzählt zunächst von seiner Einreise nach Deutschland und erinnert sich danach an seine Kindheit. Dann berichtet er von seinen Erlebnissen in Deutschland und Japan, wo er auch seine spätere Ehefrau kennen lernt. Während er in Deutschland und Japan lebt und dort auch studiert, hat er ständig mit Identifikationsstörungen, Psychosen und einem aufgrund von Missbrauch entstandenen Trauma zu kämpfen. Zudem thematisiert der Autor ganz allgemein Gewalttätigkeit und Sexualität im Islam und versucht politische, gesellschaftliche und religiöse Zusammenhänge im Verhältnis zwischen Islam und einzelnem Individuum zu erkennen. 

Der Autor schildert seine Erlebnisse sehr detailreich und ausführlich und zieht dann seine Schlüsse daraus. Er geht sehr analytisch an seine Emotionen heran und versucht, kausale Verbindungen zu seinem folgenden Handeln zu finden. Laut eigener Aussage dient dies dazu, in den Erlebnissen seiner Vergangenheit die Gründe für seine Leidensgeschichte zu finden. 

Der Autor stellt die seiner Ansicht nach veralteten Sitten und Moralvorstellungen des Islam dar und zeigt auf, welche Schwächen (wie die Unterdrückung des Individuums, die enge Sexualmoral oder so konkrete Dinge wie Frauenbeschneidung) und welche Vorteile (das Geben von Halt und Struktur oder das Spenden von Trost) diese Religion hat. Er vergleicht die Moralvorstellungen islamischer Länder mit denen Deutschlands (das ihm sittenlos und ungezügelt erscheint) und, in beschränktem Maße, auch mit denen Japans. 

Bei seiner Reise durch seine Vergangenheit stellt er sich existenzielle philosophische Fragen und verschafft sich so seine eigene Meinung zu Religion und zum Leben selbst. Der Sprachstil wird von zwei Arten der Ausführung dominiert: Wenn der Autor Szenen aus seiner Leidensgeschichte beschreibt, dann geht er mit einer enormen Offenheit zu Werke. Er beschreibt peinlichst genau die Dinge die ihm widerfahren sind, wie zum Beispiel seine zweimalige Vergewaltigung durch jeweils einen anderen Jungen oder die Gewalttätigkeit seines Vaters gegen ihn und seine Mutter. Auch er selbst hat eine Neigung zu Gewalttätigkeit und Pädophilie, gegen die er anzukämpfen versucht. Er sieht den Grund für diese Neigung in seinem eigenen Missbrauch („ich bin kein Opfer, denn ich war um nichts besser als meine Peiniger“). Abdel-Samad kämpft schwer mit seinen Identifikationsschwierigkeiten, seiner Religion und den Gewissenskonflikten aufgrund seiner unterdrückten Sexualität. Das gesamte Buch ist deswegen inhaltlich recht düster gefärbt. 

Auch zeigt er seine politische Seite und beschreibt, wie Probleme und Missverständnisse der westlichen und der islamischen Kulturen zustande kommen. Hierbei referiert er hauptsächlich über andere Meinungen, wirft verschiedenen Soziologen Schubladendenken vor und behauptet pauschalisierend, die Deutschen würden diese vorgefertigten Meinungen gern annehmen. Die Sozialwissenschaftlerin und Frauenrechtlerin Necla Kelek bezeichnet er zum Beispiel als Demagogin und vergleicht sie mit islamischen Fundamentalisten, sie sei lediglich auf der anderen Seite. Selbst jedoch bezieht er in diesem Buch kaum Stellung.

Der Autor macht den Eindruck eines zweifellos sehr intelligenten, wenn nicht sogar, wie im Einband angepriesen, hochbegabten Menschen, der sehr egozentrisch ist und nur seine Wahrnehmung beschreibt. Das verzerrt seine Sicht, denn er hält das, was ihm widerfahren ist, für den Normalfall. Der Autor pauschalisiert seine Beobachtungen und Eindrücke und stellt diese als generell gültig hin.  

Auch in seinem Leben ist er nur Zuschauer, im Prinzip ist er nur das Opfer der äußeren Umstände, des Islam, des Missbrauchs, der ständigen Heimatwechsel. Schuld tragen auf jeden Fall die anderen, er selbst beobachtet sich zwar in seiner passiven Lage, es ist ihm jedoch nicht möglich daran etwas zu ändern. 

Die Lektüre des Buches ist sehr anstrengend. Das penetrante Leid von Hamed Abdel-Samad ist für den Leser nur schwer erträglich; nicht, weil solche Wahrheit unbequem wäre, sondern weil sie übertrieben unbequem und sehr egozentrisch dargestellt wird. Doch blickt man hinter das Pathos und die oft leer anmutenden Wortgeflechte, dann begegnet man einer Suche, die jeder kennt: Die Suche nach sich selbst und seiner Identität, die Emanzipation von äußeren Einflüssen. Die Biographie bietet durchaus Denkanstöße, und zeigt die bewegte Lebensgeschichte eines jener Individuen, die zwischen verschiedenen Kulturen stehen und in dieser Diskrepanz sich selbst finden müssen. Wer sich speziell für dieses Thema interessiert und kein Problem mit obig genannten Kritikpunkten hat, dem sei dieses Buch empfohlen. 

(Betreut von Dr. Ansgar Hoff) 

 

 

Empfohlene Zitierweise

Hamed Abdel-Samad: Mein Abschied vom Himmel, Köln: Fackelträger Verlag 2009, 320 Seiten, ISBN 978-3-7716-4419-2, EUR 19,95, gelesen von Richard Lohse. lesepunkte 5 (2010), Nr. 2, in: lesepunkte, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/7655/

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Erstellt: 19.05.2010

Zuletzt geändert: 19.05.2010