Pressler

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Mirjam Pressler: Ich sehne mich so. Die Lebensgeschichte der Anne Frank, Weinheim: Beltz & Gelberg (Gulliver Taschenbücher) 2008 (Neuauflage), 224 Seiten, ISBN 978-3-407-74097-7, EUR 7,95. 

 

gelesen von Anna Springer, 9. Klasse
Karlsgymnasium, München-Pasing

 

lesepunkte: ●●●●○

 


Anne Frank ist das berühmteste jüdische Mädchen der Welt. Ihr Schicksal, das sie in ihrem Tagebuch aufgezeichnet hat, ist exemplarisch für Millionen anderer Schicksale während des Dritten Reichs. Und doch – oder gerade deswegen – wird Anne Frank selten als eigenständige Person, als Mädchen, wahrgenommen, sondern lediglich als Chronistin des Unrechts, das ihr widerfahren ist, als „‚Ikone’, Symbol der ermordeten Juden“.

Mirjam Presslers Biographie „Ich sehne mich so. Die Lebensgeschichte der Anne Frank“ allerdings versucht genau das, nämlich das Mädchen Anne hinter dem Bericht, zu finden. Sie erklärt es sich im Vorwort zur Absicht, Anne Frank „wieder sichtbar zu machen: „[...]. Ich möchte den Blick öffnen für die Geschichte einer Pubertät, für die ehrliche, nicht durch spätere Erfahrungen [...] geschönte oder zumindest verändert dargestellte Entwicklung eines Mädchens zu einer Frau. Und vor allem geht es mir darum, Anne als Schriftstellerin zu zeigen, als eine begabte, früh gereifte Autorin.“ 

Mirjam Pressler erzählt nach ihrem Vorwort von der Befreiung Otto Franks, Annes Vaters. Sie beschreibt, wie er ihre Tagebücher von der Helferin Miep Gies erhält und beschließt, sie nach einer Überarbeitung zu veröffentlichen, eine von mehreren Bearbeitungen im Laufe der Zeit. Pressler belegt, weshalb das Tagebuch auch Literatur und nicht nur Historik ist. Darauf folgen ein chronologischer Bericht der Zeit bis knapp vor der Verhaftung, unterbrochen von einem Kapitel über die Situation der Juden in den Niederlanden, und ein Bericht über das Hinterhaus selbst, alles unter dem Aspekt, wie Anne davon betroffen war und was sie dabei gefühlt haben könnte. 

Anschließend widmet sich Mirjam Pressler den einzelnen Personen, die in das Geschehen im Hinterhaus involviert waren: den Franks, den van Pels’ (im Buch: van Daan), Herrn Pfeffer (Dussel), Annes Schwester Margot, dem Sohn der van Pels, Peter, und den Helfern. Sie skizziert von jedem ein kurzes Bild seines Lebenslaufs, legt ihr Augenmerk aber auf die Beziehung der Hinterhausbewohner untereinander und vor allem Annes Beziehungen zu jedem einzelnen. Herausgestellt ist hierbei Peter van Pels, mit dem Anne Frank ab 1944 mehr oder weniger „zusammen“ war. Mirjam Pressler bemüht sich hierbei jedoch, Annes verklärtes Bild und den richtigen Peter voneinander zu trennen. 

Das Kapitel über die Helfer teilt sich noch einmal in einzelne Abschnitte über jeden Helfer selbst, wobei die Autorin betont, dass die Reihenfolge keinerlei Bedeutung habe. Hier wird betont, wie aufopfernd sich die Helfer um die Hinterhausbewohner gekümmert haben, ohne Rücksicht auf ihr eigenes Wohl. Mirjam Pressler fährt fort, über das Hinterhaus und die Außenwelt zu berichten, wie gespannt der Vormarsch der Russen verfolgt wurde, wie man sich wegen der wiederholten Einbrüche sorgte und dass der Zugang ins Haus schließlich versteckt wurde.

Weiterhin beschäftigt sich das Buch mit Annes Veränderung in der Zeit des Versteckens, wie sie von einem Mädchen zu einer jungen Frau wird, erste sexuelle Erfahrungen macht, wie sie sich immer mehr auf Gott bezieht. Und Mirjam Pressler berichtet auch von Annes Kampf mit sich selbst, einem sehr idealistischen Kampf: dem Versuch, fehlerlos zu sein. 

Abgeschlossen wird das Buch mit dem Bericht über die Deportation und dem Tod der meisten Hinterhausbewohner. 

Alle Thesen, Beschreibungen und Aussagen sind auf ein umfangreiches Quellenverzeichnis aus Zeitzeugenberichten, geschichtlichen Werken und den verschiedenen Ausgaben des Tagebuchs gestützt. Außerdem enthält das Buch noch eine Zeittafel und einige Seiten Bildmaterial. Trotz dieses umfangreichen Berichts über Anne Franks Schicksal hat Mirjam Pressler meiner Meinung nach die eingangs erklärten Ziele teilweise verfehlt. Die Pubertät und Entwicklung ist recht gut herausgearbeit, wohingegen auf die Schriftstellerin Anne Frank nicht so stark wie erwartet – oder angekündigt – eingegangen wird. Auch sind die Lebensläufe der Menschen aus Annes Umfeld manchmal etwas zu ausführlich geraten. Sehr positiv sind jedoch die Fragen, die Mirjam Pressler im Buch stellt; nicht nur über Anne Frank, sondern über Antisemitismus allgemein und den Umgang mit der Vergangenheit, wodurch sie auch den Leser anregt, über diese Zeit nachzudenken. Das Buch ist in relativ kurzen Sätzen geschrieben und lässt sich leicht lesen. Manche Hintergründe sind im Quellenverzeichnis näher erläutert, was zum Verständnis hilft. Manchmal hat man jedoch das Gefühl, dass vorausgesetzt wird, das Tagebuch gelesen zu haben, was in meinem Fall nicht so war, sodass manchmal erst im Nachhinein das volle Verständnis vorhanden war. Insgesamt bewerte ich das Buch mit vier Lesepunkten. 

(Betreut von Ulla Stelzel) 

 

 

Empfohlene Zitierweise

Mirjam Pressler: Ich sehne mich so. Die Lebensgeschichte der Anne Frank, Weinheim: Beltz & Gelberg (Gulliver Taschenbücher) 2008 (Neuauflage), 224 Seiten, ISBN 978-3-407-74097-7, EUR 7,95, gelesen von Anna Springer. lesepunkte 5 (2010), Nr. 1, in: lesepunkte, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/7465/

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Erstellt: 24.02.2010

Zuletzt geändert: 24.02.2010