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Gabriele Beyerlein: Es war in Berlin, Stuttgart: Thienemann Verlag 2009, 720 Seiten, ISBN 978-3-522-20043-1, EUR 22,00.
gelesen von Franziska Krug, 10. Klasse
Gymnasium bei St. Anna, Augsburg
lesepunkte: ●●●●○

Ihr Dach stieß fast bis an die Sterne
Vom Hof her stampfte die Fabrik
Es war die richt´ge Mietskaserne
Mit Flur und Leiermannsmusik!
Im Keller nistete die Ratte,
Parterre gabs Branntwein, Grog und Bier,
und bis ins fünfte Stockwerk hatte
das Vorstadtelend sein Quartier...
Diese Verse des Dichters Johann Niethnagel kennt Clara Bloos nur zu gut. Sie haust selbst in einer der Mietskasernen in Berlin und kennt das dort herrschende Elend. Mit ihren drei kleinen Geschwistern Lisa, Männe und Kalle und ihren Eltern teilt sie sich eine winzige Wohnung. Die Mutter arbeitet bis tief in die Nacht an Kaschmirschals und der Vater in einer der zahlreichen Fabriken. Doch der Vater versäuft einen Großteil des hart verdienten Lohnes, vom dem die Familie eigentlich jeden Pfennig bitter nötig hat, in seiner Stammkneipe, weswegen auch Clara in einer Weberei schuften muss. Doch trotz ihrer Arbeit reicht das Geld hinten und vorne nicht: Das Leben der Familie ist hart, das Essen karg und Fleisch eine Rarität.
Ein derartiges Leben ist für Margarethe von Zug unvorstellbar. Die junge Bankierstochter wohnt mit ihren steinreichen Eltern in einer prächtigen Villa und führt ein Leben im Überfluss. Dass es auch ein Leben außerhalb dieses Luxus' gibt, erlebt Margarethe, als sie sich im Wohltätigkeitsverein „Misericordias“ ihrer Mutter engagiert und dort auf das Elend der Mietskasernen trifft. Erschüttert von den dort herrschenden Verhältnissen, beschließt sie, aktiv etwas verändern zu wollen. Doch dieses Erlebnis öffnet ihr auch die Augen über ihren eigenen Luxus und sie bemerkt, in welch goldenem Käfig sie wohnt. Sie fühlt sich gefangen in ihrer Welt, in der sich alles um die nächste gesellschaftliche Veranstaltung und um die schönste und teuerste Kleidung dreht und wo sich anscheinend niemand sonderlich um das Elend der Arbeiterklasse kümmert.
So unterschiedlich Clara und Margarethes Welten sind, so sehr lieben beiden denselben Mann: den Dichter Johann Niethnagel. Er lebt wie Clara in ärmlichen Verhältnissen in der Mietskaserne, wo er seine Gedichte verfasst, in denen er auf das Elend der Arbeiter aufmerksam macht und die Gleichgültigkeit der Reichen anprangert. Als Sozialist ist er bei den Reichen mehr als unbeliebt, was Margarethe ein Verhältnis mit ihm unmöglich macht. Doch trotzdem verlässt er Clara wegen Margarethe, was für Clara, die ihn für die Liebe ihres Lebens hielt, unfassbar ist und sie in tiefen Kummer stürzt. Margarethe hingegen bricht für ihn mit ihrer Familie, für die eine Beziehung mit einem Sozialisten eine unverzeihliche Aktion darstellt. Als Margarethe schließlich mit Johann zusammenzieht und ihn sogar heiratet, bedeutet das für sie die völlige Verstoßung aus ihrer Familie. Um die Wohnung zu finanzieren, verkauft sie all ihren teuren Schmuck und ihre Kleider und taucht in eine völlig neue Welt ein: eine Welt ohne Bedienstete, eine Welt, in der das Geld nicht immer für alles reicht, eine Welt ganz ohne Luxus. Zusammen mit Johann engagiert sie sich für den Sozialismus und kämpft in der Frauenbewegung mit. Clara hingegen muss noch weiter Schicksalsschläge verkraften: Ihr Vater leidet an einer schweren Lungenkrankheit und muss für längere Zeit auf Kur, wodurch sein Einkommen wegfällt. Um die Wohnung noch finanzieren zu können, muss Claras jüngere Schwester Lisa beim schmierigen Hausverwalter Riefke als Hausmädchen arbeiten. Als jedoch herauskommt, dass Riefke Lisa missbraucht, steht fest, dass Lisa dort unter keinen Umständen weiterarbeiten kann. Die kleine Lisa ist von dem Erlebten schwer traumatisiert und lebt in panischer Angst vor Riefke. Doch Riefke erfolgreich anzuzeigen, ist fast ein Akt der Unmöglichkeit, da man Frauen zu dieser Zeit bei derartigen Delikten kaum half und die Täter als Opfer darzustellen pflegte. Um Lisa dennoch vor Riefke zu beschützen, beschließen Johann und Margarethe, Lisa bei sich aufzunehmen und Margarethe gelingt es dank ihrer Herkunft, Riefke anzuzeigen. Schließlich erfährt sie von einem weiteren Vergewaltigungsopfer Riefkes, das bereit ist, vor Gericht gegen Riefke auszusagen. Als Riefke festgenommen wird, kann Lisa wieder nach Hause zurückkehren und findet Anstellung bei einer wohlhabenden alten Dame. Auch Claras Vater kehrt zurück nach Hause, wo seine Arbeitssuche allerdings wegen seiner angeschlagenen Lunge erfolglos bleibt. Zum Schluss fügt sich doch alles zum Guten: Clara verlobt sich mit einem Drucker namens Ernst und wird schwanger, Margarethe erwartet auch ein Kind und versöhnt sich mit ihrer Mutter und Johann gelingt der Durchbruch als Dichter. Somit findet jeder trotz zahlreicher Tiefen sein persönliches Glück.
„Es war in Berlin“ ist ein Roman mit einer abwechslungs- und handlungsreichen Geschichte. Er schildert das Leben zweier Frauen, die beide versuchen, während der Frauenbewegung im 20. Jahrhundert ihr persönliches Glück zu finden. Dabei könnten die beiden Frauen unterschiedlicher nicht sein: Sie kommen aus völlig unterschiedlichen Schichten, haben komplett verschiedene Interessen. Doch genau dieser Unterschied macht das Buch so interessant. Denn dadurch lernt man die Kluft zwischen Arm und Reich dieser Zeit besonders gut kennen. Dadurch dass in dem Roman die Lebensweise beider Schichten, der Ober- und der Unterschicht, geschildert wird, bekommt man auch anstatt eines einseitigen Bildes einen Gesamteindruck dieser Zeit vermittelt, was zu einer der großen Stärken des Buches zählt. Denn das gibt einem die Chance, beide Seiten kennen zu lernen, und somit angemessen zu vergleichen und zu werten.
Eine weitere Stärke des Buches ist die Erzähltechnik der Autorin: Gabriele Beyerlein schafft es, den Leser durch ihre kreative Sprache und eine treffende Wortwahl in den Bann der Geschichte zu ziehen. Dabei vermittelt sie durch ihre lebendigen Schilderungen das Gefühl, selbst beim Geschehen anwesend zu sein. Zudem zeigt sie dem Leser die Welt der Frauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts eindrucksvoll und sorgfältig recherchiert. Politische und historische Ereignisse lässt sie ebenso in die Geschichte einfließen wie Informationen über die Lebensweise der Ober- und der Unterschicht zu dieser Zeit. Äußerst nützlich ist der Anhang, in dem sowohl einige historische Erläuterungen als auch eine Liste über die im Roman erwähnten historischen Personen zu finden sind.
Abschließend kann man sagen, dass Gabriele Beyerlein ein guter Roman gelungen ist, durch den man einen umfassenden Eindruck über das Leben, insbesondere über das der Frauen, zu Beginn des 20. Jahrhunderts erlangt. Trotzdem müssen die Leser, die sich einen Roman über die Frauenbewegung erhofft haben, enttäuscht werden, da es sich in dem Buch in erster Linie um das Schicksal dieser beiden Frauen und über die Höhen und Tiefen ihres Lebens dreht. Am Ende des Buches mag die Geschichte etwas zu idyllisch enden, aber das ist Geschmackssache.
(Betreut von Dr. Claudia Weiser)
Empfohlene Zitierweise
Gabriele Beyerlein: Es war in Berlin, Stuttgart: Thienemann Verlag 2009, 720 Seiten, ISBN 978-3-522-20043-1, EUR 22,00, gelesen von Franziska Krug. lesepunkte 5 (2010), Nr. 1, in: lesepunkte, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/7467/
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Erstellt: 24.02.2010
Zuletzt geändert: 24.02.2010



