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Floortje Zwigtman: Wolfsrudel, Hildesheim: Gerstenberg Verlag 2006, 512 Seiten, ISBN 978-3-8067-5117-8, EUR 15,90.
gelesen von Jan Bruger, 9. Klasse
Wernher-von-Braun-Gymnasium Friedberg
lesepunkte: ●●●●○

Im 15. Jahrhundert wird die Walachei, ein kleines Fürstentum im heutigen Rumänien, vom sich immer weiter ausdehnenden Osmanischen Reich bedroht. Um die Sicherheit seines Landes zu gewährleisten, liefert der walachische Fürst seine beiden jüngsten Söhne dem Sultan als Geiseln aus. Am Hofe des Herrschers entfremden sich die beiden Jungen, der etwas exzentrische, kriegerische Vlad und der jüngere, sanftmütige Radu, immer mehr. Als junger Mann kehrt Vlad Tepes in die Walachei zurück, besteigt den Thron, wird abgesetzt, erobert ihn erneut und macht sich durch einen grausamen Regierungsstil unbeliebt. Er führt Krieg gegen die Osmanen, wird aber schließlich von seinem Bruder, nunmehr ein osmanischer Offizier, gestürzt. Seine Frau, eine junge Adlige namens Mara, begeht während der Belagerung der letzten Bastion Vlads Selbstmord, spukt jedoch von da an als Vampir umher. Der Fürst selbst kann nach Ungarn fliehen und gewinnt den walachischen Thron nach dem Tode Radus mit ungarischer Hilfe erneut für sich, fällt aber in einer Schlacht gegen die Truppen eines seiner vielen Widersacher. Man begräbt ihn auf Kloster Snagov, wo auch seine Reichtümer versteckt sein sollen. Er wird bekannt unter dem Namen Dracula.
Ungefähr 400 Jahre später, ebenfalls in der Walachei: Die drei Dorfjungen Ion, Alexandru und Vulpe sind des langweiligen Bauernlebens überdrüssig und schließen sich der jugendlichen Räuberbande von Vulpes Bruder Lupu an, einer Gruppe, die sich „Wolfsrudel“ nennt und, mit Hilfe der Bauern als Informanten, fremde Händler und Reisende überfällt. Nach einem ziemlich ruppigen Begrüßungsritual müssen die Neulinge, da sie die Aufnahmeprüfung, einen Diebstahl, verpatzt haben, zunächst einige Zeit als „Sklaven“ für die Räuber herhalten, was für sie mit großen Unannehmlichkeiten verbunden ist. Die Bande nistet sich auf einer Klosterinsel ein, auf der die Ruinen von Snagov stehen. Dort stoßen sie auf das Grab Vlad Tepes’ (alias Dracula) und plündern es, doch Vulpe fühlt sich bei der Aufteilung der Beute von seinem Bruder übergangen, was zu erstem Zwist zwischen den Geschwistern führt.
Bald entdecken sie, dass sie nicht allein auf Snagov sind: Hier lebt auch ein Schafhirte, der, wie sich herausstellt, kein Geringerer als der Wiedergänger Vlad Draculas ist, sowie dessen Gefährtin Mara und Radu, der sich als Einsiedler tarnt. Vlad Tepes und Radu haben insgeheim eine Wette abgeschlossen, in der es darum geht, ob sich die jungen Räuber von Vlad auf die Seite des Bösen ziehen lassen. Indes wächst die Feindseligkeit und Rivalität zwischen Vulpe und Lupu immer mehr, befeuert von Vlad Tepes. Vulpe gründet schließlich heimlich eine eigene Räubergruppe, fliegt jedoch bald durch den Mord an Stroe auf, dem jüngsten Mitglied der Bande, der im Begriff war seine Pläne zu durchkreuzen. So zerfällt das „Wolfsrudel“ in zwei Teile, die sich von da an mit zunehmendem, von Vlad Tepes noch zusätzlich geschürtem Hass bekämpfen. Der Schafhirte nimmt Vulpe unter seine Fittiche, und dieser wird zusehends mehr und mehr von ihm abhängig, der Einsiedler hingegen stellt sich auf Lupus Seite.
In Alexandru und Ion, welcher sich zu allem Überfluss in die mysteriöse Mara verliebt, wachsen durch die große Brutalität zwischen den beiden Banden Zweifel an der Vertrauenswürdigkeit und dem Führungsstil des Schafhirten.
Alles scheint sich zum Guten zu wenden, als man eine Friedensverhandlung vermittelt – doch die Rechnung wurde ohne Vlad Tepes gemacht ...
Dies alles erzählt Ion eines Tages seinem Sohn Vilcu. Dieser schreibt es in einem Buch nieder, aber er ist sich nicht sicher: Hat sein alter Vater das alles nur erfunden – oder ist es die erschreckende Wirklichkeit?
„Wolfsrudel“ ist in drei, teilweise ineinander verflochtene Einheiten untergliedert: In Ions Erzählung, in die Geschichte des Vlad Tepes und seines Bruders und in den von Vilcu verfassten Rahmen. Außerdem enthält das Buch ein zusätzliches Kapitel über den historischen Hintergrund von Vlad Tepes und Radu (und hier tut sich ein Dilemma auf: Liest man dieses Kapitel gleich zu Anfang, hilft es einem beim besseren geschichtlichen Verständnis des Romans, es nimmt der Geschichte allerdings durch Vorwegnahme von Teilen der Handlung etwas ihren Schwung, liest man es zum Schluss, können, bei sich weniger in der Materie auskennenden Lesern, durchaus Verständnislücken auftreten) sowie ein Glossar und eine Karte.
„Wolfsrudel“ vermag es durchaus, in derselben literarischen Liga zu spielen wie „Krabat“ oder „Der Name der Rose“. Der sprachliche Stil ist gut verständlich, recht kompakt und unkompliziert. Das Buch bietet eine Mischung aus Psychologie und Magie, aus Abenteuergeschichte und Experiment, aus Historie und Fiktion, aus einfachem menschlichen Dasein und höheren Kräften. Wer beim Namen „Vlad Dracula“ eine Vampirgeschichte erwartet, wird enttäuscht sein (auch wenn es an Surrealismus, vor allem gegen Ende, nicht mangelt).
Vielmehr handelt es sich um ein „psychologisches Experiment“, verpackt in eine ansprechenden Handlung mit einigen gelungenen Höhepunkten. „Wolfsrudel“ liest sich angenehm flüssig und kurzweilig, wenn auch eines fehlt: Wirkliche, überspitzt formuliert: „nervenaufreibende“ Spannung, von der in einem solchem Buch, trotz seines Anspruches, ein wenig mehr erwartet werden könnte. Über den Realitätsgehalt der im Buch beschriebenen psychologischen Situationen und der daraus resultierenden Handlungen lässt sich streiten, denn jene sind nur erdacht und aller Wahrscheinlichkeit nach nicht wissenschaftlich fundiert. Ist es wirklich möglich durch bloßes geschicktes Zureden aus mehr oder weniger harmlosen Jungen brutale Mörder zu machen? Das Buch verzichtet zugunsten eines gewissen Niveaus, salopp gesagt, auf „Thrill“, es ist verhältnismäßig geistreich und tiefgründig und überzeugt durch hohes Lesevergnügen und Anregung zum Nachdenken. Zusätzlich gewinnt man einiges vielleicht entlegenes, aber dennoch interessantes Wissen über das östliche Europa des 15. Jahrhunderts – vier Lesepunkte.
(Betreut von Dr. Christof Paulus)
Empfohlene Zitierweise
Floortje Zwigtman: Wolfsrudel, Hildesheim: Gerstenberg Verlag 2006, 512 Seiten, ISBN 978-3-8067-5117-8, EUR 15,90, gelesen von Jan Bruger. lesepunkte 3 (2008), Nr. 6, in: lesepunkte, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/6675/
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Erstellt: 15.12.2008
Zuletzt geändert: 15.12.2008




