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Patricia McCormick: Verkauft, Frankfurt am Main: Fischer Schatzinsel 2008, 320 Seiten, ISBN 978-3-596-85243-7, EUR 13,90.
gelesen von Cosima Luther, 12. Klasse
Wernher-von-Braun-Gymnasium Friedberg
lesepunkte: ●●●●○

„Verkauft“ von Patricia McCormick handelt von dem 13-jährigen Mädchen Lakshmi aus Nepal, das von Mädchenhändlern an ein Bordell in Kalkutta verkauft wird. „Lakshmi“ ist auch der Name der Göttin, die „die Erde umkreist und die Demütigen und Reinen mit Reichtum und Glück segnet“ (55). Die Lebens- und Leidensgeschichte beginnt in einem unbedeutenden Dorf im Bergland Nepal, führt Lakshmi auf eine lange Reise über die Grenze nach Indien, bis hin nach Kalkutta im Osten des Landes. Sie wächst mit ihrer Ama (Mutter), dem Stiefvater und ihrem kleinen Stiefbruder auf. Nach dem Tod ihres Vaters hat der Stiefvater die kleine Familie aufgenommen, wofür sie ihm zu ewigem Dank verpflichtet sind. Lakshmi muss ehrerbietig alle ihr übertragenen Aufgaben erfüllen, obwohl sie miterlebt, wie ihr Stiefvater, ein alter, alkohol- und spielsüchtiger Mann, mit Freunden über den Unterschied „zwischen der Zeugung eines Sohnes und der Verheiratung einer Tochter“ lacht und das wenige Einkommen der Familie am Spieltisch verliert.
Lakshmis Alltag beginnt sehr früh mit Wasserholen aus dem Dorfbrunnen. Danach kann sie für ein paar Stunden in die Schule, abends kocht sie für den Stiefvater. Wenn vom Essen etwas übrig bleibt, darf zuerst das Baby, dann Lakshmi selbst und zum Schluss die Ama etwas essen. Lakshmi träumt davon, in die Stadt zu gehen und als Dienstmädchen einer reichen Familie zu arbeiten. Eine Fremde kommt in das Dorf und erzählt Lakshmi von der Stadt. Sie verhandelt lange mit dem Stiefvater über den Verkaufspreis und Lakshmi wundert sich, warum er jetzt schon Geld bekommt. Sie weiß nicht, dass die Fremde, eine Mädchenhändlerin, Lakshmi an ein Bordell verkaufen soll und ihre Familie keine Rupie mehr bekommt als die 800 Rupien des Verkaufspreises.
Es beginnt ein Weg durch viele Dörfer Nepals, ein langer Weg, den sie zu Fuß gehen müssen. Sie wird weiterverkauft an einen Mann, der ihr Onkel sein soll, den sie aber Ehemann nennen muss. Lakshmi soll still sein, und „Onkel Ehemann“ beschützt sie vor den „bösen Männern mit den Waffen“ an der Grenze. Sie schaffen es nach Indien, fahren weiter nach Kalkutta. Unterwegs muss Lakshmi miterleben, wie einem Mädchen, das ihrem sehr viel älteren Ehemann weglaufen wollte, die Haare geschoren werden. „Onkel Ehemann“ erklärt, dass das ein Zeichen für die Schande ist, die sie über sich gebracht hat. Niemand werde helfen, wenn sie wieder versucht wegzulaufen. Lakshmi kommt in Kalkutta an, wo sie zum „Haus der Heiterkeit“ gebracht und an die Dame des Hauses, Mumtaz, verkauft wird. Sie wird geschminkt und schön angezogen, bis sie sich selbst nicht wieder erkennt.
Lakshmi muss in ein Zimmer gehen, in dem ein alter Mann auf dem Bett liegt. Und erst als dieser sich auf sie legt, seine Zunge in ihren Mund drängt und ihre Beine auseinanderzerrt, erkennt sie, wohin sie verkauft worden ist. Sie beißt dem alten Mann in die Zunge und flieht in ihr Zimmer, packt ihre Sachen. Doch Mumtaz hält sie brutal zurück und macht ihr klar, dass sie ihr 10.000 Rupien schuldet, die sie im „Haus der Heiterkeit“ abarbeiten muss. Zuerst versucht Mumtaz, ihr mit Schlägen den Willen zu brechen, dann lässt sie Lakshmi hungern. Als nichts funktioniert, wird sie unter Drogen gesetzt. Lakshmi führt Tagebuch. Sie schreibt auf, was sie erlebt hat. Sie stellt Berechnungen an. Sie hat herausgefunden, dass jeder Kunde 30 Rupien für sie bezahlt. Wenn sie jede Nacht sechs Kunden hat, kann sie in ungefähr dreieinhalb Monaten gehen. Aber man sagt ihr, dass Mumtaz zusätzlich Geld verlangt für das Essen, für die Unterbringung und für die monatliche Spritze vom Arzt gegen eine Schwangerschaft. In einer Nacht bezahlt schließlich ein Amerikaner für Lakshmi, aber er redet nur mit ihr. Er fragt sie, ob sie hier weg will, ob sie gegen ihren Willen hier festgehalten wird. Sie ist zu schüchtern, um zu antworten, und so lässt er ihr nur eine Karte mit amerikanischen Worten da. Und als sie eines Tages von Shilpa, der Spionin von Mumtaz, erfährt, dass sie nur angelogen worden ist und wohl solange im „Haus der Heiterkeit“ bleiben muss, bis sie alt, krank und unbrauchbar ist, beschließt sie, mit Hilfe der Amerikaner zu fliehen. Sie gibt die Karte mit den amerikanischen Zeichen einem Straßenjungen und hofft, dass er sie den Amerikanern gibt… Mit den folgenden englischen Worten kann sie sich retten: „Ich heiße Lakshmi. Ich komme aus Nepal. Ich bin 14 Jahre alt.“
Nun stellen sich viele Fragen. Wie verläuft das weitere Leben von Lakshmi? Kann sie sich an ihrem Stiefvater für das rächen, was er ihr angetan hat? Wird sie all diese fürchterlichen Ereignisse jemals verkraften können, wenn sie sie schon nicht vergessen kann? Patricia McCormick überlässt die Antworten der Fantasie und Vorstellungskraft des Lesers, zwingt ihn, über das Buch nachzudenken. Das Buch ist zwar keine Biografie, alle Figuren sind frei erfunden, doch die Autorin schreibt so, dass die Romanheldin selbst ihre Geschichte erzählt.
Im Stil eines Tagebuchs schildert Lakshmi ihre Eindrücke, der Schreibstil ist sehr knapp, aber trotzdem ausführlich genug. Die Sprache ist die eines kleinen, unschuldigen Mädchens, das allmählich die Realität und deren Brutalität kennen lernt. In kurzen Absätzen, meist nicht mehr als fünf pro „Tagebucheintrag“, wird die Geschichte erzählt. Doch entspricht das alles der Realität? Die Autorin schreibt in ihrem Nachwort, dass sie bei ihren Recherchen dem Weg der nepalesischen Mädchen gefolgt ist. Außerdem hat sie mit Mitarbeitern von Hilfsorganisationen gesprochen, die Mädchen aus Bordellen retten und anschließend versorgen – und vor allem hat sie mit den Betroffenen selbst Gespräche geführt. Diese, so schreibt sie, sprechen mit großer Würde von den Geschehnissen, sie engagieren sich selbst, indem sie in Nepal von Dorf zu Dorf gehen und den Familien dort erzählen, was wirklich mit ihren Töchtern geschieht und manchmal verklagen sie sogar die Händler.
Kaum zu fassen, dass sich solch schreckliche Dinge in unserer heutigen Zeit ereignen. Selbst wenn sie von ausländischen Hilfsorganisationen gerettet werden, die Erinnerung an diese schreckliche Zeit werden die Frauen für immer in sich tragen. Lakshmi ist ein unschuldiges, kleines, hoffnungsvolles Mädchen, das nur an ihre Familie und die Verbesserung ihrer Lebensumstände denkt. Immer glaubte sie an das Gute im Menschen. Bis sie in Form von Sexsklaverei eine Welt entdeckt, in der niemand ihr hilft. Und trotzdem gibt sie in all dieser Zeit niemals auf. Zuerst klammert sie sich an die Hoffnung, sich irgendwann einmal freikaufen zu können. Als ihr auch diese Illusion genommen wird, fasst sie den Entschluss, mit Hilfe der Amerikaner zu fliehen. So schafft sie es, niemals die Hoffnung oder ihren eigenen Willen zu verlieren. Ihr Körper wurde besudelt und verletzt, innerhalb eines Jahres ist sie vom 13-jährigen Mädchen zur 14-jährigen Frau herangereift. Das macht sie zu einer ungewöhnlichen Jugendbuchheldin, doch sie ist zweifellos eine Heldin.
(Betreut von Dr. Christof Paulus)
Empfohlene Zitierweise
Patricia McCormick: Verkauft, Frankfurt am Main: Fischer Schatzinsel 2008, 320 Seiten, ISBN 978-3-596-85243-7, EUR 13,90, gelesen von Cosima Luther. lesepunkte 3 (2008), Nr. 4, in: lesepunkte, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/6052/
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Erstellt: 13.08.2008
Zuletzt geändert: 13.08.2008




