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John Boyne: Der Junge im gestreiften Pyjama, Frankfurt am Main: Fischer Schatzinsel 2007, 272 Seiten, ISBN 978-3-596-85228-4, EUR 13,90.
gelesen von Daniel Hektor, 9. Klasse
Gymnasium bei St. Anna, Augsburg
lesepunkte: ●●●●●

Was weiß man über ein Buch, wenn man es aufschlägt und zu lesen beginnt?
Heißt das Buch "Der Junge im gestreiften Pyjama", so weiß man nur Folgendes:
"Wer zu lesen beginnt, begibt sich auf eine Reise mit einem neunjährigen Jungen namens Bruno. (Und doch ist es kein Buch für Neunjährige.) Früher oder später kommt Bruno an einen Zaun." (Umschlagtext)
Und mehr muss man gar nicht wissen. Viel mehr weiß Bruno selbst auch nicht.
Er weiß mit Sicherheit, dass sein Leben sich in den letzten Tagen geändert hat. Dass er wegziehen musste, von dem schönen großen Haus in Berlin. Er ist sich nicht ganz sicher, wohin er gezogen ist, vielleicht ist er hier tatsächlich in Polen, das seines Wissens nach irgendwo in Dänemark liegt. Warum das neue, nicht ganz so schöne Haus, in dem seine Familie jetzt wohnt und das nur drei Stockwerke besitzt, "Aus-Wisch" heißt, weiß er allerdings nicht. Er weiß auch eine lange Zeit nicht, was der große Zaun vor ihrem Haus zu suchen hat. Und wer all die Kinder und Männer dahinter sind. Warum sie alle gestreifte Pyjamas tragen. So viele Kinder, die dort drüben wahrscheinlich stundenlang spielen können und ihren Spaß haben. Seine Schwester Gretel, "der hoffnungslose Fall", kann ihm das alles natürlich auch nicht wirklich erklären. Seinen Vater zu fragen, über den er nur weiß, dass er "ein Mann war, auf den man ein Auge haben musste, und dass der Furor Großes mit ihm vorhatte", kommt natürlich auch nicht in Frage.
Aber wozu ist Bruno denn ein Forscher? Früher, in seinem großen Haus in Berlin, hat er jede Menge Dinge gefunden und erforscht. Hier ist das Haus natürlich viel zu klein – warum also soll er nicht einfach dem Zaun folgen? Irgendwann einmal muss er ja auf irgendetwas Interessantes stoßen. Und das tut Bruno. Besser gesagt etwas stößt auf Bruno. Genauer gesagt ein "Punkt, der ein Fleck, dann ein Klacks, dann ein Schemen und schließlich ein Junge wurde". (131) Eine Junge im gestreiften Pyjama, mit einer seltsamen Armbinde mit einem Stern darauf. Schmuel heißt er. Und er steht auf der anderen Seite des Zaunes.
Ein Unrecht, wie Bruno findet. Schmuel kann bestimmt den ganzen Tag mit den vielen Kindern auf der anderen Seite des Zaunes spielen. Er bekommt das Gefühl auf der falschen Seite des Zaunes zu stehen. Bis er eines Tages beschließt, auch diese Seite des Zaunes zu erforschen …
"Der Junge im gestreiften Pyjama" ist zweifellos ein ganz und gar ungewöhnliches Buch. Denn Bruno ist naiv. Er schildert keine Konflikte, nicht den Krieg, nicht das Leid der "Leute in den gestreiften Pyjamas". Der Furor, der eines Tages, als Bruno noch in Berlin lebte, zu ihnen zu Besuch kam, ist für ihn einfach nur ein sehr kleiner, schrecklicher Mann. Wenn sein Vater und dessen Soldaten da sind, sagt er zur Begrüßung und zum Abschied einfach diese zwei Worte, die, wie er vermutet, einfach eine andere Möglichkeit sind zu sagen: "Na dann, auf Wiedersehen und einen schönen Nachmittag." (71) Und der Krieg stört ihn nur, weil er nun abends nicht mehr lesen kann, da sie alle das Licht ausmachen müssen. Er hat keine Vorurteile und ist nicht von der Propaganda beeinflusst. Er ist einfach ein neunjähriger Junge, der an einen Zaun kommt. Der nicht weiß, was hinter dem Zaun lauert. Der nichts Schlechtes kennt, der einfach denkt, dass dahinter all die Leute dort fröhlich spielen können.
John Boyne hat mit diesem Buch etwas ganz und gar Außergewöhnliches geschaffen. Inhaltlich verblüffend, teilweise sehr schockierend, bewegend und sprachlich sehr gut durchdacht, geht man mit Bruno völlig vorurteilslos auf eine Reise. Eine Reise, auf der man viele Personen kennenlernt, beispielsweise Brunos Mutter, die in letzter Zeit öfters einen "medizinischen Sherry" trinkt, und das "überbezahlte Dienstmädchen" Maria, von dem Bruno das erste mal in "Aus-Wisch" erkennt, dass auch sie ein "richtiger Mensch, mit einem Leben und einer eigenen Geschichte" (78) ist. Dann ist da natürlich auch Brunos Vater, von dem jeder wusste, dass er "ein Mann war, auf den man ein Auge haben musste, und dass der Furor Großes mit ihm vorhatte", oder Brunos Großmutter, die sich im Grab umdrehen würde, wenn sie wüsste, dass der Furor einen Blumenkranz zu ihrem Begräbnis geschickt hat. Und auf dieser Reise lernt man Bruno am wenigsten kennen. Man weiß nicht viel über ihn, aber mehr weiß Bruno selbst ja auch nicht.
Ich verleihe dem Buch "Der Junge im gestreiften Pyjama" von John Boyne alle fünf Lesepunkte für seine außergewöhnliche Geschichte, die schlichte doch einfallsreiche Sprache und die Figuren auf beiden Seiten des Zaunes. Für eine Reise und eine Geschichte.
Für eine Fabel. Mehr ist die Geschichte ja nicht – nur eine Fabel. Denn "natürlich geschah dies alles vor langer Zeit, und etwas Ähnliches könnte nie wieder passieren. Nicht in diesen Tagen. Nicht in diesem Zeitalter." (266)
(Betreut von Dr. Claudia Weiser)
Empfohlene Zitierweise
John Boyne: Der Junge im gestreiften Pyjama, Frankfurt am Main: Fischer Schatzinsel 2007, 272 Seiten, ISBN 978-3-596-85228-4, EUR 13,90, gelesen von Daniel Hektor. lesepunkte 3 (2008), Nr. 1, in: lesepunkte, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/5673/
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Erstellt: 05.02.2008
Zuletzt geändert: 05.02.2008




