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Elisabeth Zöller: Anton oder die Zeit des unwerten Lebens, Frankfurt am Main: Fischer Schatzinsel 2006, 224 Seiten, ISBN 978-3-596-80516-7, EUR 6,95.
gelesen von Isabel Weigl, 8. Klasse
Gymnasium bei St. Anna, Augsburg
lesepunkte: ●●●●●

„Lehrer Heimann hat Anton immer mehr auf dem Kieker.
Er gibt Strafarbeiten, wenn Anton zuckt.
Er schlägt, wenn Anton schweigt.
Er lacht ihn aus, wenn Anton stottert.
Er spottet, wenn Anton rechnet.
Einer wie Anton hat in der Schule nichts zu suchen.
Einer wie Anton hat eigentlich gar kein Recht zu leben.
Denn Anton ist behindert und es ist das Jahr 1941.“
Anton wird im Jahr 1932 geboren. Zu dieser Zeit findet Hitler immer mehr Anhänger. Anton entwickelt sich normal, und als er zu sprechen beginnt, bellt die Stimme des Führers aus dem Radio durch das Zimmer. Als Anton anfängt zu malen, werden Menschen in Konzentrationslager gesperrt, Juden aus ihren Berufen entfernt und Flugzeuge gebaut. Die Welt für Anton ist heil und er ist ein glückliches Kind. Bis zu dem einen Nachmittag: Anton läuft vor eine Straßenbahn und kommt mit einer Gehirnerschütterung ins Krankenhaus. Er hört auf zu sprechen. Als er schwerfällig wieder damit beginnt, stotterte er und hat eine Lähmung im rechten Arm. Seit dem Unfall ist er geistig behindert und kein Facharzt kann ihm helfen.
Es ist das Jahr 1938, Antons Vater und Onkel, die beide Lehrer sind, sorgen dafür, dass er in die Schule gehen darf, da er ein erstaunliches Rechentalent besitzt. Aber Anton erfährt dort nur Abneigung, er wird von den anderen Schüler beschimpft und geschlagen. Den Kindern wird verboten, mit ihm zu spielen. Nur David, ein Jude, spielt noch mit ihm, bis er, wie auch die Besitzer des Ladens, der sich gegenüber des Hauses von Antons Familie befindet, abgeschoben wird. Anton schafft es kaum zu schreiben, mit seinem linken Arm könnte er schreiben, aber „deutsche Jungen schreiben mit rechts“.
Anton beginnt, während er immer älter wird und doch unerfahren bleibt, zu verstehen, dass das, was seine Familie unter sich Zuhause sagt, geheim bleiben muss, da alle sonst in großer Gefahr sind. Er wird verschwiegen.
Der Krieg, den Deutschlands führt, fordert immer mehr Männer. Die Väter von Antons Mitschülern fallen und sein eigener Vater hat eine Verletzung, weshalb er nicht in den Krieg kann. Anton ist glücklich darüber. Die Stadt wird bombardiert, der Bischof in Münster hält eine Rede gegen die sogenannte Euthanasie, die Sterbehilfe an Behinderten, und die Rede wird publik gemacht. Die Schüler und Lehrer an Antons Schule drangsalieren ihn immer mehr und die Angst um Anton wird immer schlimmer, da die Macht Hitlers immer größer wird. Den Krieg scheint Hitler jedoch zu verlieren, immer mehrere Männer fallen. In der Schule lehnt sich Anton gegen Herrn Heimann auf, der ihn immer mehr beleidigt. Die Familie Antons bekommt Hilfe von anderen, wie zum Beispiel von der Mutter eines getöteten behinderten Kindes, die Anton beim Schreiben hilft.
Doch dann wird die Gefahr im Jahre 1943 zu groß, Anton wird zur Geheimsache, zur Geheimsache Anton ...
Das Buch „Anton oder die Zeit des unwerten Lebens“ beruht auf einer wahren Begebenheit, es ist die Geschichte des Onkels der Autorin, die in ihrem Nachwort erzählt, wie sie den Stoff der Geschichte fand. Die Namen im Buch aber sind verändert.
Das Buch ist in drei Teile gegliedert: im ersten wächst Anton heran, im zweiten geht Anton zur Schule und der dritte Teil handelt von der Geheimsache Anton. Der erste Teil ist in der Vergangenheit erzählt, doch ab dem zweiten Teil hat man durch die Verwendung der Gegenwart das Gefühl, man sei direkt im Geschehen.
Die Geschichte ist in einer sehr einfachen Sprache erzählt, was den Anschein erweckt, dass Anton seine Geschichte selbst mit seiner einfachen Denkweise wiedergibt. Die Erlebnisse Antons werden spannend erzählt und man kann kaum mehr aufhören, das Buch zu lesen, da man unbedingt erfahren will, was mit Anton geschieht und ob er überlebt.
Ein weiterer guter Schachzug der Autorin ist der Blickwinkel: Da die Geschichte fast nur aus Antons Sicht erklärt wird, erkennt man, wie er seine Erlebnisse sieht und aufnimmt. Sein Verhalten und seine oft beschriebenen Gedanken bestärken den Eindruck, dass Anton ein einfach denkendes Kind ist. Sehr gut finde ich, dass die Geschichte eng mit dem historischen Umfeld verbunden ist. Die Episode um den Bischof Clemens August Graf von Galen, der, wie ich herausgefunden habe, wirklich gelebt und sich gegen das Verhalten der Nationalsozialisten und auch gegen die Euthanasie aufgelehnt hat, fand ich sehr informativ.
Ebenso interessant war das Nachwort von Ernst Klee, einem Autor und Journalisten, der sich mit Medizinverbrechen im Nationalsozialismus beschäftigt hat. Darin wird vieles zu der Abschiebung und Tötung von Behinderten in der NS-Zeit erklärt. Sehr beeindruckt hat mich die Geschichte eines Mannes, der selber viele Kinder tötete und plötzlich damit aufhörte. Klee schreibt dazu: „Es gab einen Arzt, Dr. Fritz Kühnke, der selbst zahlreiche Kinder tötete. Dann bekam seine Frau selbst ein behindertes Kind. Kühnke ließ es nicht töten, er hörte vielmehr mit dem Töten auf.“
Es handelt sich also um ein sehr gelungenes Buch mit einem empfehlenswerten Nachwort. Es wird nicht nur Lesern gefallen, die sich für die NS-Zeit interessieren, sondern auch Lesern, die sich sonst nicht mit diesem Thema beschäftigen. Ich gebe diesem Buch, das auch mit dem Gustav-Heinemann-Friedenspreis ausgezeichnet wurde, 5 Lesepunkte, da es mich sehr beeindruckt hat.
(Betreut von Dr. Claudia Weiser)
Empfohlene Zitierweise
Elisabeth Zöller: Anton oder die Zeit des unwerten Lebens, Frankfurt am Main: Fischer Schatzinsel 2006, 224 Seiten, ISBN 978-3-596-80516-7, EUR 6,95, gelesen von Isabel Weigl. lesepunkte 2 (2007), Nr. 6, in: lesepunkte, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/5630/
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Erstellt: 13.12.2007
Zuletzt geändert: 13.12.2007




