lesepunkte.de
Direktlink für Screenreader:Themen-Navigation|Text

Uwe M. Schneede: Die Kunst des Surrealismus. Malerei, Skulptur, Dichtung, Fotografie, Film, München: C.H. Beck Verlag 2006, 265 Seiten, 114 Abb., ISBN 978-3-406-54683-9, EUR 29,90.
gelesen von Ferdinand Schachinger, 11. Klasse
Wittelsbacher-Gymnasium München
lesepunkte: ●●●●○

Dieses Buch setzt voraus, dass man sich bereits für die Kunstrichtung des Surrealismus interessiert, oder noch besser, unheilbar mit dem Surrealismus-Virus infiziert ist, wie es Salvador Dalí formulieren würde. Zu umfassend für den "normalen User" sind die Informationen, zu philosophisch das Kapitel über das surrealistische Denken, als dass es zur gemütlichen Unterhaltung gelesen werden könnte. Sucht man jedoch ein umfassendes Sachbuch mit vielen Illustrationen, einem chronologischen Aufbau, das sich mit allen Erscheinungsformen des Surrealismus und dessen Vertretern intensiv auseinandersetzt, ist "Die Kunst des Surrealismus" von Uwe M. Schneede sehr zu empfehlen.
Das erste Kapitel des Buches befasst sich mit der "Gründung" des Surrealismus und dessen Entwicklung von 1919 bis 1924, sowie mit Vorbildern und Einflüssen, wie dem Dadaismus, die die Surrealisten geprägt hatten. Der Surrealismus war anfänglich noch eine rein literarische Bewegung. André Bréton und andere wichtige Vertreter des Surrealismus werden eingeführt sowie das Programm des Surrealismus, die ganzheitliche Erfassung der Realität wird umfassend dargelegt. Frühe Praktiken der Surrealisten, wie die Autoécriture, also das unbewusste Schreiben in Trance, die Cadavres éxquis und die Traumprotokolle werden vom Autor ausgiebig behandelt und durch gut gewählte Illustrationen dem Leser näher gebracht.
Im nächsten Kapitel "Die surrealistische Revolution" geht der Autor auf das surrealistische Denken ein und erläutert Schlüsselbegriffe, wie das "Wunderbare" und die "konvulsivische Schönheit". Da die Denkansätze der Surrealisten ebenso komplex wie konfus sind, ist es nicht ganz leicht die philosophischen und theoretischen Texte dieses Kapitels zu verstehen.
("Hysterie ist der Inbegriff konvulsivischer Schönheit"…). Außerdem behandelt der Autor die Öffentlichkeitsarbeit und das politische Wirken der Surrealisten und legt einen Schwerpunkt auf die Rolle André Brétons als Schriftführer und "Chef" der surrealistischen Bewegung.
Das dritte Kapitel setzt sich umfassend mit der Malerei des Surrealismus auseinander. Zunächst wird erläutert, wie man sich von der abstrakten Malerei und der dadaistischen Collage wieder der traditionellen Malerei zuwandte und auf welche Weise das surrealistische Prinzip des direkten gedanklichen Niederschlags mit der Malerei vereinbart werden konnte. Da jeder Künstler des Surrealismus seinen eigenen Weg wählte und eigene Techniken erfand, behandelt Schneede jeden bedeutenden Künstler in einem eigenen Kapitel. Auffällig ist, dass er hierbei Max Ernst immer wieder hervorhebt und das Schaffen und Leben des ersten deutschen Surrealisten besonders umfangreich dokumentiert hat. Neben wichtigen biographischen Daten geht er aber auch auf die künstlerische Entwicklung der Maler ein und erläutert neue Maltechniken. Interessante und für die Künstler typische Illustrationen ergänzen die Texte.
Während im dritten Kapitel vor allem die Unterschiede der Surrealisten herausgearbeitet werden, befasst sich Uwe Schneede im vierten Kapitel mit dem Titel "Das surrealistische Bild" mit den gemeinsamen Prinzipien, die den Gemälden zu Grunde liegen. Erklärt und vertieft werden die Verfahren der Kombinatorik und Metaphorik, sowie die Beschaffenheit surrealistischer Landschaften und die Rolle der Puppe im Surrealismus. Auch das radikal veränderte Bild des Künstlers im Surrealismus, "weg von der alten Auffassung von Talent" hin zum Künstler als "unabhängigen Intellektuellen", wird erläutert.
Das letzte Kapitel "Die neuen Gattungen: Objekt, Fotografie, Film, Ausstellung" erzählt die Geschichte des Surrealismus zwischen 1931 und 1939, als es zur Trennung der Gruppe kam und man nun versuchte, den Surrealismus durch neue Kunstgattungen wieder zu frischem Leben zu erwecken. Uwe Schneede erklärt die surrealistische Skulptur, das surrealistische Objekt und die durch Man Ray geprägte Fotografie. Behandelt werden auch die Schockästhetik im surrealistischen Film und die Entdeckung der surrealistischen Ausstellung.
Eine Chronologie des Surrealismus, in der wichtige Ausstellungen und Veröffentlichungen, sowie andere wichtige Daten geführt werden, und eine alphabetisch geordnete Sammlung von Kurzbiographien aller wichtigen Künstler rundet das Buch ab.
Fazit: Uwe M. Schneedes Sachbuch "Die Kunst des Surrealismus" muss in der Bibliothek eines jeden Kunstliebhabers vorhanden sein, denn es ist sicherlich das umfassendste Werk über den Surrealismus seit Patrick Waldberg. Gerade auf Grund der besonders umfangreichen Informationsfülle ist dieses Sachbuch vor allem für Schüler wie auch Lehrer interessant, die sich mit dem Surrealismus intensiv beschäftigen möchten, und es ist beispielsweise zur Vorbereitung von Referaten sehr geeignet.
(Betreut von Christoph Hessel)
Empfohlene Zitierweise
Uwe M. Schneede: Die Kunst des Surrealismus. Malerei, Skulptur, Dichtung, Fotografie, Film, München: C.H. Beck Verlag 2006, 265 Seiten, 114 Abb., ISBN 978-3-406-54683-9, EUR 29,90, gelesen von Ferdinand Schachinger. lesepunkte 2 (2007), Nr. 5, in: lesepunkte, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/5554/
Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.
Erstellt: 19.10.2007
Zuletzt geändert: 19.10.2007




