Romane

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Karla Schneider: Marcolini oder Wie man ein Günstling wird, München: Deutscher Taschenbuch Verlag 2009, 416 Seiten, ISBN 978-3-423-62410-7, EUR 8,95. 

 

gelesen von Sarah Halaczkiewicz, 11. Klasse
Bischöfliches Albertus-Magnus-Gymnasium, Viersen-Dülken

 

lesepunkte: ●●○○○

 


Der historische Roman „Marcolini oder Wie man ein Günstling wird“ erzählt vom Leben des jungen Kammerpagen Camillo Marcolini am sächsischen Hof in Dresden im Jahre 1763.

Marcolini lebt mit anderen Pagen unter eher bescheidenen Verhältnissen bei Hofe, wo die Silberpagen ausgebildet werden und lernen, wie man sich hier zu verhalten hat. Dabei bemühen sie sich, vordergründig einen guten Eindruck zu hinterlassen. Im Hintergrund aber benehmen sich die Pagen, wie man es von Jugendlichen erwarten würde: Sie essen heimlich die Speisen, die für den Adel reserviert und zubereitet wurden, verschwinden unauffällig von ihren Posten und planen, gemeinsam das Hundetheater zu besuchen. 

Marcolini hält sich im Hintergrund und im Allgemeinen eher zurück, um im Vorteil zu sein. Er selbst ist der Meinung, etwas viel Besseres verdient zu haben und hofft auf ein weitaus angenehmeres und luxuriöseres Leben. Als sich ihm die Chance bietet, zum Kammerpagen befördert zu werden, verspricht sich Marcolini eine glorreiche Zukunft und unterstützt dabei ahnungslos eine hinterhältige politische Intrige, die die Mutter des Kurfürsten ins Leben gerufen hat, um die Herrschaft an sich zu reißen. Denn ihr Sohn, dessen Kammerpage Marcolini werden soll, ist der eigentliche Thronerbe und dies möchte sie verhindern. Marcolini begreift erst nach einiger Zeit seine Rolle in den Plänen der Fürstenmutter und stellt sich auf die Seite des jungen Prinzen. Auch seine eigenen ehrgeizigen und eigennützigen Pläne werden nach und nach durch eine wachsende Sympathie gegenüber dem jungen Kurfürsten ins Wanken gebracht, so dass er den Ruhm, den er erstrebt, zurückstellt und zunächst einmal der Freundschaft Vortritt lässt. 

Das Buch ist chronologisch aufgebaut und aus der Sicht Marcolinis in dritter Person erzählt. Es ist natürlich überwiegend in deutscher Sprache verfasst, jedoch werden polnische, französische, italienische und auch einige englische und lateinische Begriffe und Sätze verwendet, da am Hofe Kontakte zu anderen Ländern gepflegt wurden. Schon allein die Silberpagen wurden etwa aus Tschechien, Polen oder Italien an den sächsischen Hof geschickt, um dort ihre Ausbildung zu erhalten. Die fremdsprachigen Ausdrücke, Sätze und Bemerkungen sind eine Stärke des Romans, zugleich aber auch eine Schwäche. Denn durch die verschiedenen Nationalitäten der Figuren erhält das Buch einen besonderen Charme, der die dort beschriebene Zeit ausgesprochen lebensnah darstellt. Gleichzeitig werden allerdings längst nicht alle Aussagen in fremder Sprache übersetzt und das ständige Blättern zum Anhang auf den letzten Seiten, in dem einige wenige dieser Wendungen aufgelistet sind, ist meist erfolglos und auch im Lesefluss störend. 

Doch dadurch verliert der Roman keineswegs an Wirkung. Die Charaktere des Romans sind durchaus überzeugend beschrieben und man lernt ihre Persönlichkeit, ihre Angewohnheiten und ihre Stärken wie auch ihre Schwächen kennen. Sie sind anhand ihres Charakters gut auseinander zu halten, was man von ihren Namen nicht behaupten kann. Die Nachnamen der meisten Figuren sind entweder so lang, dass man sie unwillkürlich überliest oder sie nicht lange im Kopf behält (Lasczoczewski, Gliseczinski, Libsteinsky…). Aber wahrscheinlich waren das die Namen, die am sächsischen Hofe üblich waren. Da es auch überwiegend ausländische Protagonisten sind, tragen diese Namen zu der Authentizität des Buches bei.

Teilweise tauchen Figuren auf, die wirklich um diese Zeit gelebt haben. Tatsächlich gab es einen Camillo Marcolini, der allerdings fast ein Jahrzehnt früher geboren worden ist als der Charakter im Roman. Auch den Kurprinzen Friedrich von Sachsen hat es gegeben, wie auch seine Mutter Maria Antonia von Österreich. Dennoch ist die Handlung zum Teil frei erfunden. Die Intrige hat durchaus stattgefunden, allerdings bezweifle ich, dass Karla Schneider herausgefunden haben kann, dass Marcolini Kaffee aus der kurfürstlichen Küche hat mitgehen lassen, um nebenbei ein wenig Geld dazu zu verdienen. Aber an sich hat sie den Charakter dieser historischen Figur sehr gut ausgebaut und ihm eine mögliche Kindheit angedichtet.  

Die Handlung ist rückblickend recht spannend. Wenn man einer Person, die das Buch nicht gelesen hat, die Handlung beschreibt, klingt diese auch aufregend. Beschrieben werden hinterhältige Intrigen, die Härte des damaligen Lebens, die Gefühle, wenn man verliebt ist, wie auch viele weitere spannend klingende Ereignisse. Dennoch werden diese Höhepunkte nie richtig ausgearbeitet. Man verliert nach der zweiten oder dritten enttäuschenden Lösung eines solchen Höhepunktes die Hoffnung auf ein wirklich spannend beschriebenes Geschehen. 

Dies ist meines Erachtens die größte Schwäche dieses Romans, denn gerade als jugendlicher Leser wünscht man sich viel Spannung, die einen geschichtlichen Roman ansprechend gestaltet. Das ist der Autorin aus meiner Sicht nicht gelungen. Die grandios ausgearbeiteten Charaktere sind zwar eine kleine Rettung, aber selbst sie können in einem langwierigen Handlungsstrang keine Spannung erzeugen.  

Alles in allem ist „Marcolini oder Wie man ein Günstling wird“ aber recht humorvoll erzählt und erzählt eine authentische Geschichte, die sich teilweise so am sächsischen Hofe abgespielt hat – zwei Punkte: durchschnittliches Buch. 

(Betreut von Karoline Zielosko) 

 

 

Empfohlene Zitierweise

Karla Schneider: Marcolini oder Wie man ein Günstling wird, München: Deutscher Taschenbuch Verlag 2009, 416 Seiten, ISBN 978-3-423-62410-7, EUR 8,95, gelesen von Sarah Halaczkiewicz. lesepunkte 6 (2011), Nr. 3, in: lesepunkte, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/9038/

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Erstellt: 15.09.2011

Zuletzt geändert: 15.09.2011