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Günther Bentele: Das große Spiel des Herrn Trabac, Stuttgart: Thienemann Verlag 2003, 352 Seiten, ISBN 3-522-17605-7, EUR 18,00.
gelesen von Christian Thomas Wester, 10. Klasse
Justus-von-Liebig Gymnasium Neusäß

Die Handlung spielt in Bietigheim, Baden-Württemberg, im Jahre 1780. Das Land wird von einem Herzog regiert, um den sich ein gesamter Hofstaat geschart hat. Während die Reichen und Mächtigen in absolutem Wohlstand leben, sieht die Situation für die Bauern und Handwerker, für das einfache Volk, ganz anders aus: jeder Tag ein Kampf ums Überleben, noch dazu einer mit hohen Risiken. Denn wer durch Unfall, Unglück oder durch die Missgunst eines Mächtigen von der normalen Gesellschaft ausgeschlossen wird, dem bleiben oft nur zwei Möglichkeiten: das Betteln und das Rauben.
So erklärt sich die hohe Anzahl so genannter Räuberbanden, die damals die Gegend unsicher machten. Das Buch handelt von dem Konflikt eines Jungen, aufgewachsen mit höfischen Manieren und Umgangsformen, der sich unversehens in einer Räuberbande zurechtfinden muss, und von der Andersartigkeit dieser beiden Seiten der Gesellschaft. David, der junge, eingebildete Sohn eines Oberamtmanns soll für seinen Vater einen Brief an einen Fremden weitergeben, von dem er lediglich eine Beschreibung hat. Doch der Fremde taucht nicht auf, stattdessen wird David von zwei Soldaten gefasst und soll gegen seinen Willen zum Soldatendienst in Amerika rekrutiert werden. Die Lage scheint aussichtslos, obwohl er mit allen Mitteln versucht der Rekrutierung zu entgehen. Er versucht sogar, die Soldaten zu bestechen, worauf sie ihn als Deserteur ins Gefängnis werfen.
Doch dann taucht ein mysteriöser Herr auf, dessen Name Ignaz von Trabac lautet und der die Autorität und Macht eines Herzogs zu besitzen scheint. Er befreit David aus dem Gefängnis, macht ihm aber etwas unmissverständlich klar: Er kann nicht nach Hause zurück, denn das würde die Ungnade des Herzogs gegenüber seiner Familie heraufbeschwören. Er muss sich an einem Ort verstecken, „an dem ihn niemand verraten kann, da er sich selbst verraten würde“ (S. 47), in einer der Räuberbanden. Sich zu verstecken und zu warten, bis sich die Wogen geglättet haben, um den Herzog dann mit einem großzügigen Geschenk milde zu stimmen, sei die einzige Möglichkeit für David, in seine Familie zurückzukehren, so Trabac. Doch ist es wirklich Trabacs Ziel, David zu helfen? Denn je mehr David über den geheimnisvollen Gönner herausfindet, desto rätselhafter werden ihm dessen Motive, und schon bald gerät David in ein verwirrendes Geflecht aus Pflichtgefühl, Liebe, Hass und Verrat.
„Das große Spiel des Herrn Trabac“ ist meiner Meinung nach ein hervorragendes Buch. Spannend aufgebaut, basiert es auf einem wahren historischen Hintergrund, in den die Handlung perfekt eingebettet ist. Die realistisch dargestellte Situation von Arm und Reich, die Verachtung und Gleichgültigkeit der Wohlhabenden für die Armen ist urtypisch für die damalige Zeit, sie lässt starke Parallelen zur Situation Frankreichs kurz vor der Revolution erkennen, das sich in der gleichen Situation befand: Wenige Auserwählte besitzen nahezu alles, die gewaltige Mehrheit muss jeden Tag ums Überleben kämpfen. Die Geschichte entwickelt sich ebenso nachvollziehbar wie unvorhersehbar, wobei sie den Leser bis zur spannenden und sinnvollen Auflösung über die wahren Motive, Taten und Hintergründe der Figuren völlig im Dunkeln tappen lässt. Die Auflösung selbst ist verständlich, jedoch unerwartet und rundet das Buch einwandfrei ab, wobei dennoch Spielraum für eigene Gedankengänge und Anregung zum eigenen Weiterdenken vorhanden ist. Während das Umfeld der Personen sowie die Umgebung, in der die Geschichte spielt, sehr lebendig und die Phantasie anregend dargestellt wird, werden die Situation der Menschen und die für die damalige Zeit typische Gesellschaft auf interessante und unterhaltende Art und Weise vorgestellt. So erhält man durch das Lesen dieses Buches zum Beispiel einen Einblick in die Umgangsformen der Menschen am Hof des Herzogs, gleichzeitig aber auch interessante Informationen über die Situation der Räuber, des Gesindels, über das altertümliche Strafrecht, über die Ständegesellschaft und über Vieles mehr.
Zum Beispiel zeigt das Buch auf sehr eindringliche Art und Weise, wie sehr sich die Menschen am Hof den Vorlieben und Neigungen des Herzogs angleichen mussten oder dies auch wollten: Ein konkretes Beispiel wäre das Staatskleid (S. 4-5), das sich die Stiefmutter Davids wünscht, da die Gemahlin des Herzogs ebenfalls eines besitzt und das zum Ursprung des ganzen Übels in der Geschichte wird. Im Gegensatz dazu erfährt man jedoch mindestens genau soviel über das Leben der Räuber, über die unglücklichen Zufälle und Missgeschicke, die dazu führten, dass sie Räuber werden mussten. Man beginnt zu verstehen, dass die Räuber nicht immer die bösen Menschen sind, die anderen zum Zeitvertreib Schaden zufügen, nein, dass in vielen dieser Räuber ein Mensch steckt, mit Hoffnungen, Ängsten und Gefühlen wie sie jeder andere auch hat. Man erkennt, dass manche ihre Fehltaten bereuen und sich für ihre Vergehen schämen. Und doch müssen sie oft ihre Gräueltaten wiederholen, gezwungen durch den schieren Drang zu Überleben und das Wissen, dass sie sonst keine Chance haben durchzukommen. Das Buch bietet so eine leichte und unterhaltsame Möglichkeit, sich in die Problematik dieser Zeit einzuarbeiten, ohne dass man deswegen in Geschichtsbüchern oder Chroniken nach dem Thema suchen müsste.
Die Sprache ist, den Umständen angepasst, etwas altertümlich, so wird oft in einem Gespräch die dritte Person Singular verwendet (z.B. S. 31 „Warum hat Er ihn mir nicht gleich gegeben?“), was aber den Bezug zur Vergangenheit untermalt, ohne unverständlich zu werden. Dieses Buch würde ich aus den oben genannten Gründen jedem empfehlen, der sich auf einfache und verständliche Weise mit dem Konfliktthema Arm-Reich beziehungsweise mit der Situation Deutschlands im 18. Jahrhundert beschäftigen will.
(Betreut von Winfried Weiser)
Empfohlene Zitierweise
Günther Bentele: Das große Spiel des Herrn Trabac, Stuttgart: Thienemann Verlag 2003, 352 Seiten, ISBN 3-522-17605-7, EUR 18,00, gelesen von Christian Thomas Wester. lesepunkte 1 (2006), Nr. 1, in: lesepunkte, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/4290/
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Erstellt: 09.10.2006
Zuletzt geändert: 11.10.2006




