Romane

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Gila Almagor: Auf dem Hügel unter dem Maulbeerbaum, München: dtv 1999, 144 Seiten, ISBN 3-423-62011-0, EUR 6,08. 

 

gelesen von Sabrina Pospich, 9. Klasse
Elsa-Brandström-Gymnasium Oberhausen

 


Der Roman „Auf dem Hügel unter dem Maulbeerbaum“ von Gila Almagor bietet einen Einblick in die Schicksale Jugendlicher, die ihre Chance, ein glückliches Leben zu führen, im Krieg verloren haben. In einem israelischen Kinderdorf leben in den 1950er Jahren Jugendliche, die im Krieg ihre Eltern verloren haben aber auch solche, die nicht mehr in ihrer ursprünglichen Heimat leben können. Die meisten von ihnen sind in Polen geboren und auf der Flucht vor den Deutschen nach Israel gekommen.

Unter diesen verschiedenen Gruppen von Jugendlichen herrscht normaler Weise ein verständnisvolles Klima, als jedoch die Wiedergutmachung thematisiert wird, wird diese Harmonie gestört. Es geht darum, ob die israelische Regierung Wiedergutmachungsgelder von der deutschen Regierung für die Verbrechen der Nazis annehmen oder die Annahme verweigern sollte. Jene, die in Israel geboren wurden, schweigen, doch eines der Mädchen aus Polen kann einfach nicht schweigen und wirft den andern in Polen geborenen Jugendlichen vor, dass sie eine Möglichkeit ein neues Leben mit dem Geld der Deutschen anzufangen leichtfertig abtun. Dieses Verhalten ruft wilde Diskussionen hervor.  

Nach und nach beruhigen sich die Gemüter wieder, bis eines Tages mitten im Schuljahr ein neues Mädchen namens Mira ankommt. Sie ist im Gegensatz zu früheren Neuankömmlingen vorlaut und arrogant, schnell ist sie unbeliebt und wird links liegen gelassen. Mira lernt auch nach den ersten Wochen nicht die von allen akzeptierten Verhaltensweisen zu achten, sie ist unordentlich und achtet die Gefühle der anderen nicht im Geringsten.  

Die anderen Mädchen erzürnen mehr und mehr, sie verstehen nicht, wie Mira sich dieses Verhalten erlauben kann. Da ihnen keine andere Möglichkeit bleibt, beginnen sie Mira zu ignorieren, was etwas Ruhe bringt, doch es folgt der nächste Schlag: Nach langer Suche ist der Vater eines der Mädchen, das Jola heißt, in Polen gefunden worden. Die Aufregung ist groß, das Treffen der beiden wird lange vorbereitet, doch wenige Tage vor Jolas Abreise stirbt der Vater an einem Herzinfarkt. Alle trauern nun mit Jola, die sich so gefreut hat, nur Mira muss wieder aus der Reihe tanzen, sie sagt: „Es wäre nur gut, wenn man ein Grab hätte, zu dem man gehen könnte, wie viele haben nicht mal ein Grab, ein Grab ist doch was Schönes, sie sollte sich freuen“. 

Das ist zuviel für das Empfinden der Mädchen, sie reagieren über und schlagen auf Mira ein. 

In den folgenden Wochen beruhigen sich alle wieder, Mira ist vergessen, als lebe sie gar nicht mehr. So kehrt der Alltag wieder ein. 

Eines Tages jedoch kommen eine Frau und ein Mann ins Kinderdorf und wollen Mira sehen, die eigentlich weder Freunde noch Verwandte hat. Als Mira Bescheid bekommt, dass Besuch für sie da ist, rennt sie los und kommt erst einige Tage später zurück. In Miras Abwesenheit plagt die anderen Mädchen das schlechte Gewissen. Sie denken nun doch, dass sie nicht so mit ihr hätten umgehen dürfen, so schrecklich sie auch sei. 

Nach ihrer Rückkehr ist Mira jedoch wie ausgewechselt, sie erzählt den Mädchen ganz offen, dass sie von diesem Pärchen einfach mitgenommen wurde und sie sich seitdem als ihre Eltern ausgäben. Sofort verstehen die anderen ihre Situation und beschließen mit und für Mira zu kämpfen, damit ihr die Rückkehr zu dem grauenhaften Pärchen erspart bleibt. Sie ziehen sogar mit Mira vor Gericht. Der erst hoffnungslos aussehende Prozess nimmt plötzlich eine Wende, als Mira sich an ihren Familiennamen, ihre Herkunft und ihre wahren Eltern zurück erinnern kann, was ihr zuvor nie gelungen war. 

Mira kehrt nach dem gewonnenen Prozess zurück ins Kinderdorf, doch gewonnen ist nur ein kleiner Teil des Lebens und ein kleines bisschen Gerechtigkeit. Täglich steigen die Jugendlichen auf den Hügel zum Maulbeerbaum hinauf um nachzudenken, sich zu erinnern, aber auch um zu trauern und zu weinen. 

Der Roman „Auf dem Hügel unter dem Maulbeerbaum“ nimmt eine klare Haltung zum Krieg und der darauf folgenden Zeit ein, die durch die persönlichen Ansichten der Autorin geprägt ist. 

Bereits im einleitenden Teil wird etwa das Thema Wiedergutmachung der Deutschen für die Nazi-Verbrechen heftig diskutiert. Besonders klar wird hier, dass es bei einem Krieg keine Verjährung geben kann und dass der nächsten Generation die Möglichkeit geboten werden muss ein eigenes Leben aufzubauen. 

Ebenfalls ist es Gila Almagor gut gelungen, dem Leser die einzelnen Charaktere nahe zu legen, die stark von den jeweiligen Schicksalsschlägen geprägt sind. Sie wurden durch den Krieg erst das, was sie sind. Almagor macht den Leser darauf aufmerksam, dass das Leben dieser Jugendlichen ganz anders verlaufen ist, als es vielleicht im Frieden hätte verlaufen können und regt so den Gerechtigkeitssinn des Lesers an.  

Dies ist eines der ungeschriebenen Gesetze im Kinderheim: das erlittene Schicksal, ob zur Waise geworden oder aus Polen geflüchtet, ist von großer Relevanz innerhalb der beschriebenen Beziehungen. Mit der Figur Mira, die den Frieden stört, verhilft die Autorin dem Leser zu einem tiefen Einblick in das Leben im Kinderheim. Da Mira sich nicht fügt, werden ihr und so auch dem Leser die Verhaltensregeln vor Augen geführt. 

Ein sehr wichtiges Symbol ist der Hügel unter dem Maulbeerbaum. Er gibt dem Roman nicht nur den Titel, er ist auch der Ort, wo die Jugendlichen hin gehen, um in Ruhe über ihre Vergangenheit nachzudenken. Jedem Jugendlichen bedeutet dieser Platz viel, deshalb wird grundsätzlich niemand gestört, wenn er auf dem Hügel seinen unerfüllten Wünschen und Träumen nachweint: „Ich lief den Weg wieder hinunter, setzte mich unten, am Fuß des Hügels, auf einen Baumstrunk und wartete. (…) Ich entdeckte Se’ewick, der langsam verschwand. Armer Kerl, dachte ich, auch er kommt hierher, um zu weinen. Wie ich. Wie Hunde laufen wir weg um zu heulen, damit uns ja niemand sieht, wenn wir schwach sind.“ (89 ff.) Mit diesem Ort kann Gila Almagor die Schicksale und das Leid, die kleinen Freuden und die Hoffnungen der Jugendlichen widerspiegeln. 

Gila Almagor hat ein anschauliches Buch geschrieben, das ich persönlich als an Mädchen gerichtet bezeichnen würde, da es aus der Sicht eines dort lebenden Mädchens verfasst ist. Die Autorin hat sich nicht dem Spannungsaufbau gewidmet – der leider sehr karg ausgefallen ist, vielmehr versucht sie, dem Leser die einzelnen Schicksale nahe zu bringen. Sie zeigt, wie die Jugendlichen leben, die vom Krieg noch immer betroffen sind. „Auf dem Hügel unter dem Maulbeerbaum“ ist ein Roman, der mit sehr viel Sorgfalt geschrieben wurde und eine gelungene Anregung, sich mit den Auswirkungen des Krieges zu beschäftigen. 

(Betreut von Michael Kowertz) 

 

 

Empfohlene Zitierweise

Gila Almagor: Auf dem Hügel unter dem Maulbeerbaum, München: dtv 1999, 144 Seiten, ISBN 3-423-62011-0, EUR 6,08, gelesen von Sabrina Pospich. lesepunkte 1 (2006), Nr. 2, in: lesepunkte, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/4753/

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Erstellt: 12.12.2006

Zuletzt geändert: 12.12.2006