Romane

  / lesepunkte.de / Archiv / Medien / Buch / Romane

Gabriele Beyerlein: In Berlin vielleicht, Stuttgart: Thienemann Verlag 2005, 320 Seiten, ISBN 3-522-17698-7, EUR 16,90.

gelesen von Daniel Hektor, 7. Klasse
Gymnasium bei St. Anna, Augsburg

 


"Da sah sie die Wiesen vorbeiziehen, auf denen sie Gänse gehütet hatte. In der Ferne das Dorf: den Kirchturm, das Dach des Schulhauses. ››Nie wieder!‹‹, flüsterte Lene. ››Nie wieder!‹‹" (S. 44)

Mit diesem Gedanken verlässt Lene ihr kleines Dorf auf dem Lande, das sie bisher ihr Heim genannt hatte. Sie möchte weg von dort, weit, weit weg: Nach Berlin. Dort schaut man sie bestimmt nicht schräg an, nur weil sie ein uneheliches Kind ist, wie man es bisher immer getan hatte, auch wenn sie noch so gut im Rechnen ist. In der fantastischen Großstadt zur Kaiserzeit will sie sich als Dienstmädchen niederlassen in dem naiven Glauben, dort regne es Geld und Glück vom Himmel. Doch schnell muss sie diesen Traum aufgeben, da man sich sein Brot auch in Berlin sehr schwer verdient, teils schwerer als im Dorf. Schnell versteht sie, dass nicht alle netten, alten Damen auch welche sind und dass selbst die Anstellung bei einem Polizeihauptmann einen fast zu Tode quälen kann. Schließlich muss sie trotz der großen Schmach, die sie dabei empfindet, nach Hause zurückkehren: Ohne die Spur Glück erreicht zu haben, die sie sich erhofft hatte. Doch nach einem kurzen Besuch bei der Frau Lehrer, die sich immer so gut um Lene gekümmert hatte, kehrt sie wieder zurück: Mit neuer Kraft. Und tatsächlich: Nachdem sie die Anstellung bei dem Herrn Oberst angetreten hatte, scheint sie zum ersten Mal Glück in ihrem Leben zu haben: Ein eigenes kleines Zimmer im Haus ihres Arbeitgebers, selbständiges Wirtschaften und großes Vertrauen ihres Herren.  

Nie hätte sie aber gedacht, welche große Rolle bald die Liebe in ihrem Leben spielen sollte, dass sie nicht unbedingt jedem Mann vertrauen sollte und dass sie jemals von einer alten Geschichte ihrer Vergangenheit eingeholt werden würde … 

Die großen Stärken des Buches liegen besonders an der leichten Verständlichkeit des Textes und dem schön überschaubaren Handlungsablauf. Leicht und flüssig wird die Handlung  zwar durchgezogen, dennoch bildet ein Großteil des Buches das innere Geschehen Lenes. Dies könnte leider ein wenig stören, wenn sich Lenes Leben etwas mehr um Liebe dreht und man die Gefühle der Hauptperson nicht richtig nachvollziehen kann und man sich somit nur noch schleppend vorwärts liest.

Das historische Umfeld im Buch, das in den 1890er Jahren spielt, ist sehr gut dargestellt. Besonders die sozialkritischen Aspekte werden interessierte Leser  ansprechen: Hier sind die Stellung der niederen Leute, vor allem die der Frauen in der Kaiserzeit, und auch einige politische Themen zu nennen. Dennoch stehen diese Dinge im Gegensatz zu Lenes mit der Zeit ermüdenden Alltagsprobleme nicht im Vordergrund und, da auch bestimmte Zusatzmaterialien (Bilder, Karten ect.) fehlen, ist das Buch auch nicht unbedingt für den Geschichtsunterricht geeignet.

Im Allgemeinen ist die Geschichte weiter zu empfehlen, allerdings sollte man keine zu großen Erwartungen an den Roman stellen, da das Buch eben mehrere Aspekte und Perspektiven in sich vereint und so der eigene Geschmack nicht immer ausreichend getroffen wird. 

(Betreut von Dr. Claudia Weiser) 

Empfohlene Zitierweise

Gabriele Beyerlein: In Berlin vielleicht, Stuttgart: Thienemann Verlag 2005, gelesen von Daniel Hektor. Probeausgabe (2006), Nr. 0, in: lesepunkte, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/3612/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 04.05.2006

Zuletzt geändert: 04.05.2006