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Zu Besuch in der Ausstellung "Auguste Rodin. Der Kuss - Die Paare" in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung München (noch bis zum 7.1.2007) 

 

"In der Kunst lieben wir doch öfter das Grobe und Unfertige, aber im wirklichen Leben dann eher das Glatte!" 

Mit diesem Satz fasste Carmen unseren Ausstellungsbesuch sehr ehrlich zusammen. Rodin hatte den diesmal beteiligten drei Schülerinnen aus der 10. Klasse reichlich Stoff für einen Vergleich von Realität und Idealität gegeben. 

Eingangs wurden die Schülerinnen in einem knappen Referat über die wesentlichsten Merkmale der bildhauerischen und auch der zeichnerischen Kunst dieses vielleicht bekanntesten Bildhauers des 19. Jahrhunderts informiert. Stichpunktartig klang das so: Hat das Denkmal vom Sockel gestoßen (Bürger von Calais). Und damit nicht nur Erfolg gehabt (Balzac). Statt glatter, idealisierender Oberflächen, bietet Rodin schrundige, in denen sich Licht und Schatten brechen – der Impressionist unter den Bildhauern. Er liebte auch das Infinito: es gibt verschiedene Ausführungsgrade in seinen Skulpturen. Er war ein Patriarch, arme Camille Claudel! Kommst Du nach Paris, besuche das "Rodin-Museum", kommst Du nach Zürich, vergiss das "Höllentor" nicht". Und zum Schluss der Einführung noch eine Warnung: Beim "Kuss" und den Paaren – vor allem den "Sapphischen" geht es auch ziemlich lasziv zu; eines der wichtigsten Themen im Fin de siècle war "das Weib als Femme fatale", das Männer mordet. Eine Begleiterscheinung der Emanzipationsbewegung auch in der Literatur. Und in diesem Zusammenhang wurde auch die gleichgeschlechtliche Liebe thematisiert, von Rodin die lesbische ( Sappho: griechische Lyrikern mit entsprechenden Vorlieben ). 

So tragisch war es dann aber auch nicht. Da sind wir heute härtere Ware gewöhnt. Und auch sonst erschien in der Ausstellung selbst dann einiges in anderem Licht, als es in der Einführung geklungen hatte. 

Eine recht unscharfe Großreproduktion des "Höllentors" – unser Cicerone behauptete, es sei in Wirklichkeit viel größer. Der "Denker", in der Mitte des Architravs allein überlebensgroß,  begrüßte uns im ersten Saal und vor ihm gleich ein Höhepunkt: die "Eva". Ein altes, verknorpeltes, schlaffes Weib, man sieht die alte Haut, die grüne Patina der Bronze tut ein Übriges. Das in der Tat ist in seiner realistischen Hässlichkeit noch heute revolutionär!

Im nächsten Saal dann der Höhepunkt, der der Ausstellung den Namen gab: der "Kuss". Und nicht nur einer, sondern gleich vier – und alle verschieden groß und aus unterschiedlichem Material! Wie das? Hier erhält man einen äußerst anschaulichen Einblick in die "Werkstatt Rodin". Augenscheinlich war er ein geschickter Geschäftsmann, der ein erfolgreiches Motiv gleich selbst kopierte, vom Gartenmöbel für gutes und schlechtes Wetter bis hin zum Kaminsims - Nippes, und auch gleich noch den zum Sofabezug passenden Patina-Ton der Bronze, hatte der Meister alles im Angebot. Und trotzdem! Wie die Frau den Mann zu sich herunterzieht, noch dazu einen, der bereits vergeben ist an die eigene Schwester (wenn die Story stimmt) -  da kann man sich hinein versetzen! Die Gefühle, zumal die erotischen, knapp schon über der Grenze zum wirklichen Sexuellen hier, die hat man nicht im Griff, sagt uns dieses Werk. Und wir ahnen, es ist wirklich so! Allerdings ist dieser Realismus hier sehr idealistisch geglättet – aber: Gott sei Dank!

Unser Cicerone verwickelte uns angesichts der rückwärtigen Ansicht des Küssenden in ein Gespräch über Body Building. Er war wohl erstaunt, dass wir das heute für selbstverständlich halten – und nicht nur bei Männern! Rodins so gerühmten Aquarelle haben uns dann auch nicht so überzeugt, ziemlich modern, aber unfertig und nicht so gefühlvoll wie die Plastiken. Der "Kuss" übrigens ist umso ergreifender, "herabziehender", je größer die Variante ist! 

Es gibt noch viele andere "Paare" zu sehen, aber am schönsten sind allemal auch die weiteren "Küssenden", von denen es auch mythologische gibt und etliche "sapphische", aber ohne Männer ist es nicht so eindringlich. Wir waren montags in der Ausstellung, weil es da nur die Hälfte kostet. Ermäßigung gibt es nur bei Voranmeldung für ganze Klassen. Und deshalb war es voll, voll... voller moderner "Evas" im Rodinschen Sinne. Aber vor Weihnachten ist das in der Hypokunsthalle immer so, die liegt so günstig - auch für Weihnachtseinkäufe. 

Nein, keine Kritik dran oder kaum. Zu viele von den Drucken nach Zeichnungen und auch die Fotos aus der Zeit sind vielleicht eher für alte Kunsthistoriker interessant und nicht für junge Frauen, die geküsst werden wollen!  

Die Museumsgruppe des Wittelsbacher–Gymnasiums München 

 

 

Link zur Seite der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung München 

http://www.hypo-kunsthalle.de/

 

 

Empfohlene Zitierweise

Zu Besuch in der Ausstellung "Auguste Rodin. Der Kuss - Die Paare" in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung München. lesepunkte 1 (2006), Nr. 2, in: lesepunkte, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/4798/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 14.12.2006

Zuletzt geändert: 14.12.2006