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Gerhard Richter – abstrakte Bilder
Haus der Kunst, München, 27. Februar bis 17. Mai 2009
gesehen von Philipp Graf, 13. Klasse
Wittelsbacher Gymnasium München
Es ist im Moment wahrscheinlich unmöglich, eine auch nur halbwegs distanzierte, geschweige denn möglichst objektive Besprechung dieser Ausstellung zu verfassen. Es ist wie mit van Goghs Ohr: Die Auseinandersetzung mit diesen Gemälden wird durch kunstfremde Interessen, im Fall Richter durch ein Meinungsbild, an dem alle im Kulturleben relevanten Gruppen vom Kurator über den Kritiker bis zum Sammler und zum bloßem Liebhaber mitgestalten, so sehr determiniert, dass sich eine negative Sicht von selbst verbietet und der, der sie zu äußern wagt, von vorneherein als unwissender Quertreiber denunziert wird. Wir trauen uns trotzdem! Denn wir halten „Richter" für einen Fall von „des Kaisers neuen Kleidern".
Es ist deshalb interessant, sich das Publikum anzusehen, mit dem man gemeinsam diese Ausstellung im ehemaligen Nazi-Tempel besucht. Meist ist es in diesen Hallen leerer. Es strömt herein. Man könnte sich auch Samstagmittag auf der Maximilianstraße wähnen beim Schaufensterbummel. Ein gediegenes, gut unterrichtetes Publikum. Viele scheinen Ehepaare zu sein, eingekleidet in den entsprechenden Geschäften, wenn in der Gruppe, dann an der Ohrmuschel einer Cicerone klebend, sogleich gestört, wenn wir unziemlich laut lachend und gar nicht tempel-gebührlich demütig im selben Saal zu knien kommen.Allzu lange braucht man für die Betrachtung eines Richter jedoch nicht. Er besteht einen tachistoskopischen Test mit Bravour; mehr als 10 Sekunden braucht der Blick nicht, um auf den schrundigen oder glatten, auf den glattschrindigen oder schundglittschigen Oberflächen aus- und abzurutschen. Mag das Sehen mitunter auch in die Tiefe gehen – zum Begreifen fehlt etwas, das begreifbar wäre. Die Flächen sind blinden Spiegeln ähnlich, strukturiert in einem immer ähnlichen Gestaltungsprozess mittels Spachteln, welche die Farbe quetschen, verwischen oder auch nur abklatschen. Das geschieht in mehreren Lagen übereinander, so dass ein dekoratives Impasto entsteht. Eine klassische „Komposition" gibt es nicht, aber das ist auch nichts Neues seit Pollock, an dessen „all-overs" Richters Abstrakte von ferne erinnern, von ferne deshalb, weil diese von ihm qualitativ einfach nicht erreicht werden können.
Den so viel gepriesenen Umgang mit der Farbe haben wir wohl bemerkt, allerdings nicht ästimiert. Wir haben uns viel mehr vorgestellt, wie es im Atelier wohl tönen muss: eine Kakofonie aus Quietschen, Schmatzen und Furzen.
Vorbereitend zur Ausstellung haben wir, wie der informierte Leser vielleicht schon bemerkt hat, ein Gespräch mit Gerhard Richter über „Schönheit" in der SZ vom 14./15.3. gelesen. Wir fanden sie in einer langen Reihe von Monotypien hinter Glas, welche in Zusammenhang mit seiner Arbeit an dem Domfenster in Köln entstanden sind. Mitunter sind die Paletten der Maler ja interessanter als die mit ihrer Hilfe erstellten Werke selbst. Hier wurden Lackreste verwertet. Dass sie als Diptychen gehängt wurden, beurteilen wir als Vorspiegelung falscher Tatsachen; man hätte jede Tafel mit jeder beliebigen anderen auch zusammenbringen können, das Ergebnis wäre immer gleich „schön". Es gab einmal die Auffassung – und es gibt sie wohl immer noch – dass ein Bild als Qualität seines „fertig-Seins" ein eindeutiges Oben und Unten aufweisen müsse. Einen Baselitz kann man nicht einfach vom Kopf auf die Füße stellen, ohne dass er Schaden nimmt, einen Pollock nicht, einen Kirkeby auch nicht. Einen Richter schon, dem tut das gar nichts. Der lässt sich auch um 90 Grad kippen, egal ob nach links oder rechts. Das ist wenigstens praktisch, wenn man umziehen muss.
Der heutige Kunstfreund scheint diese Willkür eher zu schätzen, huldigt sie doch seinem Selbstbewusstsein als Kulturmensch, der die Kunst erst in seinem Kopf vollendet. Wenn Jauss geahnt hätte, welche Blüten die Erfindung seiner „Rezeptionsästhetik" einst treiben würde, vielleicht hätte er es sich damals in den 70igern, als Richter zu malen anfing, anders überlegt. Wie sehr der Kulturmensch ein Konsummensch geworden ist, wie sehr das „Bild" sich vom „Fenster" zum „Schaufenster" hin entwickelt hat, das kann man in München studieren. Die Besucher sind dabei allemal spannender zu betrachten als ihre Opfer an der Wand.
Dass sich die Richters dagegen nicht wehren wollen, das machen wir ihnen zum Hauptvorwurf. Die Leere dieser Malereien, die so völlig der allein am Tauschwert orientierten Abstraktion der kapitalistischen Ökonomie entspricht, macht aus Richter fast schon wieder einen Realisten. Um aber seine peinlichen, realistischen Familienexhibitionen zu sehen, müsste man nach London fliegen, wo sie zeitgleich in der National Portrait Gallery ausgestellt sind. Das tun wir nicht. Nach München muss man wegen Richter auch nicht extra kommen.
(Betreut von Christoph Hessel)
Empfohlene Zitierweise
"Gerhard Richter - abstrakte Bilder", Haus der Kunst, München, 27. Februar bis 17. Mai 2009, gesehen von Philipp Graf. lesepunkte 4 (2009), Nr. 2, in: lesepunkte, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/6952/
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Erstellt: 17.04.2009
Zuletzt geändert: 17.04.2009





