Freistillesepunkte fördern

  / lesepunkte.de / Archiv / Freistil

Dan Flavin - Retrospektive 

Pinakothek der Moderne, München, 23. November 2006 bis 04. März 2007, verlängert bis zum 14. April
gesehen von Philipp Graf, 11. Klasse
Wittelsbacher Gymnasium München

 

"Ich mache Führungen, die keine sind", so begann unsere Führung durch die Ausstellung "Retrospektive" von Dan Flavin. Was unsere Führerin Frau Philp damit meinte stellte sich sehr schnell heraus. Dan Flavins Arbeiten mit Leuchtstoffröhren brauchen nicht selten einen ganzen Raum und passten somit ideal in das Philp'sche Führungskonzept. 

Wir teilten uns in Gruppen von bis zu 5 Personen und jede Gruppe erarbeitete einen Raum, um die darin befindliche Installation der Werke nach der Besprechungszeit den anderen Gruppen vorzustellen. Sich länger mit einem Werk Flavin's zu befassen, ist auch bitter nötig, da die "Aussage" eines seiner Werke, sowohl äußerlich als auch im übergeordneten Sinn nicht offensichtlich ist. Erst nach längerer Betrachtung eröffnen sich die unterschiedlichen Farbtöne der Leuchtstoffröhren respektive deren Lichtschein oder auch das Zusammenspiel der verschiedenen Lichtquellen. Um das gesamte Werk zu verstehen, braucht es dann allerdings trotzdem noch unsere Führerin.  


Homepage Pinakothek der Moderne

http://www.danflavin.de/

Womit wir auch gleich bei der ersten besprochenen Werk wären: 6 vertikal aufgestellte weiße Leuchtstoffröhren, die in aufsteigender Zahl im Abstand von 3 Metern positioniert sind. Das heißt: erst ist eine Röhre aufgestellt, dann 2 und schließlich 3. Die Leuchtstoffröhren unterscheiden sich untereinander in der Länge von ca. 1,20 m und in der weißen Farbe in keiner Weise. Was also ist die Aussage eines solchen Werkes? Wäre man ein Kunstbanause oder man wüsste nicht, dass man in einem Museum ist (oder man wäre kein Kunstbanause, aber die Arbeiten gefallen einem persönlich nicht), könnte man es schlicht für eine etwas extravagante Raumbeleuchtung halten. Auch der Name des Werkes: "The Nominal Three (to William of Ockham") von1963 lässt allein nicht darauf schließen. Doch dann kam die nötige Erklärung: Es geht darum, etwas mit dem geringsten Aufwand und ohne jeglichen Schnick-Schnack auszudrücken. Und genau das begründete William of Ockham; er lehrte, alles so einfach wie möglich zu machen. Die in der Anzahl aufsteigenden Röhren sind also Flavins Art und Weise, etwas so minimalistisch auszudrücken wie nur möglich!

Eine andere, spätere Arbeit war meiner Meinung nach die interessanteste. 2 Tunnel stehen bündig nebeneinander. Der linke ist offen, der rechte ist mittig verschlossen bis auf einen winzigen Spalt an der Wand, auf deren Seiten jeweils Leuchtstoffröhren angebracht sind. Genau 21 Leuchten, die nebeneinander stehen. Auf der einen Seite sind diese grün, auf der anderen gelb. Der linke Tunnel ist in weiß gehalten. Hier kann man mit den Augen experimentieren, denn je nachdem, welche Seite man sich anschaut, färbt sich dann in deren Komplementärfarbe der weiße Tunnel, wenn man auf die andere Seite geht. Wenn man also in dem grünen Raum steht, und dann in den Tunnel geht, scheint alles rosa zu sein. Zum Experimentieren lädt auch der Spalt an der Wand ein. Denn durch diesen sieht man die Farbe des anderen Raumes, und je nachdem, ob man den anderen Raum durch den Spalt sieht oder selber in diesem steht, meint man eine andere Farbintensität zu erkennen. Das war zu kompliziert? 

Dann schauen sie es sich doch selber an. Denn insgesamt ist das eine sehenswerte Ausstellung, und rein optisch gefällt es jedem Betrachter sicherlich. Nur der Sinn ist nicht immer gleich ersichtlich. Aber Sinn in der Kunst ist ein Widerspruch in sich, über den man wunderbar streiten kann. Und für Flavin gibt es hinter dem, was zu Sehen ist, keinen anderen oder weiteren Sinn. Wenn sie sich die Ausstellung allerdings mit Museumsführer anschauen wollen, wozu ich ihnen rate, dann buchen sie Frau Philp! 

(Betreut von Christoph Hessel) 

 

 

Empfohlene Zitierweise

Dan Flavin - Retrospektive. Ausstellungsbesprechung, in: lesepunkte, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/5005/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 18.04.2007

Zuletzt geändert: 18.04.2007