Mayer, Ginalesepunkte fördern

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„Mir war es wichtig, dieses Thema zu erzählen, so lange ich noch mit jemandem darüber reden kann.“ 

Gina Mayer über ihren Roman „Die verlorenen Schuhe“ und ihre Erfahrungen mit Zeitzeugen 

 


lesepunkte: Im Jahr 2006 ist Ihr erster historischer Roman erschienen – da waren Sie Anfang Vierzig. Seitdem ist ein halbes Dutzend Titel hinzugekommen. Hatten Sie alle diese Manuskripte schon in der Schublade liegen oder war Ihnen auf einen Schlag klar, dass Sie jetzt Autorin sind?

 

Gina Mayer: Beides – dass ich Autorin bin, habe ich natürlich vorher schon festgestellt. Gerade von den Jugendbüchern waren einige schon fertig, die dann erschienen sind. Darunter zwei Jugendkrimis und eine kleine Pferdeserie. Die musste ich nur noch überarbeiten und deshalb ging das alles so rasend schnell. Ich arbeite schon zügig und bin eine schnelle Schreiberin – aber jetzt wird es wohl doch ein bisschen langsamer weiter gehen. 

lesepunkte: War es einfach Pech, dass Sie vorher keinen Verlag als Abnehmer für Ihre Bücher gefunden haben? 

 

Gina Mayer: Bei den Jugendbüchern war es tatsächlich so, dass es einfach nicht geklappt hat und ich dachte, dass ich mein Konzept ändern muss. Ich habe dann einen historischen Roman für Erwachsene geschrieben; „Die Protestantin“ war mein erster historischer Roman. Das hat mir gleich Spaß gemacht und war einfach das richtige Thema. Seltsamerweise – und unabhängig davon – funktionierte es dann auch mit den Jugendbüchern. Wenn man einmal drin ist, ergibt ein Projekt das nächste, so meine Erfahrung. Und es ging in meinem Fall dann auch gut weiter. 

lesepunkte: Bei historischen Romanen hat man ja eine längere Vorlaufzeit, weil man viel recherchieren muss. Wussten Sie zum Beispiel bei „Die verlorenen Schuhe“, dass ein Verlag dieses Buch herausgeben wird oder haben Sie auf eigenes Risiko geschrieben? 

 

Gina Mayer: Ich wusste vorher nur, dass ich unbedingt etwas zum Thema Flucht und Schlesien machen möchte. Nachdem diese Idee weiter gewachsen war und ich auch bereits mit einigen Zeitzeuginnen gesprochen hatte, stellte sich plötzlich das Gefühl ein, dass mir die Zeit davonläuft. Eine der Gesprächspartnerinnen ist damals auch sehr krank geworden während des Schreibprozesses und es wurde mir klar, dass ich es angehen muss, weil diese Frauen bald nicht mehr da sind. Diese Idee habe ich dann drei oder vier Verlagen angeboten und das Interesse war sehr groß. Der Thienemann Verlag hat sich dann als der richtige Verlag für mich herausgestellt. Als ich mich an die Arbeit machte, wusste ich also schon, dass das Buch im Januar 2010 bei Thienemann erscheinen wird. 

lesepunkte: Flucht und Vertreibung hat Sie als Thema gepackt, aber Sie haben selbst keinen familiären Bezug dazu?

 

Gina Mayer: Nein, meine Eltern oder Großeltern sind nicht geflohen. Aber meine Mutter stammt aus dem Nördlinger Ries, einer Region, in der sehr viele Flüchtlinge nach dem Krieg lebten. Dort endet auch die Geschichte von „Die verlorenen Schuhe“. Mit vielen dieser Flüchtlingskinder, die dort zur Schule gingen, war meine Mutter befreundet. Und ich fand es als Kind auch beeindruckend, wenn ich davon erzählt bekam. Diese Kinder hatten alle so schöne Namen und waren ganz anders als die Schwabenkinder auf dem Land. Für mich wurde das Thema dann wieder spannend, nachdem ich eine Dokumentation im Fernsehen gesehen habe. Ich dachte mir dann, dass zum Beispiel meine eigenen Kinder so gar nichts über dieses Thema wissen. Das Vertreibungsthema ist wahrscheinlich durch Erika Steinbach und die Vertriebenenverbände auf eine blöde Weise belastet und mit Propaganda besetzt. 

lesepunkte: Flucht und Vertreibung ist immer noch ein brisantes politisches Thema. Polen und Deutschland können sich ja immer noch nicht richtig einigen, wie man gemeinsam dieser Zeit gedenkt. War das für Sie eine große Herausforderung, als Sie sich an den Roman gesetzt haben? 

 

Gina Mayer: Ja, schon. Es gibt im Roman zwei Protagonistinnen: Inge, die Tochter eines schlesischen Gutsbesitzers und Wanda, eine polnische Zwangsarbeiterin auf diesem Gut. Diese beiden bleiben zurück, als sich der Treck in Bewegung setzt und alle fliehen. Sie sind zuerst verfeindet und denken, dass sie nichts verbindet. Erst auf der langen Reise in den Westen müssen sie die Flucht zusammen bewältigen und stellen fest, dass sie doch nicht so unterschiedlich sind. Diese polnisch-schlesische Geschichte der Verständigung im Buch ist hoffentlich auch unsere heutige Geschichte von Deutschen und Polen. Es war schon schwierig, da den richtigen Ton zu finden. 

lesepunkte: Sie vermeiden ja mit diesen beiden Perspektiven auf die Geschichte und vor allem durch die Sicht Wandas, dass nur einseitig das Leid der deutschen Vertriebenen im Vordergrund steht. Waren Sie von vornherein darauf bedacht, Ihre Sympathien auf die beiden Protagonistinnen gleich zu verteilen? 

 

Gina Mayer: Wenn man das Buch liest, stellt man schnell fest, dass Wanda am Anfang die Sympathischere ist. Inge ist in Ihrer Naivität schon ein bisschen unerträglich und in ihrer „heilen Welt“ gefangen, während Wanda eine viel härtere Geschichte hinter sich hat. Sie ist auch die wachere und lebenstüchtigere junge Frau und bringt schließlich beide auf den richtigen Weg. Ohne Wanda wäre Inge aufgeschmissen – auch Wanda braucht Inge, aber zu Beginn der Flucht ist die Rollenverteilung doch klar. Wanda war mir selbst sympathischer und ich habe anfangs die Wanda-Kapitel auch lieber geschrieben als die Inge-Kapitel – im Buch wechseln sich ja Kapitel aus den verschiedenen Perspektiven ab.
Was allerdings interessant ist: Bei vielen meiner Zeitzeuginnen, die damals aus Schlesien geflohen sind, war die Akzeptanz nicht sehr groß dafür, dass ich diese Geschichte aus der Perspektive einer Deutschen und einer Polin erzähle. Da gingen bei den meisten richtig die Jalousien runter. Sie hatten kein Verständnis dafür und Angst vor einer Anklage – was gar nicht meine Intention war – und auch das Gefühl, dass ihr Leid und ihr Heimatverlust geschmälert werden sollten, indem man ein polnisches Schicksal gegenüberstellt. Dabei war keine einzige dieser Frauen etwa in einem der konservativen Vertriebenenverbände. Ich habe diesen Punkt dann im Gespräch nicht weiter vertieft. Aber es gab auch Frauen, die das gar nicht so gesehen haben, so zum Beispiel Rita Levacher; das Interview mit ihr ist auch im Anhang des Buchs abgedruckt.

lesepunkte: Kann man von Zeitzeugen erwarten, dass sie einen objektiven Blick auf die Geschichte haben? 

 

Gina Mayer: Wahrscheinlich nicht; ich habe das auch nicht unbedingt erwartet. Die jüngeren Frauen, die mit zehn oder elf Jahren geflohen sind und dementsprechend weniger Erinnerungen haben, haben die Geschichte auch anders verarbeitet. Die sagten eher, „das ist vergangen und meine Heimat ist jetzt hier.“ Unter den älteren Frauen haderten doch einige mit ihrem Schicksal und empfanden Schlesien immer noch als Heimat. Ich will das gar nicht werten und kann nur erzählen, wie ich das empfunden habe. Es war aber doch erstaunlich, wie diese Flucht mit 16 oder 17 Jahren prägte. Denn alle diese Frauen hatten ausnahmslos gute Erfahrungen im Westen gemacht, hatten Berufe und Familie. Das wurde mir auch erst während dieser Interviews bewusst: Diese Wunde bleibt und ist nie ganz verheilt. 

lesepunkte: Sie zeigen im Buch, wie drastisch die Erlebnisse auf der Flucht sein konnten. Sie setzen aber auch Grenzen, zum Beispiel, wenn Inge um Haaresbreite einer Vergewaltigung entgeht. War das für Sie ein Tabu und zu viel Gewalt für ein Jugendbuch? 

 

Gina Mayer: Ich dachte, dass die Geschichte nach einer Vergewaltigung Inges eine solche Wende genommen hätte, dass es ein ganz anderes Buch geworden wäre. Das wäre zu hart gewesen; andererseits ist es auch die Szene, bei der ich mir die meisten Gedanken gemacht habe. Ich bin auch immer noch nicht sicher, ob es nicht vielleicht falsch war, es herauszulassen, weil ja viele diese Vergewaltigungen erleiden mussten und auch heute noch Vertriebene und Flüchtlinge in allen Ländern diese Erfahrung machen müssen. Letztlich war es also nicht der Punkt, dass es ein Jugendbuch ist, sondern eher die Überlegung, was es mit meiner Heldin machen würde, warum ich mich so entschlossen habe. 

lesepunkte: Die Geschichte des Buchs ist spannend, man fiebert mit den beiden mit, ob sie ihren Weg schaffen werden. Welche Erfahrungen machen Sie auf Lesungen: Was ziehen die Jugendlichen darüber hinaus noch aus den Büchern? 

 

Gina Mayer: Bei den Lesungen kennen die meisten das Buch natürlich noch nicht. Die Resonanz ist aber sehr gut. Ich habe nicht das Gefühl, dass eine Lesung als Schulprojekt empfunden wird, wo Weltkrieg und Nazis und Vertreibung abgehandelt werden. Das Interesse der Gruppen ist groß und unter den Schülerinnen und Schülern sind auch immer wieder ein, zwei, die selbst Großeltern hatten, die geflohen sind. Wenn ich dann nachfrage, wissen die oft erstaunlich gut Bescheid und kennen den Herkunftsort oder Details der Flucht. Die Kinder wissen da oft weniger als die Enkelgeneration. Die hat wohl eine andere Herangehensweise, ein anderes Interesse und ist unbelasteter als die Kinder, die immer wieder die gleichen Geschichten hören mussten. 

lesepunkte: Wir leben ja jetzt in einer Umbruchzeit und diese lebendige, weitererzählte Familiengeschichte wird es bald nicht mehr geben. Die letzten Zeitzeugen werden sterben. Ist es wichtig, dass diese Geschichten dann in Jugendbüchern behandelt werden? 

 

Gina Mayer: Mir war es wichtig, dieses Thema jetzt zu erzählen, so lange ich noch mit jemandem darüber reden kann. Ich glaube, es ist wichtig, weil Flucht und Vertreibung weiterhin stattfinden. Man muss ja nur auf den Balkan oder nach Afrika schauen. Überall, wo Kriege sind, erleben wir eine Welle von Flüchtlingen und Vertriebenen, die immer das Gleiche erleben. Und die Kinder, die dann aus diesen Ländern hierher in die Schulen kommen und integriert werden müssen, sind genauso traumatisiert und haben ähnliches erlebt, wie Inge und Wanda. Sie müssen diese Erfahrung auch ihr ganzes Leben lang mitschleppen. 

lesepunkte: Sie haben selbst einen Sohn und eine Tochter. Treffen Sie denn deren Geschmack auch mit Ihren Büchern? 

 

Gina Mayer: Also meine Tochter liest meine Bücher, mein Sohn jetzt nicht mehr – früher hat er immer alles gelesen. Es sind aber auch eher Mädchenbücher, mit Mädchen als Hauptpersonen und auch die Themen sprechen eher Frauen an. Damit kriege ich meinen Sohn nicht; mit kürzeren Texten oder Krimis schon eher. Historische Romane sind momentan nicht sein Ding. 

lesepunkte: Sind historische Romane grundsätzlich keine Jungenbücher? Oder wäre es denkbar, den Plot so zu stricken, dass auch Jungs davon gepackt werden? 

 

Gina Mayer: Vielleicht – ich weiß es nicht. Es liegt aber auch einfach daran, dass Mädchen sehr viel mehr lesen. Da ich selbst eine Frau bin, bin ich da auch selbstsüchtig und schreibe lieber über weibliche Heldinnen. Vielleicht dreht sich das auch mal und ich habe Lust, etwas für Jungs zu schreiben. Ich kann mich aber in die Psyche von Mädchen und Frauen leichter einfühlen – und dann wird es auch besser. 

(Interview: Jochen Pahl) 

 

 

Empfohlene Zitierweise

Interview mit Gina Mayer (Jochen Pahl). lesepunkte 5 (2010), Nr. 3, in: lesepunkte, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/7912/

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Erstellt: 26.07.2010

Zuletzt geändert: 26.07.2010

Kurzbiographie

Gina Mayer wurde 1965 in Ellwangen geboren. Sie studierte in Düsseldorf Grafik-Design und machte sich danach als Werbetexterin selbstständig. Nach der Geburt ihrer beiden Kinder begann sie Bücher zu schreiben. Seit 2006 hat sie eine Vielzahl an historischen und zeitgeschichtlichen Romanen für Jugendliche und Erwachsene veröffentlicht. Gina Mayer ist verheiratet und lebt mit ihrer Familie in Düsseldorf.

Quelle: Verlag

Die verlorenen Schuhe, Thienemann Verlag 2010, ISBN 978-3-522-20073-8

Mörderkind, Ravensburger Buchverlag 2009, ISBN 978-3-473-58349-2