Bronsky, Alinalesepunkte fördern

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„Die Figur war plötzlich als Ganzes da für mich.“ 

Alina Bronsky über die Protagonistin Ihres Debütromans „Scherbenpark“ und den Reiz von Schullesungen 

 


lesepunkte: Der Dezember ist ja die Zeit der Rückblicke – jetzt stehen Sie seit anderthalb Jahren mit Ihrem Buch „Scherbenpark“ in der Öffentlichkeit. Es ging gleich mit einem Paukenschlag los, mit einer Lesung beim Ingeborg-Bachmann-Preis 2008. Wie sieht Ihr Rückblick aus?

 

Alina Bronsky: Es ist eigentlich erstaunlich, dass es erst anderthalb Jahre sind, weil es sich nach einem viel längeren Zeitraum anfühlt. Das Erscheinen des ersten Buches verändert, glaube ich, generell sehr viel. In meinem Fall war es ja auch ein ziemlich stark beachtetes Debüt. Das ist sehr gut gelaufen und war aufregend, um es in wenigen Worten zusammenzufassen. 

lesepunkte: Hat Sie der Literaturbetrieb nicht umgehauen; diese ganzen Kritiker und Juroren, die alles viel besser wissen? 

 

Alina Bronsky: Die Juroren waren ja eher beim Bachmann-Wettbewerb und das war schon eine heftige und sehr spezielle Erfahrung. Aber das ist nun mal ein Wettbewerb mit eigenen Gesetzen. Sonst hat man es als Autorin meines Ranges eher recht bequem. Man kommt nur punktuell mit dem Literaturbetrieb in Berührung und kann ansonsten sein normales Leben weiterführen. Interessant war es schon, da Einblick zu haben, aber es vereinnahmt einen nicht. Abgesehen vielleicht von Ereignissen wie Buchmessen oder der ersten Zeit nach der Erscheinung, als viele Interviewanfragen kamen. Das sind Phasen, die auch wieder abebben, wie ich mittlerweile weiß. Und dann ist es auch wieder angenehm. 

lesepunkte: Ihr Buch war nach der Leipziger Buchmesse 2009 sogar für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Hat Sie das eher irritiert oder gefreut, dass das Buch als Jugendbuch wahrgenommen worden ist? 

 

Alina Bronsky: Das war sehr erstaunlich. Ich war verblüfft; ich glaube der Verlag Kiepenheuer & Witsch auch. Wobei dem Verlag das mit einem anderen Buch bereits passiert ist, das gar nicht als Jugendbuch gedacht war, mit Dorota Maslowskas „Schneeweiß und Russenrot“. Sie hat den Preis dann im Jahr 2005 ja auch bekommen. So richtig darauf vorbereitet war aber in meinem Fall niemand und deshalb war es eine schöne Überraschung, die der Verlag und ich dankbar angenommen haben. 

lesepunkte: Hatten Sie denn ein junges Lesepublikum im Auge, als Sie das Buch geschrieben haben? 

 

Alina Bronsky: Das allererste Schreiben war für mich selbst. Wenn man mich damals gefragt hätte, für wen ich schreibe, hätte ich gesagt „Na ja, für so jemanden wie mich“ – damals also eine Frau um die Mitte Zwanzig. Ich habe das Buch nicht auf eine Zielgruppe hin zugeschnitten. Es war klar, dass es eine Protagonistin hat, die 17 Jahre alt ist und einen bestimmten Tonfall und bestimmte Themen hat. Die sind zum Teil auch pubertär, was einfach am Alter liegt. Als Jugendbuch habe ich es aber nicht wahrgenommen und nehme es immer noch nicht so wahr. Eher als Buch, das auch Jugendliche lesen können – warum auch nicht. In meinen regulären Lesungen habe ich aber fast nur erwachsenes Publikum.

lesepunkte: Die 17-jährige Protagonistin des Buches heißt Sascha, hat einen russischen Migrationshintergrund und ist traumatisiert durch ihre Familiengeschichte: Der Stiefvater hat ihre Mutter und deren aktuellen Lebensgefährten aus Eifersucht umgebracht. Wieso haben Sie überhaupt eine Jugendliche als Protagonistin gewählt? War es dadurch leichter, den Witz und die Schnoddrigkeit ins Buch zu bringen, die es trotz der Schwere des Themas ja hat? 

 

Alina Bronsky: Ich habe das gar nicht bewusst konstruiert, die Figur war plötzlich als Ganzes da für mich. Ich musste mich gar nicht groß fragen, ob die jetzt 30 oder zehn Jahre alt sein soll. Es war klar, dass es ein junges Mädchen ist, eine Jugendliche zwischen 16 und 18 Jahren, weil das eine sehr explosive Zeit ist. Die Grenze zwischen Kindheit und dem Erwachsenwerden. Das gilt auch für die anderen Parameter, die sie mitbringt: Wo sie lebt, wie sie spricht. Das hat sich dann alles organisch mit der Grundidee so gefügt, ich musste nicht zwischen verschiedenen Alternativen hin und her überlegen. 

lesepunkte: Es gibt ein paar Schnittmengen zu Ihrer eigenen Biographie, aber auch wirklich nur in den Eckdaten. Spielen Sie da auch mit autobiographischer Fiktion? Sie werden das ja auf Lesungen sicher auch oft genug gefragt? 

 

Alina Bronsky: Ja, das stimmt – und ich bin auch froh, dass Sie sagen, dass es höchstens ein paar gemeinsame Eckdaten gibt. Es gibt wirklich nur sehr wenige, oberflächliche Parallelen. Ich spiele damit eigentlich auch nicht und hatte nicht vor, mit dem Autobiographischen zu kokettieren. Ich habe dem auch keine große Bedeutung beigemessen. Ich war der Meinung, dass es offensichtlich ist, dass es sich nicht um meine persönliche Geschichte handelt. Trotzdem schöpft man natürlich aus dem eigenen Erfahrungsschatz. Es ist auch nicht so, dass ich Saschas Geschichte gerne selbst erlebt hätte, was ja nachvollziehbar ist. Dennoch bewundere ich sie für einiges und denke manchmal „so wäre ich gerne gewesen“ – unter besseren Umständen. Ein kleines bisschen Wunschdenken war beim Schreiben also auch dabei. 

lesepunkte: Sie mussten wahrscheinlich in Ihrem eigenen Leben weniger kämpfen als Sascha, die in diesem tristen Hochhausghetto im „Scherbenpark“ lebt.  

 

Alina Bronsky: Ja, ganz klar. Ich hatte es bei weitem nicht so schwer. 

lesepunkte: Durch Ihre eigene Lebenswelt und ihre russischen Wurzeln kennen Sie aber das Milieu, in dem Sie Ihren Stoff angesiedelt haben? 

 

Alina Bronsky: Klar, das kenne ich schon. 

lesepunkte: Und Sie kennen die Klischees, die es zum Beispiel über Russlanddeutsche gibt. 

 

Alina Bronsky: Ich kann schon von mir behaupten, die Wirklichkeit zu kennen, nicht nur die Klischees. Ich fand es aber auch legitim, diese Wirklichkeit in Form von Klischees darzustellen. Das Buch spielt ja sehr damit und verwendet zum Teil wirklich Karikaturen. Darauf werde ich gelegentlich angesprochen und es ist auch ein Kritikpunkt, der oft vorgebracht wird. Ich fand aber bislang nicht, dass die Leser damit Schwierigkeiten hatten oder Klischees falsch verstehen könnten.

lesepunkte: Heute Abend lesen Sie noch in einer Schule vor jungem Publikum. Wie wird das Buch denn dort aufgenommen? 

 

Alina Bronsky: Das ist interessant, Schulveranstaltungen sind ganz anders als Veranstaltungen vor Erwachsenen in Buchhandlungen. Vor meiner ersten Schullesung war ich sehr aufgeregt, inzwischen weiß ich aber, dass es nahezu immer extrem gut funktioniert. Ich habe meistens sehr aufmerksame Zuhörer. Da hatte ich anfangs Bedenken, gerade wenn die Lesung im Rahmen des Unterrichtsalltags stattfand und viele Schüler nicht ganz freiwillig dazu kamen. Am Anfang der Lesung ist es eher ein unruhigeres Publikum; gerade, wenn es viele Schülerinnen und Schüler sind. Dann ist es aber eine schöne Erfahrung, zu merken, dass es schnell sehr still wird. Die Schüler nehmen das Buch auch im Gegensatz zu Erwachsenen sehr ernst und lachen fast nie. Sie finden es überhaupt nicht komisch, eher schrecklich bis faszinierend. Natürlich sind die Schüler auch neugierig auf meine Person und was dahinter steckt – das sind so meine Eindrücke. 

lesepunkte: Erwarten die Lehrer denn, dass man aus Ihrem Buch auch etwas lernen kann; dass es etwa Diskussionsstoff zum Thema Migration bietet? 

 

Alina Bronsky: Wenn die Lehrer, die eine Lesung veranstalten oder eine Schullektüre aussuchen, sich für das Buch entscheiden, versprechen sie sich sicher etwas davon – ganz klar. Sie wollen vielleicht einen Kompromiss finden zwischen einer unterhaltsamen Lektüre, zu der man die Schüler nicht groß zwingen muss, und dem, was sie selbst hineininterpretieren. 

lesepunkte: Alina Bronsky ist nicht Ihr wirklicher Name, Sie schreiben unter einem Pseudonym. Ist das ein Schutz für Sie – oder warum haben Sie diese zweite Identität gewählt? 

 

Alina Bronsky: Das war für mich von Anfang an klar, dass ich gerne so ein Pseudonym hätte. Noch bevor ich angefangen habe zu schreiben. Schutz ist schon eine wichtige Funktion. Nicht, dass ich ständig in Gefahr wäre, aber so ein Pseudonym ist eine Maske, die das Persönliche abschirmt. Gerade in Zeiten des Internets ist es angenehm zu wissen, dass jemand, der mein Buch gelesen hat und meinen Namen googelt, nicht automatisch den Skikurs meiner Kinder findet. In Einzelfällen steht man ja auch als Autor sehr im Mittelpunkt; dann ist es angenehm, wenn nicht allzu viel vom Privatleben in die Öffentlichkeit dringt. 

lesepunkte: Aber Sie konnten ja nicht mit dem Erfolg rechnen, damit, dass das Buch so populär wird? 

 

Alina Bronsky: Nee, rechnen konnte ich damit natürlich nicht. Insgeheim erhofft habe ich mir das sicher. Ich denke, jeder, der schreibt und veröffentlicht, will auch erfolgreich sein und möchte auch gelesen werden. Das gehört zum Traum dazu. Und für diesen Fall wollte ich vorsorgen (lacht). 

lesepunkte: Schreiben Sie jetzt weiter, gibt es schon wieder einen neuen Stoff? 

 

Alina Bronsky: Ja, ich habe jetzt gerade die Rohfassung eines neuen Romans abgegeben. Aber der erscheint erst im nächsten Herbst. 

lesepunkte: Wollen Sie schon verraten, um was es gehen wird? 

 

Alina Bronsky: Höchstens den groben Umriss: Es geht um drei Frauen, die zwischen drei Kulturen stehen. Die Geschichte wird aus der Perspektive einer Großmutter erzählt, die von dreißig Jahren der Familiengeschichte erzählt – es sind drei sehr lebhafte Jahrzehnte... 

(Interview: Jochen Pahl) 

 

 

Empfohlene Zitierweise

Interview mit Alina Bronsky (Jochen Pahl). lesepunkte 4 (2009), Nr. 6, in: lesepunkte, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/7354/

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Erstellt: 25.12.2009

Zuletzt geändert: 25.12.2009

Kurzbiographie

Alina Bronsky kam 1978 in der russischen Industriestadt Jekaterinburg zur Welt. Sie ist die Tochter eines Physikers und einer Astronomin. Sie wuchs auf der asiatischen Seite des Ural-Gebirges sowie in Marburg und Darmstadt auf. Nach Abbruch ihres Medizinstudiums arbeitete sie als Werbetexterin und Zeitungsredakteurin. Sie lebt in Frankfurt. "Scherbenpark" ist ihr erster Roman.

(Quelle: Verlag)

Scherbenpark, Kiepenheuer & Witsch 2009 (Taschenbuch), ISBN 978-3-462-04150-7

Nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2009