Teller

  / lesepunkte.de / Archiv / Ausgaben / 2011/4

Janne Teller: Krieg. Stell dir vor, er wäre hier, München: Hanser Verlag 2011, 64 Seiten, ISBN 978-3-446-23689-9, EUR 6,90.

 

gelesen von Eva Catharina Böhler, 11. Klasse
Lichtenbergschule, Darmstadt

 

lesepunkte: ●●●●●

 


Das Buch „Krieg. Stell dir vor, er wäre hier“ von Janne Teller ist im Hanser Verlag erschienen und handelt von einer Art Rollentausch, der den Leser in die Situation versetzt, wie es wäre, wenn Europa sich im Krieg befände und eine deutsche Familie sich auf die Flucht begeben müsste.

Das Buch erzählt vom Leben eines deutschen Jungen und seiner Familie. Sie leben in Deutschland, und vor dem Krieg ist sein Vater Professor für Geschichte und seine Mutter im Umweltministerium beschäftigt. Sie sind eine wohlhabende Familie gewesen. Doch dann ist Deutschland aus der EU ausgetreten und zwischen Deutschland und Frankreich ist ein Krieg auf europäischem Boden ausgebrochen. 

Anfangs wird die Situation im Krieg beschrieben, die ständige Angst, der Mangel an allem und die verzweifelte, immer kleiner werdende Hoffnung auf Flucht. Doch das fast Unmögliche wird möglich, und die Familie flüchtet nach Ägypten. Sie müssen dafür alles verkaufen, was sie noch besitzen, und leben danach in einem Flüchtlingslager in Ägypten. Zwei Jahre sind sie dort und versuchen, Asyl zu beantragen. Doch Ägypten will keine weiteren Flüchtlinge, die ihre Kultur nicht verstehen und akzeptieren und ihre Sprache nicht sprechen. Schließlich wird ihnen doch Asyl gewährt und es beginnt ein Leben als „Mensch zweiter Klasse“.

Die Geschichte beschreibt, wie schwer es der Familie fällt, sich ein neues Leben aufzubauen, besonders den Eltern, die sich mit der Sprache schwer tun. Ihre Tochter muss bei einer anderen Familie putzen gehen, um die Schule zu finanzieren. Bei all dem schwingt immer eine gewisse Bitterkeit mit, wenn sie an das schöne, sorglose Leben im Vorkriegs-Deutschland zurückdenken und sich fragen: „Warum wir?“ 

Das Buch ist wie ein Reisepass gestaltet. Es ist dunkelrot mit goldenen Lettern und in der gleichen kompakten Größe. Die Form des Reisepasses symbolisiert eine Eintrittskarte und damit die Berechtigung für ein Leben als Bürger in einem anderen Land. Es ist illustriert, mit teilweise doppelseitigen Bildern, die das Geschehen zeigen. Sie sind abstrakt und mit viel Liebe zum Detail gestaltet. 

Mir hat das Buch sehr gut gefallen. Die Probleme, die die Familie hat, die Wartezeiten und die mangelnde Integration, doch besonders das „Nicht-haben-wollen“ Ägyptens hat mich sehr an manche Diskussionen in Deutschland erinnert. Auch später, als sich diese Familie in den neuen Kulturkreis integrieren soll und teilweise ihre Werte und Normen nicht aufgeben will. Ein gutes Beispiel dafür ist, als die kleine Schwester des Protagonisten Sexualunterricht in der Schule fordert und deswegen rausgeworfen wird. Dabei hat sie – aus europäischer Sicht – nur etwas ganz Normales verlangt. Es rüttelt einen wach und hilft einem, die Situation von Flüchtlingen und ihre Ansichten besser zu verstehen. Es ist ein Rollentausch mit den Flüchtlingen, der zumindest mir noch einmal verdeutlicht hat, dass etwas, das für uns selbstverständlich und gut ist, für jemand anderen in keiner Weise nachvollziehbar sein muss. Bei uns sind Frauen und Männer gleichberechtigt. In Ägypten ist das jedoch aufgrund der Religion nicht so, was in dem Buch am Rande auch noch thematisiert wird.

Es heißt immer, dass man andere so behandeln soll, wie man selbst gerne behandelt werden möchte. Doch ich frage mich, ob sich viele Leute dieses Sprichwort wirklich zu Herzen nehmen. Denn ich persönlich möchte nicht so behandelt werden, wie es in dem Buch beschrieben wird. Ich hoffe, dass wir wenn es uns einmal so ergehen sollte mit offenen Armen empfangen werden, obwohl wir in unserer Gesellschaft selber vielleicht eher ausgrenzende Tendenzen gegenüber Flüchtlingen erleben und dulden. Außerdem finde ich es sehr interessant, dass Janne Teller „Krieg“ bereits 2001 verfasst hat und man dem Buch das überhaupt nicht anmerkt. Die Probleme haben sich in dieser Zeit nicht gelöst, vielleicht noch nicht einmal wirklich gebessert.

(Betreut von Margit Sachse) 

 

 

Empfohlene Zitierweise

Janne Teller: Krieg. Stell dir vor, er wäre hier, München: Hanser Verlag 2011, 64 Seiten, ISBN 978-3-446-23689-9, EUR 6,90, gelesen von Eva Catharina Böhler. lesepunkte 6 (2011), Nr. 4, in: lesepunkte, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/9163/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 13.12.2011

Zuletzt geändert: 16.12.2011