Perera

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Anna Perera: Guantanamo Boy, München: cbt 2011, 384 Seiten, ISBN: 978-3-570-30749-6, EUR 8,99.

gelesen von Theresa Seel, 11. Klasse
Lichtenbergschule Gymnasium, Darmstadt

 

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„Im Zweifel für den Angeklagten? […] Nicht in Guantanamo.“ Das steht auf der Rückseite des Buches „Guantanamo Boy“ von Anna Perera. Es geht um den 15-jährigen Khalid, der unschuldig nach Guantanamo Bay gebracht und dort schrecklichen Torturen ausgesetzt wird.

Die Geschichte beginnt ein halbes Jahr nach den Terroranschlägen auf die USA am 11. September 2001. Khalid, ein 15-jähriger pakistanischer Junge aus dem kleinen englischen Rochdale spielt gerne Fußball und Computerspiele, und manchmal hat er Streit mit seinen Eltern. Er hat einen Cousin in Pakistan namens Tariq, mit dem er regelmäßig chattet und online spielt. 

Seine Osterferien muss Khalid aufgrund des Todes seiner Großmutter bei seinen Verwandten in Karachi verbringen. Als sein Vater eines Abends nicht nach Hause kommt, wird Khalid alleine losgeschickt, um ihn zu suchen. Erfolglos. In der darauffolgenden Nacht spielt er „BomberOne“ mit seinem Cousin und zwei weiteren Online-Spielern, als auf einmal vermummte Männer in die Wohnung seiner Verwandten stürmen, ihn zusammenschlagen, ihm einen Sack über den Kopf ziehen und ihn unsanft an einen ihm unbekannten Ort bringen.

Nach einem halben Jahr voller Folter, Demütigung und Erschöpfung in Karachi und Kandahar in Afghanistan wird er schließlich nach Guantanamo Bay auf Kuba gebracht. Nach einiger Zeit dort verliert er sein Zeitgefühl völlig und kann Realität und Traum kaum noch voneinander unterscheiden. Er klammert sich an seine Erinnerungen an seinen Vater, den Rest seiner Familie und an seine Freunde fest. Er träumt davon, wie sein Leben weitergegangen wäre, wenn all das nicht passiert wäre. Eigentlich ist er kein gläubiger Mensch, doch in Guantanamo beginnt er zu beten und bei Allah Halt zu suchen. Langsam beginnt sein Aufenthalt dort für ihn zum Alltag zu werden…

In Guantanamo durchläuft Khalid Phasen der Hoffnung, Verzweiflung und des Widerwillens. Er ist oft traurig und verwirrt, wütend und manchmal auch trotzig. 

Einige Seiten des Buches sind ungewöhnlich gestaltet: Auf manchen Seiten stehen nur Satzteile oder sogar nur einzelne Wörter, und manche kurze Verse oder Sätze sind so verzerrt, dass man sie nicht mehr lesen kann. In der Mitte einer Doppelseite steht beispielsweise nur das Wort „Allein.“ An anderer Stelle sind verschiedene Satzbausteine übereinander gedruckt, so dass man sie kaum noch lesen kann. Sie drücken Khalids tiefste Verzweiflung aus, in einer Zeit, in der er so müde und schwach ist, dass er kaum aufrecht stehen kann und sich so sehr wünscht, nach Hause zu kommen. Es ist eine gute Idee, von dem normalen Schema abzuweichen, um zu verdeutlichen, wie verzweifelt und erschöpft Khalid ist.  

Das Buch ist im Präsens geschrieben. Dadurch bleibt die Geschichte aktuell und dem Leser wird so stets vor Augen geführt, dass das Gefangenenlager von Guantanamo Bay noch immer nicht geschlossen ist. Der Erzähler beschreibt Khalids Gefühle und auch die Umgebung sehr genau. Die Autorin greift einzelne Ereignisse aus der Geschichte heraus und  beschreibt diese sehr detailliert. Obwohl es immer nur kurze Einblicke sind, bekommt man so einen guten Einblick in Khalids Alltag.

Das Buch ist an einigen Stellen so spannend geschrieben, dass man nicht aufhören möchte zu lesen, und an anderen Stellen ist es so schockierend, dass man kaum glauben kann (und mag), dass ihm das nun wirklich passiert. Anna Perera beschreibt sehr detailliert und anschaulich. Obwohl man in einer solchen Situation noch nie war, bekommt man eine Vorstellung davon, wie Khalid sich fühlt, und möchte ihm gerne helfen, vor all dem Leid und seinem furchtbaren Schicksal zu flüchten.

Mir gefällt das Buch sehr gut, und es hat mich an einigen Stellen sehr wütend und traurig gemacht. Man bekommt viele Einblicke in Khalids Gedankenwelt und sieht seine kleine Gefängniszelle plastisch vor sich. Obwohl es eine fiktive Geschichte ist, ist sie trotzdem real. Denn es sind heute immer noch viele unschuldige Menschen in US-Gefangenenlagern unter unwürdigen Umständen gefangen. 

Schon bevor ich das Buch gelesen habe, wusste ich, was Guantanamo ist und wie dort Menschen behandelt werden. Doch über das  Ausmaß war ich mir nicht im Klaren. Man muss dazu sagen, dass Khalid nicht viele andere Gefangene in Guantanamo kennenlernt; doch alle, die er kennenlernt, scheinen unschuldig zu sein. Während seiner Gefangenschaft begegnet er vielen verschiedenen Gefängniswärtern. Die einen sind nett und hilfsbereit, sie reden mit ihm, andere wiederum sind brutal und behandeln ihn wie ein Stück Dreck. Mich schockieren gerade diese Menschen, denn sie sind so sehr davon überzeugt, dass sie bessere Menschen sind als die vermeintlichen Terroristen, die vor ihnen stehen.

Nachdem ich das Buch beendet hatte, musste ich das Ganze erst einmal sacken lassen und darüber nachdenken, welche furchtbaren und grauenhaften Ereignisse mir da gerade geschildert wurden. Außerdem tauchte eine Frage in meinem Kopf auf: Wie kann ich helfen? Ich denke nicht, dass mich dieses Buch so schnell wieder loslassen wird.

Das Buch und Khalids Gedanken haben mich dazu gebracht, genauer über das Weltgeschehen nachzudenken und mir zu überlegen, ob ich nicht selbst manchmal zu schnell und voreilig über Andere urteile. Außerdem hat es mich zum Nachdenken über Menschenrechte gebracht. Dabei kamen bei mir Fragen auf wie: Ist es richtig, jemanden zu foltern und zu misshandeln, um andere Menschen zu rächen oder zu schützen? Ist es richtig, jemandem nicht zuzuhören, nur weil man davon überzeugt ist, dass diese Person sowieso lügt? 

Das Buch hat mir gezeigt, dass es wichtig ist, auch kleine Geschenke und Gesten wertzuschätzen und sein Bild und seine Meinung über andere Menschen auch verändern zu können. Ich denke, es würde zu weit gehen, wenn ich sage,„Guantanamo Boy“ hätte mich verändert, doch es hat mich zum Nachdenken darüber angeregt, ob wir alle nicht ein bisschen schuld sind an dem, was auf dieser Welt passiert. Denn Frieden kann man nicht durch Krieg bringen.

(Betreut von Margit Sachse) 

 

 

Empfohlene Zitierweise

Anna Perera: Guantanamo Boy, München 2011, cbt 2011, 384 Seiten, ISBN: 978-3-570-30749-6, EUR 8,99, gelesen von Theresa Seel. lesepunkte 6 (2011), Nr. 4, in: lesepunkte, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/9150/

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Erstellt: 13.12.2011

Zuletzt geändert: 13.12.2011