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Alina Bronsky: Scherbenpark, Köln: Kiepenheuer & Witsch 2009, 304 Seiten, ISBN 978-3-462-04150-7, EUR 8,95.
gelesen von Johanna Mohren, 10. Klasse
Liebfrauenschule, Köln
lesepunkte: ●●●●●

Im Roman „Scherbenpark“ von Alina Bronsky geht es um die siebzehnjährige Russin Alexandra Naimann alias Sascha. Ihre Familie ist vor einigen Jahren von Russland nach Deutschland gezogen und nun leben sie in einem Hochhaus-Ghetto. Ihre Familie bestand bis vor einigen Jahren aus ihrer Mutter, ihrem verhassten Stiefvater Vadim und ihren beiden Geschwistern Anton und Alissa. Ihren echten Vater hat sie nie kennen gelernt und sie will es auch nicht.
Obwohl sie in einem schlechten Viertel in Berlin wohnt, ist Sascha nicht unterzukriegen und strotzt nur so vor Selbstbewusstsein: Sie ist sehr intelligent und hat daher nicht nur sehr schnell die deutsche Sprache erlernt, nein, sie hat es dank ihrer Hochbegabung auch geschafft, auf ein sehr angesehenes katholisches Elite-Gymnasium zu wechseln. Getrübt wird dieses Bild von Vadim, ihrem Stiefvater. Er sitzt im Gefängnis, weil er Saschas Mutter und deren neuen Lebensgefährten getötet hat. Sie hatte ihn verlassen, weil er die ganze Familie terrorisiert und Sascha am Ende geschlagen hat.
Doch Sascha bleibt stark und schwört sich, dass sie sich an Vadim rächen und ihn in diesem Sommer umbringen wird – und sie will ein Buch über ihre Mutter schreiben.
Der Handlungszusammenhang des Buches ist nicht immer ganz klar bzw. Sascha blickt öfter in die Vergangenheit und man verliert schnell den Überblick über den Ablauf der Handlung. Dennoch sind die Sprünge in die Vergangenheit auch essentiell, um Saschas schlimme Vergangenheit zu verdeutlichen, da Alina Bronskys Buch in der Gegenwart spielt und man so am Anfang erst einmal nichts von dem schlimmen Mord weiß. Dieses Ereignis wird erst Stück für Stück offenbart. Je mehr man von Saschas Vergangenheit weiß, umso mehr tut sie einem Leid und man ist erstaunt, warum dieses Mädchen immer noch so stark und selbstsicher ist.
Da das Buch aus Saschas Perspektive geschrieben ist, kann man sich besser in sie einfühlen; dennoch haben mich ihre Entscheidungen manchmal schwer verblüfft. Da sitzt sie in einem Moment noch in der Schule und im anderen Augenblick sitzt sie in der Redaktion einer wichtigen Zeitung. Doch dieses Zusammenspiel aus Hektik und Gelassenheit baut Spannung auf.
Ich habe vorher noch kein Buch gelesen, welches sich mit sowohl mit dem Thema „Migrationshintergrund“ als auch mit dem Thema der unteren Schicht der Gesellschaft auseinandersetzt. Sascha leidet viel unter den Leuten, mit denen sie in einem Viertel lebt.
Da gibt es einmal die stereotypen Gestalten, die solariumgebräunt und mit einer dicken Halskette tagtäglich Drogen konsumieren, weiterhin die Klatschtanten und den alten Mann im Vorhof, der Schach spielt.
Doch auch, wenn einige denselben Hintergrund wie Sascha haben, so ist sie doch ganz anders als die anderen. Sie hat eine andere Perspektive auf ihr Leben. Sie kennt zwar genügend Schattenseiten, gibt aber doch nicht auf, und genau diese Art des Daseins hat mich positiv berührt. Es macht einem Mut, und die Sorgen dieses Mädchens lassen meine wie ein Schachspiel aussehen. Kurz nachdenken und ich habe die freie Wahl. Sascha hat eigentlich keine.
Dennoch verwandelt sich das Vorbild, das Sascha zu Beginn des Romans ganz sicher ist, zum Ende hin zu einem Anti-Vorbild. Sie explodiert ja fast, auch wenn dieser Teil einschüchternd ist, so lässt es zumindest mich verstehen, warum Jugendliche in meinem Alter zu so schrecklichen Taten fähig sind, wie zum Beispiel Fenster einzuschlagen. Dennoch hat die Ich-Perspektive bei mir nicht unbedingt bewirkt, dass ich mich ganz und gar in Sascha einfühlen konnte. Im Nachhinein verstehe ich zwar ihren Gedankengang, doch beim Lesen dachte ich nur all zu oft: Warum macht sie das jetzt?
Ich kann das Buch eigentlich mit keinem anderen Buch, das ich vorher gelesen habe, vergleichen. Es ist kurzum einfach brutal echt. Keine schöne Fantasygeschichte, in der die schöne Prinzessin vom stattlichen Prinzen gerettet wird und sie bis an ihr Lebensende glücklich sind. Es zeigt die existierenden Teile unserer Gesellschaft, so hässlich sie auch sein können.
(Betreut von Karin Kasprowicz)
Empfohlene Zitierweise
Alina Bronsky: Scherbenpark, Köln: Kiepenheuer & Witsch 2009, 304 Seiten, ISBN 978-3-462-04150-7, EUR 8,95, gelesen von Johanna Mohren. lesepunkte 5 (2010), Nr. 3, in: lesepunkte, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/7898/
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Erstellt: 26.07.2010
Zuletzt geändert: 26.07.2010




