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Mirjam Pressler: Nathan und seine Kinder, Weinheim: Beltz & Gelberg 2009 (2. Auflage), 264 Seiten, ISBN 978-3-407-81049-6, EUR 16,95.
gelesen von Anika Hensen, 11. Klasse
Bischöfliches Albertus-Magnus-Gymnasium, Viersen-Dülken
lesepunkte: ●●●●●

Um 1192 haben die Christen Jerusalem an den mächtigen Sultan Saladin verloren. Der junge Tempelritter Curd von Stauffen ist der Einzige, den Saladin begnadigt. Unterwegs in der Heiligen Stadt rettet er die hübsche Recha aus den Flammen ihres Hauses und lernt so Nathan kennen, einen jüdischen Kaufmann. Nathan, den man in der Heiligen Stadt den Weisen nennt, schafft in seinem Haus das, wovon die Welt nur träumt: Unter seinem Dach leben drei Religionen friedlich vereint.
Während sich zwischen der Jüdin Recha und dem Christen Curd von Stauffen ein zartes Band bildet, der Findlingsjunge Geschem versucht, sich zwischen einer muslimischen und einer jüdischen Identität zu entscheiden, stellt Sultan Saladin Nathan die Frage, die wohl am schwersten zu beantworten ist: „Welche Religion ist die einzig wahre?“. Nathan schafft es durch das berühmte Gleichnis von den drei Ringen eine Freundschaft zum Sultan aufzubauen, doch sein Leben wird vom christlichen Patriarchen von Jerusalem und vom muslimischen Hauptmann Abu Hassan bedroht. Das Schicksal ist nicht mehr abzuwenden, als ein Geheimnis ans Licht kommt, das Nathan so viele Jahre lang bewahrt hat.
In „Nathan und seine Kinder“ werden die Geschichten von mehreren Personen beschrieben, deren Zusammenhang im Laufe der Handlung deutlich wird. Besonders gut gefällt mir, dass jedes Kapitel von einem anderen Protagonisten erzählt wird. Dies führt dazu, dass man mitdenkt, verschiedene Sichtweisen erfährt und gespannt darauf ist, wie die Geschichte weitergeht.
Ein weiterer Pluspunkt sind die verwendeten Zitate aus dem Alten Testament sowie aus dem Neuen Testament und aus dem Koran, deren Herkunft im Anhang des Buches angegeben wird. Sie veranschaulichen ebenfalls das Zusammenspiel der drei großen Religionen.
Des Weiteren befinden sich im Anhang eine Zeittafel, die uns Vorwissen über die Zustände von 1192 liefert, und ein Glossar, das die verwendete Fachterminologie erklärt.
Das Buch berichtet meiner Meinung nach gekonnt über die Situation in und um Jerusalem im Jahre 1192. Es ist leicht zu verstehen und neben einer spannenden Geschichte lernt man einiges über Kreuzzüge, Religionen und Identitätsfragen. Besonders spannend sind jene Geschichten, die erzählen, wie die Protagonisten nach Jerusalem kamen und was sie dazu bewegt hat. Man erfährt, dass die Christin Daja, Rechas Gesellschafterin, damals ihr deutsches Heimatdorf verlassen hat, um, angesteckt von der Euphorie und der Lust nach Abenteuern, ihren christlichen Glaubensbrüdern bei der Verteidigung der Heiligen Stadt zu helfen. Der Weg war lang und voller Leid und nur durch Zufall kam sie in Nathans Haus und fand dort ihr Glück.
Der Roman ist angelehnt an Gotthold Ephraim Lessings „Nathan der Weise“, unterscheidet sich aber, wie Mirjam Pressler im Nachwort betont, deutlich von der Vorlage. Für sie hatten die Lebendigkeit und der Alltag der Charaktere eine größere Priorität, und genau das macht ihren Roman aus. Mirjam Pressler sagt, ihr Buch solle „keineswegs ein Gegentext zu Lessing sein. Nur eine Variation.“
Meiner Meinung nach ist „Nathan und seine Kinder“ ein wirklich beeindruckender Roman. Mirjam Pressler gelingt es, ein historisches Thema so aufzuarbeiten, dass man gefesselt von den Figuren und von der gesamten Handlung ist. Auch die Beschreibung der Stadt Jerusalem ist sehr gut gelungen. Teils hat man die Stadt mit den vollen Märkten, den vielen religiösen Wahrzeichen und den Menschen unzähliger Herkunft genau vor Augen und fühlt sich wie ein Teil von ihr. Ich finde es besonders gut, dass Mirjam Pressler sich nicht nur auf eine Religion bezieht oder sich auf eine einzige Seite stellt. Sie beschreibt Fehler aller Religionen und schildert die Hoffnung auf eine friedliche Koexistenz der großen Religionen, die vor allem durch Nathan und seine Freunde widergespiegelt wird.
Ich vergebe also 5 Lesepunkte an Mirjam Presslers Roman „Nathan und seine Kinder“ und kann das Buch definitiv weiter empfehlen.
(Betreut von Karoline Zielosko)
Empfohlene Zitierweise
Mirjam Pressler: Nathan und seine Kinder, Weinheim: Beltz & Gelberg 2009 (2. Auflage), 264 Seiten, ISBN 978-3-407-81049-6, EUR 16,95, gelesen von Anika Hensen. lesepunkte 4 (2009), Nr. 5, in: lesepunkte, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/7281/
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Erstellt: 01.11.2009
Zuletzt geändert: 01.11.2009




