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Dietlof Reiche: Die Hexenakte, München: dtv (Reihe Hanser) 2009, 352 Seiten, ISBN: 978-3-423-62387-2, EUR 8,95 Euro.
gelesen von Jennifer Matheis, 9. Klasse
St. Bonaventura-Gymnasium, Dillingen an der Donau
lesepunkte: ●●●●●

„Dieser Mensch war nicht kriminell. Sondern kriminell wahnsinnig“
In dem Roman „Die Hexenakte“ von Dietlof Reiche geht es darum, dass der Autor die Erlebnisse einer Vorfahrin, die als Hexe verbrannt wurde, in Form einer fiktiven Geschichte niederschreibt. In seinem Vorwort meint er, er habe aus Angst, dem Leiden dieser Frau nicht gerecht zu werden, einen Roman, keine Biographie geschrieben.
Das Buch besteht aus 23 Kapiteln und einem Anhang mit Teilen aus der Originalakte der „Fingerhütin“, nämlich Zeugenaussagen sowie einem Ausschnitt aus dem Vorwort des Buches „Hören Verhören Verurteilen. Das Inquisitionsverfahren zu Ende des 16. Jahrhunderts“, von Eva Vogelsang (erschienen bei der Speckschen Verlagsbuchhandlung, München 2006).
Die zwei Hauptpersonen Katja und Lennart haben zwar Ferien, müssen sie aber zu ihrem Leidwesen in einem Mathekurs in der Stadt Rottlingen absitzen, welche damit wirbt, dass man hier das lebendige Mittelalter erleben könne. Das Buch beginnt mit einer Szene, in der Lennart darauf wartet, dass sein Mathekurs anfängt und er sich die Zeit damit vertreibt, in einem Park auf einer Bank zu dösen. Doch plötzlich hört er einen lauten Schrei, der wie aus dem Nichts zu kommen scheint, denn außer einer Frau ist er dort ganz allein. Noch während er darüber nachdenkt, was das gewesen sein könnte, begegnet er zum ersten Mal Katja, die auch auf dem Weg zum Mathekurs ist. Sie unterhalten sich und finden heraus, dass sie in zwei benachbarten Hotels wohnen. Lennart in der „Hexenstube“, dem Hotel, das seiner Tante und seinem Onkel gehört, und Katja in der „Sonne“.
Jenny Peper, eine junge Schriftstellerin, die die Hexenakte zuerst entdeckt und damit ein großes Chaos auslöst, findet die Akte der sogenannten „Fingerhütin“ eigentlich nur zufällig, als sie für ihren neu geplanten Roman eine ganz andere Akte durchsucht. In ihrem Eifer erzählt sie sofort Katja von ihrem Fund und zeigt ihr die seltsamen Schriftstücke, die Katja, da sie in einer alten Schrift geschrieben sind, nicht lesen kann. Jenny Peper berichtet auch dem Archivleiter Dr. Henning von ihrer Entdeckung. Jedoch wird dies allen zum Verhängnis, als dessen skrupelloser Schwager Gundelfinger, Besitzer der Gaststätte „Sonne“, der viel Einfluss in der Stadt hat, davon Wind bekommt. Denn die Akte erzählt von der Hinrichtung der unschuldigen „Fingerhütin“, die mit bürgerlichem Namen Anna Böckhlerin genannt wird, einer Vorfahrin von Lennart, die im 16. Jahrhundert eine Gaststätte in Rottlingen führte. Und schon damals hat ein Vorfahre des Gundelfinger versucht, ihr diese streitig zu machen.
Auch in der Jetzt-Zeit des Buches versucht Gundelfinger, die „Hexenstube“ zu übernehmen. Katja und Lennart, die, mit Hilfe von Nachrichten, die ihnen die hingerichtete Anna aus dem Jenseits zukommen lässt, immer mehr über die Hexenakte erfahren, geraten daher ins Fadenkreuz des habgierigen Gundelfinger. Dieser will unbedingt verhindern, dass ans Licht kommt, dass schon einer seiner Vorfahren versucht hat, die Familie von Lennart hinters Licht zu führen. Katja und Lennart, die anfänglich einige Schwierigkeiten im Entziffern der alten Schrift haben, sind fest entschlossen, dem Intriganten das Handwerk zu legen, und suchen Hilfe bei der ehemaligen Archivleiterin Eva, durch die sie dann auch herausfinden, dass die „Fingerhütin“ Menschen „besetzen“ und somit kontrollieren kann.
Alle Versuche Evas, die beiden Kinder davon abzuhalten, öffentlich bekannt zu machen, was Gundelfinger vorhat, schlagen fehl. Bis zu dem Tag, an dem Gundelfinger die Maske des harmlosen Bürgers abwirft und Eva als Geisel nimmt, um Katja und Lennart zu erpressen, dass sie die Akte vernichten sollen. Sie gehorchen seinem Anruf und kommen zum Stadtturm, in dem er Eva gefangen hält; dort will er auch die beiden fesseln, doch sie verbergen sich auf einem Gerüst, dass zur Renovierung des Turms aufgestellt wurde. Dorthin folgt ihnen Gundelfinger und eine spannende Verfolgungsjagd beginnt.
Es sieht nämlich nicht so aus, als hätten die zwei Kinder eine Chance, es bis zum Marktplatz nach unten zu schaffen, auf dem sich wegen eines Festes viele Menschen versammelt haben. Außerdem kommt ihnen Gundelfingers scheinbar treue Sekretärin Ursula Haider entgegen. Aber was die mutigen Jugendlichen nicht wissen, ist, dass sie von der toten Anna „besetzt“ ist: Dies können sie erst erkennen, als Gundelfinger von Ursula Haider vom Gerüst gestoßen, jedoch vor dem tödlichen Aufprall noch rechtzeitig aufgefangen wird. Natürlich sind die Umstehenden längst auf das Geschehen aufmerksam geworden und hören nun alle das Geständnis Gundelfingers, das Ursula alias Anna vom Nachfahren ihres einstigen Widersachers erzwingt.
So endet doch noch alles gut und auch Katja und Lennart, die wegen ihrer Ermittlungen im Fall Anna Böckhlerin den Mathekurs links liegen gelassen haben, bekommen eine zweite Chance, den Stoff nachzuholen, selbst wenn das bedeutet, dass die Ferien verlängert werden müssen.
Ich gebe dem Buch 5 Lesepunkte, denn wenn man sich einmal in die alte Sprache des Anhangs eingelesen hat, ist das Buch auch gerade wegen seines Wahrheitsgehaltes sowohl interessant als auch erschreckend – wenn man liest, unter welchen furchtbaren Bedingungen Anna zu einem falschen Geständnis gezwungen wurde. An manchen Stellen jagt einem das Buch mit seiner lebendigen und realistischen Schreibweise regelrecht eine Gänsehaut über den Rücken.
Im Verlauf der Geschichte wird immer wieder auf den Anhang verwiesen, abhängig davon, an welcher Stelle der Entzifferung der Hexenakte Katja und Lennart gerade sind; und auch durch die Erläuterungen der Figur Eva, die Katja und Lennart über die Hexenakte aufklärt, kann man viel über die damalige Zeit lernen.
(Betreut von M. Theresia Wittemann, OSF)
Empfohlene Zitierweise
Dietlof Reiche: Die Hexenakte, München: dtv (Reihe Hanser) 2009, 352 Seiten, ISBN: 978-3-423-62387-2, EUR 8,95 Euro, gelesen von Jennifer Matheis. lesepunkte 4 (2009), Nr. 4, in: lesepunkte, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/7247/
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Erstellt: 31.08.2009
Zuletzt geändert: 31.08.2009




