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Waldtraut Lewin: Wiedersehen in Berlin, Ravensburg: Ravensburger Taschenbuchverlag 2008, 320 Seiten, ISBN 978-3-473-58278-5, EUR 7,95.
gelesen von Anne Küper, 10. Klasse
Marienschule, Krefeld
lesepunkte: ●●●○○

Kaputt. Dieses Wort taucht schon auf den ersten Seiten des Romans „Wiedersehen in Berlin“ der deutschen Schriftstellerin Waldtraut Lewin auf. Kaputt ist alles: Gebäude, Menschen, das alltägliche Leben – Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg.
Die Protagonistin Rita Moebius kehrt 1947 mitsamt ihrer an Typhus erkrankten Tochter Alouette ins zerstörte Berlin zurück. In der Hoffnung auf deren Genesung reflektiert Rita ihre bewegte Lebensgeschichte: Vor sieben Jahren floh sie aus Berlin, nachdem der eigene Vater ihre jüdische Stiefmutter an die Nazis verraten und ausgeliefert hatte. Die „Halbjüdin“ Rita entkam und konnte sich über das besetzte Frankreich, wo sie den zukünftigen Vater ihrer Tochter kennenlernte, ins ferne Marokko retten. Nun blickt sie auf ihre zwischen Menschenhändlern und gnädigen Beschützern in Marrakesch verbrachte Schwangerschaft und ihr anschließendes Leben in Anefgou, einem Dorf im Hohen Atlas, fernab der Zivilisation, zurück.
Waldtraut Lewin, 1937 geboren, ist preisgekrönte Jugendbuchautorin. Neben zahlreichen Sachbüchern und Biografien (u.a. über Cäsar und Händel) verfasste sie viele historische Jugendromane wie beispielsweise „Mond über Marrakesch“ (2003), von dem „Wiedersehen in Berlin“ die Fortsetzung ist. Es lohnt sich, beide Bücher zu lesen, um die ganze Geschichte zu erfahren – man muss es aber nicht tun; die Handlung ist auch ohne den anderen Teil nachzuvollziehen. Zudem wird kein besonderes historisches Wissen vorausgesetzt, und die Sprache ist verständlich. Es werden kaum Fremdwörter benutzt. Außerdem verwendet Lewin hauptsächlich kurze, knappe Sätzen, häufige Wiederholungen und Korrekturen von zuvor genannten und von der Ich-Erzählerin für zu schwach befundenen Ausdrücken – als würde es ihr schwer fallen, den Schrecken jenes dunklen Kapitels der Geschichte in Worte zu fassen.
Das Buch ist auf das Wesentliche reduziert. Es gibt weder Illustrationen noch andere überflüssige Extras, die den Leser von der Geschichte ablenken könnten. Da in Rückblenden erzählt wird, wechseln die unterschiedlichen Erzählebenen; immer wieder springen Ritas Gedanken vom vergangenen Leben in Marokko zurück in die Gegenwart nach Berlin zu ihrer mit dem Tod ringenden Tochter. So wird ein hartes, trauriges Bild einer von Nachkriegsarmut gezeichneten und vom Schwarzmarkt beherrschten Stadt mit dem Hass auf seine Besatzer gezeichnet. Dennoch ist „Wiedersehen in Berlin“ kein reines Werk über die Kriegs- und Nachkriegszeit, sondern zugleich auch ein wilder Abenteuerroman über die Flucht einer jungen Frau und deren große Liebe für ihre Tochter. Deshalb ist das Buch mit seiner sensiblen und zärtlichen Erzählweise sowohl für Jungen als auch für Mädchen ab 14 zu empfehlen.
Obwohl nur ein fiktives Einzelschicksal beschrieben wird, gelingt es der Autorin Lewin, dem Leser die damals wohl kollektiv empfundenen Gefühle zu vermitteln. Die Geschichte wirkt real und glaubwürdig und hätte sich womöglich sogar so zutragen können. Neben diesem Stück deutscher Geschichte steht aber vor allem die existentielle Frage nach der kulturellen Identität im Mittelpunkt. Wo ist man zu Hause, wenn man kein zu Hause hat und die Menschen, die einem wichtig waren, verloren hat? Das Buch enthält die Botschaft, trotz Verlusten und Angst vorm Scheitern weiterzumachen, voller Mut und Hoffnung auf Besserung – etwas, das gerade in unserer heutigen Zeit von großer Bedeutung ist.
(Betreut von Dr. Ansgar Hoff)
Empfohlene Zitierweise
Waldtraut Lewin: Wiedersehen in Berlin, Ravensburg: Ravensburger Taschenbuchverlag 2008, 320 Seiten, ISBN 978-3-473-58278-5, EUR 7,95, gelesen von Anne Küper. lesepunkte 4 (2009), Nr. 4, in: lesepunkte, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/7237/
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Erstellt: 31.08.2009
Zuletzt geändert: 31.08.2009




