Kreitz

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Isabel Kreitz: Die Sache mit Sorge. Stalins Spion in Tokio, Hamburg: Carlsen Verlag 2008, 256 Seiten, ISBN 978-3-551-78743-9, EUR 19,90. 

 

gelesen von Matthias Janze, 11. Klasse
Gesamtschule Rodenkirchen, Köln

 

lesepunkte: ●●●●●

 


Dieses Buch handelt von dem legendären kommunistischen Agenten Dr. Richard Sorge, der 1941 durch seine Geheimdienstaktivitäten in Tokio den Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion voraussagte und diesen Termin genauestens ermittelte. Allerdings schenkte die sowjetische Führung seinen Berichten keinen Glauben.

Dieses Buch wird nicht durch bloßen Text, sondern durch eine Abfolge von Bleistiftzeichnungen erzählt. Die Dialoge werden durch Sprechblasen geführt. All das würde auf einen Hardcover-Comic hindeuten. Allerdings übersteigt die Komplexität der Bilder die von berühmten, aber sehr viel einfacher gezeichneten Comics wie Micky Maus oder Batman bei weitem. Oft sind die Personen nicht sofort zu identifizieren, Handlungen werden nicht kommentiert und müssen vom Betrachter ergründet werden. Die ‚Lektüre’ erfordert eine Menge Konzentration, Auffassungsgabe und Geduld, um die einzelnen Ereignisse zu begreifen, denn vieles wird nur im Nachhinein klar. Daher ist das Buch eher für ältere Leser und Leserinnen geeignet. 

Charakteristisch für dieses Buch ist seine einzigartige Struktur, und zwar aus zwei Gründen: Statt die Geschichte durchlaufend von außen zu erzählen, berichten Sorges Freunde und Zeitgenossen rückblickend über sein rasantes Leben, und zwar aus ihrem gebundenen Blickwinkel heraus, noch dazu Jahrzehnte später im Rentneralter. Sie teilen mit, wann und wie sie Sorge kennenlernten, wie sie ihn wahrnahmen und in welcher Beziehung sie zu ihm standen. Dann erst folgen die Bilder, welche die eigentliche Handlung voran treiben. Zu den Berichterstattern zählen eine namenlose deutsche Kommunistin, die in Shanghai 1930 mit Sorge zusammenarbeitete, das Ehepaar Clausen, die als Mitarbeiter Sorges im Agentenkreis als Funker tätig waren, Erich Kordt, zu Sorges Zeit Gesandter im deutschen diplomatischen Dienst in Tokio, Eugen Ott, der Botschafter des Deutschen Reichs in Tokio und schließlich die Musikerin Eta Harich-Schneider, Sorges Geliebte. Letztere erzählt am ausführlichsten, da sie ihm am nächsten stand. 

Auch noch aus einem zweiten Grund ist die Struktur dieses Comics bemerkenswert, denn sie verknüpft mehrere Erlebnisstränge zu einer Gesamtgeschichte: Die ziemlich komplizierte, konfliktbehaftete Liebesgeschichte zwischen Sorge und Harich-Schneider, die ihre Abneigung gegen das Naziregime miteinander verbindet; die Geschichte des Spions Richard Sorge und seines Agentenrings; die Sicht auf das Binnenleben der von der Außenwelt völlig isolierten deutschen Botschaft in Tokio; schließlich die Geschichte des Zweiten Weltkriegs, bezogen auf die Sowjetunion, Japan und den Pazifischen Raum. 

Im Mai 1941 reist die Musikerin Eta Harich-Schneider nach Tokio. Hier soll sie in der deutschen Botschaft bei Eugen Ott und seiner Gattin Helma wohnen, auf Banketten musizieren und zur Zerstreuung der Otts beitragen, die aufgrund ihrer zerrütteten Ehe ihren Liebschaften nachgehen. In der Botschaft fühlt sich Eta jedoch eingeengt, missverstanden und einsam. Hier schließt sie Bekanntschaft mit Dr. Richard Sorge, der wegen seiner offenen Sympathie mit der UdSSR der „Russe“ genannt wird. Sorge ist Journalist bei der FAZ. Was Eta noch nicht ahnt: Bereits seit zehn Jahren arbeitet er für den sowjetischen Geheimdienst und leitet einen Agentenring.

Aufgrund seiner Ansichten, die er nie verheimlicht, ist Sorge in der Botschaft bei seinen Kollegen nicht sehr geschätzt, aber geduldet. Nur Botschafter Ott verteidigt ihn immer wieder und hält ihn für absolut loyal. Tatsächlich ist Sorge Trinker, hat Depressionen und fühlt sich einsam. Dies gesteht er aber nur seiner japanischen Geliebten. Nach außen hin gibt er sich selbstbewusst und spöttisch gegenüber allem und jedem. 

Für das Deutsche Reich, das kurz vor dem Überfall auf die Sowjetunion steht, wäre es aus militärischen Gründen sehr wichtig, die japanischen Streitkräfte gegen die UdSSR zu richten, um auf diese Weise die sowjetischen Truppen in einen Zweifrontenkrieg zu verwickeln. Aber Japan führt eine eigenständige, für die deutsche Botschaft in Tokio nicht zu durchschauende Interessenpolitik. Sorge ist bestens vernetzt und daher hervorragend informiert: Er sagt erstens den Deutschen früh voraus, dass die Japaner die Sowjetunion vermutlich nicht angreifen werden, und benachrichtigt zweitens Moskau vom geplanten deutschen Überfall, nachdem ihm ein ahnungsloser deutscher Offizier das Datum, die Truppenstärke und die Hauptangriffsziele der Wehrmacht verraten hat. Sorges Problem ist nun, dass ihm keiner Glauben schenken will, weder der deutsche Botschafter noch Stalin. Damit kann er sein eigentliches Ziel, den Krieg gegen die Sowjetunion zu verhindern, tragischerweise nicht erreichen. Sorge ist verzweifelt, ergeht sich in Tobsuchtsanfällen und ruft im Suff bei sämtlichen Mitarbeitern der Botschaft an, denen er Deutschlands Niederlage im Krieg verkündet. Dann versinkt er in Lethargie und Depression. 

Für den Agentenring wird die Arbeit nun immer gefährlicher, da der japanische Geheimdienst aufmerksam wird, Sorges Mitarbeiter nacheinander verhaftet und grausamen Verhören unterzieht. Sorge muss seine japanische Geliebte verlassen, um sie vor den Befragungsmethoden zu schützen. Auch machen neu errichtete Abhörstationen entlang der Küste das Senden der Funksprüche nach Moskau immer gefährlicher. Die beiden Clausens, die die Funker des Spionagerings sind, bekommen Angst, aber mehr noch als vor der Enttarnung durch die Japaner fürchten sie, in die Sowjetunion zurückbeordert zu werden, wo sie nach ihrem langen Auslandsaufenthalt ziemlich sicher Opfer der stalinistischen Säuberungen würden. 

Der inzwischen von Fieberattacken geschüttelte Sorge kann allerdings doch noch einen großen Erfolg feiern, der ihn in Hochstimmung versetzt. Als er erfährt, dass die Japaner die Sowjetunion mit Sicherheit nicht im Osten angreifen werden, teilt er dies Moskau mit. Stalin, der dem Agenten in Tokio vor dem deutschen Überfall keinen Glauben schenkte, tut es nun und verlegt die Verbände der Roten Armee vollständig in den westlichen Teil der Sowjetunion, um die militärischen Kräfte des Landes auf den Kampf gegen die Wehrmacht zu konzentrieren. Dies wird mittelfristig den Sieg über NS-Deutschland sichern. Die Ironie der ganzen Geschichte ist also, dass Sorge Hitler letztendlich doch noch besiegt hat. 

Nacheinander wird der ganze Agentenring verhaftet, am Schluss auch die Clausens und Sorge selbst. Botschafter Ott will es kaum glauben, dass der dreiste Spion jahrelang vor seinen Augen tätig war, und verhängt eine Nachrichtensperre, um dem Ruf der Botschaft nicht zu schaden. Daher erfährt Eta erst ein halbes Jahr später von Richards Verhaftung, wenige Tage nach dem Angriff Japans auf Pearl Harbor. 

Auch von Seiten der Sowjetunion bleibt „die Sache mit Sorge“ komplett im Dunkeln. Obwohl die Japaner bereit sind, ihn gegen enttarnte japanische Agenten auszutauschen, lehnt Stalin dies ab bzw. verleugnet die Existenz des sowjetischen Spionagerings in Tokio. Er will sich nicht kompromittieren, denn im Falle eines Austauschs würde er eingestehen müssen, dass er sein Land dem deutschen Überfall preisgab, indem er dem Meisterspion keinen Glauben schenkte. Sorge wird am 7. November 1944 exekutiert.

Ein Anhang am Ende des Buches berichtet kurz über das Schicksal der Protagonisten des Buchs nach dem Krieg. Zudem enthält er umfassende Informationen über Sorge, geschrieben von Frank Giese. 

Ich finde dieses Buch sehr gelungen, weil es hervorragend über den Zweiten Weltkrieg informiert und den in Deutschland weniger bekannten Agenten Richard Sorge in all seinen Facetten vorstellt. So werden seine Schwächen, seine Motivation und seine Gesinnung deutlich. Auch erfährt man eine ganze Menge über die japanische Geschichte und Japans Rolle im Krieg. 

Interessant finde ich auch die multiperspektivische Erzählweise des Buchs. Dadurch wirkt die Geschichte authentisch und beleuchtet viele Themen und Einzelschicksale vor ihrem historischen Hintergrund. Von letzterem erfährt der Leser / die Leserin sehr viel, sodass man mit Fug und Recht behaupten kann, dass es sich um eine historische Erzählung handelt. Künstlerisch finde ich dieses Buch ebenso bemerkenswert, da die Bilder Sorges rasantes und gefährliches Doppelleben auf eindrucksvolle Weise schildern. Aus diesen Gründen gebe ich 5 Lesepunkte. 

(Betreut von Jochen Pahl) 

 

 

Empfohlene Zitierweise

Isabel Kreitz: Die Sache mit Sorge. Stalins Spion in Tokio, Hamburg: Carlsen Verlag 2008, 256 Seiten, ISBN 978-3-551-78743-9, EUR 19,90, gelesen von Matthias Janze. lesepunkte 4 (2009), Nr. 4, in: lesepunkte, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/7227/

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Erstellt: 31.08.2009

Zuletzt geändert: 31.08.2009