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Markus Zusak: Die Bücherdiebin, München: cbj 2008, 592 Seiten, ISBN 978-3-570-13274-6, EUR 19,95.
gelesen von Daniel Hektor, 10. Klasse
Gymnasium bei St.Anna, Augsburg
lesepunkte: ●●●●●

Der Tod ist eine recht eigenwillige Persönlichkeit. Wie er uns versichert, kann er amüsant sein. Achtsam und sogar andächtig. Wer ihn erblicken möchte, muss nur in einen Spiegel sehen – aber früher oder später werden wir ihm ohnehin alle begegnen – „wie bald, das hängt von einer Reihe von Umständen ab.“ (10) Er kann das menschliche Handeln nie vollends begreifen, aber doch lauscht er unseren Geschichten und manchmal begegnet er uns mehrmals. Wir sind ihm nicht gleichgültig und gerade deshalb ist die Ablenkung seine einzige Rettung. Denn „es sind die übrig gebliebenen Menschen. / Die Überlebenden“ (11), deren Anblick er nicht ertragen kann. Eine dieser Überlebenden ist Liesel Meminger. Sie wird dem Tod drei Mal begegnen.
Der Roman „Die Bücherdiebin“ von Markus Zusak ist die Geschichte dieser drei Begegnungen Liesel Memingers mit dem Tod und gleichzeitig eine Geschichte der Dinge, die zwischen diesen Treffen liegen: die erste große Liebe, Fußballspiele in der Himmelsstraße, ein Akkordeon, ein Jude, der sich im Keller versteckt, und mehrere gestohlene Bücher.
Das erste Mal trifft der Tod das kleine Mädchen am Grab ihres kleinen Bruders, im Jahre 1939. Auf jenem Friedhof geschieht es auch das erste Mal: Liesel stiehlt ein Buch – das „Handbuch für Totengräber“. Dieses Buch sollte der Grundstein einer beispiellosen Karriere als Bücherdiebin werden. Zusammen mit ihrem Pflegevater Hans Hubermann lernt sie mit diesem Buch lesen und entdeckt ihre Liebe zu Worten. Und auch die Liebe zu ihrem Adoptivvater, zu ihrer gesamten Familie und zu Rudi, dem Nachbarsjungen. Liesel wächst in Molching auf, einer kleinen Stadt nahe München. Das Buch erzählt die Geschichte ihrer Kindheit, ihrer Freunde, der Umgebung, des liebevollen Verhältnisses zu Liesels Adoptivvater und des scheinbar harten Charakters ihrer Adoptivmutter. Langsam verblassen die Erinnerungen an ihre leiblichen Eltern, bei denen sie nicht mehr leben kann, was wohl etwas mit dem merkwürdigen Wort „Kommunist“ zu tun hat.
Doch eine normale Kindheit kann die Bücherdiebin nicht erleben, denn sie wird sich der nationalsozialistischen Diktatur um sich herum immer mehr bewusst: Bücher werden verbrannt, Worte vernichtet und Menschen verfolgt. Einer dieser Verfolgten ist der Jude Max, der im Keller der Familie Hubermann lebt und mit der Zeit Liesels bester Freund werden sollte. Zugleich ist er Liesels größtes Geheimnis, denn niemand darf von ihm erfahren – ebenso wenig wie von ihren gestohlenen Büchern, zum Beispiel jenes, das sie vor den Bücherverbrennungen gerettet hat.
Nach und nach reiht der Erzähler Eindrücke, Gefühle und Geschichten wie in einer Komposition aneinander und berichtet so von der Geschichte eines einzigartigen, ganz besonderen Mädchens. Liesels Kindheitserinnerungen, die anfangs denen eines jeden anderen Mädchens gleichen könnten – Erinnerungen an Rudi, den Geruch der Zigaretten ihres Vaters, der Klang seines Akkordeons – , vermischen sich mit gestohlenen Büchern, mit Max, dem Juden in ihrem Keller, und den Bomben, die vom Himmel fallen. Der zweite Weltkrieg läuft seinem Höhepunkt entgegen, die Bücherdiebin steht mitten im Chaos einer bluttrunkenen und gebeutelten Welt.
„Die Bücherdiebin“ ist eigentlich eine Geschichte vieler kleiner und großer Gesten der Figuren, von denen der Roman lebt. Offensichtliche Themen, wie der Nationalsozialismus, stehen nicht im Mittelpunkt, gerade weil sie für den Erzähler, den Tod, keine zentrale Bedeutung haben. Er beobachtet lediglich Liesel, ihr Leben und ihr Schicksal.
Der Tod ist ein merkwürdiger Erzähler. Er greift der Geschichte mehr als einmal voraus, er spricht in einem sensiblen, fast zarten Ton und er sieht Dinge anders als andere. Deshalb lässt er immer wieder vorausahnen, was geschehen wird, schweift aber auch immer wieder einmal vom Thema ab. Seine Welt besteht aus Eindrücken, flüchtigen Ahnungen, Farben, Gerüchen und einzelnen Gesichtern. Immer wieder schiebt er deshalb Fragen, kurze Beschreibungen und Gedanken in den Handlungsverlauf mit ein, die eine Distanz zum eigentlichen Geschehen schaffen. Und dennoch lassen die bildliche Sprache und wunderschönen Vergleiche das Geschehen sehr intensiv, wenn auch manchmal nur skizzenhaft – eben auf die ganz besondere Art des Erzählers – erscheinen. Das Gefühl, das beim Schreiben in das Buch gesteckt wurde, ist an jeder Stelle spürbar und macht den Reiz der ganzen Geschichte aus.
„Die Bücherdiebin“ von Markus Zusak ist meiner Meinung nach eines der besten Jugendbücher, die in den letzten Jahren erschienen sind. Es verbindet eine gefühlvolle Geschichte mit einem eindrucksvollen und geradezu brillanten Erzählstil. Fünf von fünf Lesepunkten sind für diese einzigartige Leistung Zusaks wirklich gerechtfertigt.
Natürlich mag es, wie es von manchen Kritikern bemängelt wurde, authentischere Bücher geben, welche den Nationalsozialismus in Deutschland besser verarbeiten. Aber „Die Bücherdiebin“ ist eigentlich kein Buch über das Nazi-Regime. Es ist viel mehr ein Buch über Leiden und Krieg, Geheimnisse und Wünsche, und nicht zuletzt die Geschichte einer Diebin, des Todes und der Kunst des Lebens. Es ist eine Liebesgeschichte, die vom Tod erzählt wird – auf eine unglaublich zarte Weise, die den Leser an manchen Stellen tief berührt. Und zugleich ist es eine Liebeserklärung an Bücher und Worte. Liesel selbst stellt am Ende ihrer Geschichte fest: „Ich habe die Worte gehasst, und ich habe sie geliebt, und ich hoffe, ich habe sie richtig gemacht.“ (563). Markus Zusak hat sie richtig gemacht.
(Betreut von Dr. Claudia Weiser)
Empfohlene Zitierweise
Zusak Markus Die Bücherdiebin Weiser, in: historicum.net, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/8289/
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Erstellt: 14.04.2009
Zuletzt geändert: 14.04.2009




