Pressler

  / lesepunkte.de / Archiv / Ausgaben / 2009/2

Mirjam Pressler: Golem stiller Bruder, Weinheim: Beltz & Gelberg 2008 (3. Auflage), 376 Seiten, ISBN 978-3-407-81021-2, EUR 16,90. 

 

gelesen von Matthias Janze, 10. Klasse
Gesamtschule Rodenkirchen, Köln

 

lesepunkte: ●●●●○

 


Dieses Buch erzählt von der Freundschaft zwischen dem Golem Josef und dem fünfzehnjährigen Jankel im Ghetto der Stadt Prag um 1600, als die Judenfeindschaft einen Höhepunkt erreichte.

Um dem Hungertod zu entgehen, beschließen der Waisenjunge Jankel und seine zehnjährige Schwester Rochele, das Dorf Morina zu verlassen, da ihre Tante, bei der sie wohnen, nicht mehr für sie sorgen kann. Die beiden hoffen, in Prag von ihrem Großonkel, dem Hohen Rabbi Löw, aufgenommen zu werden. Löw ist ein Wunderrabbi, der für seine Weisheit und Klugheit berühmt ist. 

Nach einer langen und nicht ungefährlichen Wanderung erreichen die Kinder die Goldene Stadt. Jankel ist von den vielen Menschen und der großen Stadt eingeschüchtert. Er kommt sich seit seiner Ankunft wie ein Außenseiter vor. Doch als die Geschwister das jüdische Ghetto betreten, fällt dieses Gefühl von ihnen ab. Jankel fühlt sich hier von Anfang an heimisch, obgleich man ihn hier genauso wenig beachtet wie im Rest der Stadt. 

Nachdem sie sich beim ehrwürdigen Rabbi Löw vorgestellt haben, erklärt sich dieser mit seiner Frau Perl dazu bereit, die Kinder aufzunehmen – jedoch getrennt, was Jankel sehr schwer fällt, da er doch geschworen hat, immer auf seine kleine Schwester aufzupassen. Dennoch muss er sich damit abfinden, dass Rochele von nun an bei Frume lebt, der Tochter des Rabbis, deren Mann Mendel eine Bäckerei besitzt. Er selbst dagegen wohnt im Haushalt der Löws, wo neben der Haushälterin, dem Rabbi und seiner Frau noch jemand lebt: Josef, eine schweigsame, grobschlächtige Gestalt und ein absolutes Tabuthema. Es stellt sich schon sehr bald heraus, dass niemand über ihn reden will. 

Um sich seinen Platz im Hause des Rabbis zu verdienen, muss Jankel in Mendels Bäckerei arbeiten. Hier hilft auch der fast gleichaltrige Schumlik aus, der ein begabter Geschichtenerzähler ist und der heldenhaften Sagengestalt König Davids ähnelt. Die beiden Jungen schließen Freundschaft. 

Schon ein paar Tage nach Jankels Ankunft zeigen sich die Schattenseiten seines Daseins in Prag: Er sieht seine Schwester immer seltener, und den aufkeimenden Judenhass erlebt er hautnah mit, als ein aufgehetzter Pöbel die Judenstadt stürmt. Hier tritt nun Josef, der Jankel immer noch ein Rätsel ist, auf höchst merkwürdige Weise in Erscheinung. Ganz alleine treibt er mit übermenschlichen Kräften die aufgebrachte Menge zurück, ohne Verletzungen davon zutragen. 

Als die beiden Freunde ein Gespräch zwischen dem Rabbi und einem befreundeten nichtjüdischen Arzt, Doktor Balthasar, belauschen, wird ihnen erst der ganze Ernst der Lage klar: Ein Pogrom steht kurz bevor. Nachts kann Jankel kaum einschlafen. Immer wieder muss er an Josef denken, jenes Geschöpf, das ihn immer wieder erschaudern lässt. Deswegen schleicht er eines Nachts in dessen Kammer, wo er ihn scheinbar tot auffindet, einen Zettel mit der Aufschrift „Gott ist wahr“ in der Hand. Doch am nächsten Morgen begegnet er ihm wieder, als Josef wie jeden Morgen das Haus verlässt.

Jankel schaudert vor dieser Entdeckung, doch findet er Trost und Rat bei einer Wahrsagerin. Von seinem Freund Schmulik erfährt er nun Josefs Geschichte: Um den Schutz der jüdischen Bevölkerung zu gewährleisten, schufen Rabbi Löw und zwei andere Juden an den Ufern der Moldau einen Golem. Dabei mussten alle Elemente zusammenwirken. Jeder der drei Männer vertrat ein Element: Feuer, Wind und Wasser. Der Schlamm am Ufer entsprach dem Element Erde, aus dem die drei eine große menschenähnliche Gestalt formten. Nach einer geheimnisvollen Zeremonie erweckten sie den Lehmmann zum Leben, indem sie ihm den Zettel in den Mund steckten, den Jankel auf dem Dachboden finden sollte. Dies war die Geburtstunde des Golem. Löw unterwarf ihn seinem Willen und befahl ihm, die Juden von Prag zu beschützen. 

Bald schon ist Jankel Zeuge, wie ein Trupp Soldaten das Haus des einflussreichen Juden Reb Meisel stürmt und verwüstet. In seinem Keller finden sie die Leiche eines jungen Mädchens. Reb Meisel wird verhaftet, denn er soll das Kind ermordet haben. Die Lage für den zu unrecht des Ritualmords Beschuldigten scheint aussichtslos, obwohl der Rabbi und sein Freund Doktor Balthasar ihm helfen wollen. Die Beweislast ist erdrückend, nachdem zwei Diener des hoch verschuldeten Anklägers Kasimir Boskovicek schwören, Reb Meisel bei der Ermordung des Kindes beobachtet zu haben. 

Dem Angeklagten soll schon bald der Prozess gemacht werden. Dann wird auch noch das Haus des Rabbis durchsucht. Jankel ist schockiert, doch ist er bereit zu handeln. Zusammen mit Josef, dessen einziger Lebenssinn es ist, den Juden zu helfen, sucht er die Eltern des toten Kindes auf. Diese sagen aus, das Mädchen sei an Fieber gestorben. 

Gemeinsam mit den Eltern fahren Jankel und Josef nach Prag. Keinen Moment zu früh: Hier ist schon der Prozess gegen Reb Meisel im Gange. Im letzten Augenblick machen die Eltern ihre Aussage. Es stellt sich heraus, dass ein Verwandter der Eltern Reb Meisel im Auftrag Boskoviceks das tote Kind untergeschoben hat. Letzterer hatte hohe Schulden bei Reb Meisel und sah keinen anderen Ausweg, als ihn des Mordes zu bezichtigen, um nicht Bankrott zu gehen. Die drei Verschwörer werden bestraft, während Jankel als Held gefeiert wird. Doch er ist enttäuscht, dass Josef dieser Ruhm nicht auch zu Teil wird, da er doch „nur ein Golem ist“. Denn inzwischen fühlt sich Jankel dem grobschlächtigen Lehmmenschen eng verbunden. 

Rabbi Löw, Josef der Golem und Jankel werden nun aufgrund dieser Ereignisse zum Kaiser geladen. Hier muss sich Josef mit einem Recken des Kaisers im Kampf messen, um seine Kräfte zu beweisen. Dem Rabbi Löw wird dagegen vom Kaiser aufgetragen, längst vergangene Ereignisse sichtbar zu machen. Der Rabbi, der auf das Wohlwollen des Kaisers für sein Volk angewiesen ist, vollzieht nun ein magisches Ritual: Die biblische Geschichte von David und dem Riesen Goliath wird auf eine Wand der kaiserlichen Burg projiziert. Eine aufkommende Unruhe im Gefolge des Kaisers wirkt sich nun fatal aus. Der Saal stürzt ein, Löw und Josef können jedoch das Schlimmste verhindern. Aus Dank erlässt der Kaiser ein Dekret, das die Juden von den Anschuldigungen der Blutschuld befreit: Seit Menschengedenken sagten manche Christen den Juden nach, sie würden christliches Blut für rituelle Zwecke missbrauchen. Nun ist den Juden die Angst genommen, zu Unrecht dieses Verbrechens bezichtigt zu werden. 

In der Judenstadt ist die Freude groß. Doch erneut hetzt ein berüchtigter Mönch und Judenhasser gegen die Juden. Trotz der bleibenden Bedrohung durch den Pöbel beschließt Löw, den Golem wieder zu Erde zurückzuformen. Jankel ist sehr betrübt, ist Josef doch für ihn inzwischen viel mehr als nur ein Lehmbrocken. 

Doch ehe es dazu kommen kann, stürmt ein aufgebrachter Mob das Ghetto. Viele Juden werden getötet und die gesamte Judenstadt verwüstet. Jankel und Rochele verstecken sich gemeinsam vor den Angreifern auf dem Dachboden der Synagoge. Josef kämpft indessen gegen die Angreifer an der Schwelle des Gotteshauses, um dessen Schändung zu verhindern und um die darin Schutz suchenden Juden zu retten. Doch als es so aussieht, als würde nun auch Josef trotz seiner enormen Kräfte besiegt werden, kommen die Reiter des Kaisers und treiben den tobenden Pöbel zurück. Aber den Juden bleibt keine Zeit, ihre Verluste zu betrauern. Denn kurz darauf „fährt der böse Geist in Josef“, wie es heißt: Der Golem dreht durch, wütet in der Judenstadt und schlägt alles und jeden nieder. Schmulik ist entschlossen, ihm den Zettel aus dem Mund zu reißen, um ihn damit auszuschalten. Er hat auch Erfolg, doch stirbt er bei dem riskanten Unternehmen, als der bewusstlose Josef über ihm zusammenbricht. Der Golem wird wieder zu der Erde, aus der er geschaffen wurde. Jankel hält es in Prag nun aber nicht mehr aus, sondern will, wie zuvor sein Freund Schumlik, ein wandernder Geschichtenerzähler werden. Er kehrt Prag den Rücken.

Ich finde das Buch lesenswert, weil es gut geschrieben ist und die jüdische Legende des Golem für Jugendliche verständlich nacherzählt. Außerdem spielt die Geschichte in einer gefährlichen Zeit für die Juden, was die Handlung noch spannender und interessanter macht. Zudem erfährt man vieles über die jüdische Kultur und Religion. Damit man die Bedeutung einiger jüdischer Bräuche und Namen versteht, ist am Ende des Buches ein Verzeichnis aufgeführt. 

Ich persönlich finde besonders interessant, dass das Buch die Frage aufwirft: Darf der Mensch neue Lebensformen schaffen und sich so zum Schöpfer aufschwingen, auch wenn nur Positives damit verbunden ist? Dies ist ein Problem, das gerade heute, in Zeiten der Gentechnik, aktuell ist. Ich finde das Buch vor allem deswegen sehr gut, weil es sich auf unsere Zeit beziehen lässt und aussagt, dass die Gefahr besteht, dass Maschinen und Kunstwesen letztlich ihre Schöpfer besiegen können, weil diese, sei es auch nur für einen kurzen Moment der Unachtsamkeit, die Kontrolle über ihre Kreationen verlieren. Ich gebe dem Buch vier Lesepunkte. 

(Betreut von Dr. Michael Kaiser) 

 

 

Empfohlene Zitierweise

Mirjam Pressler: Golem stiller Bruder, Weinheim: Beltz & Gelberg 2008 (3. Auflage), 376 Seiten, ISBN 978-3-407-81021-2, EUR 16,90, gelesen von Matthias Janze. lesepunkte 4 (2009), Nr. 2, in: lesepunkte, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/6927/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 14.04.2009

Zuletzt geändert: 14.04.2009