Sortland

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Bjørn Sortland: Die Minute der Wahrheit. Roman über die Liebe und die Kunst, München: Carl Hanser Verlag 2007, 418 Seiten, ISBN 978-3-446-20902-2, EUR 19,90.

 

gelesen von Sophia Grundner-Culemann, 12. Klasse
Wilhelmsgymnasium, München

 

lesepunkte: ●○○○○

 


„Die Minute der Wahrheit“ – eine Einführung in die Geschichte der Kunst, nicht nur durch die Augen eines norwegischen Mädchens, das zu erblinden droht und deshalb noch etwas Besonderes sehen will, sondern auch durch die eigenen Augen: Im Mittelteil des Buches sind 34 Kreuzigungsszenen, die in der Handlung eine Rolle spielen, in Farbe abgedruckt.

Die Geschichte beginnt in Norwegen, als die siebzehnjährige Frida ein Stechen in ihren Augen verspürt, das sich nicht mehr verdrängen lässt. Als ihr Arzt ihr mitteilt, dass sie (im schlimmsten Falle) zu erblinden droht, trifft es sie hart. Entgegen allen Empfehlungen von medizinischer Seite begibt sie sich überstürzt per Interrail auf die Reise nach Florenz; einerseits aus lauter Angst, die sichtbare Schönheit der Welt zu versäumen, andererseits, um dort vielleicht auf ihren Vater zu stoßen. 

Stattdessen begegnet sie dem neunzehnjährigen Jakob. Er ist ebenfalls aus Norwegen und obendrein mit einem Kunstprojekt zugange. Dass er Liebeskummer hat, hindert Frida nicht daran, sich Knall auf Fall in ihn zu verlieben. Und so tingeln die zwei Jugendlichen gemeinsam durch Florenz, Jakob erzählt mit Hingabe alles, was er über Kunst weiß – und das ist nicht wenig –, Frida hört genauso begeistert zu. Passend zur Osterzeit bespricht er mit ihr Kreuzigungsszenen von Künstlern wie Brunelleschi, Raffael und Salvador Dali. Das geschieht nicht nur in Florenz, denn Frida begleitet Jakob zu all den Orten, die er für sein Kunstprojekt besucht. Im Laufe der Zeit entwickelt sich dabei ein seltsam gespanntes Verhältnis aus Liebe, Eifersucht und Bedrängnis zwischen den beiden, in dem die SMS von Jakobs Exfreundin keine unwesentliche Rolle spielen. 

Nicht zu vergessen Fridas Augen: Obwohl sie selbst das Thema gerne verdrängen würde, nagen doch Gewissensbisse an ihr; schließlich hat sie nicht nur einen wichtigen Termin im Ulleval Krankenhaus daheim in Oslo verpasst, sondern die Schmerzen werden auch immer schlimmer. Jakob gegenüber fällt es ihr schwer ehrlich zu sein und so übertreibt sie zwar den Schweregrad der Krankheit, verschweigt ihm aber dennoch ihre Schmerzen. 

Schließlich, fast am Ende ihrer gemeinsamen Reise durch die Kunstgeschichte, steht es so schlimm um sie, dass sie sich von Paris aus direkt ins Ulleval Krankenhaus begibt, um sich so schnell wie möglich operieren zu lassen. Die Geschichte endet kurz vor dem Eingriff, als Jakob überraschend auftaucht und ihr seine Liebe gesteht.  

Im Laufe der Geschichte gibt es immer wieder Vorausblenden zu Fridas Taxifahrt Richtung Krankenhaus am Ende der Geschichte, was das Buch gerade noch einigermaßen spannend macht. Es wirkt tagebuchartig, weil Frida aus der Ich-Perspektive erzählt und jedes Kapitel ein Datum trägt (z.B. Dienstag, 15. März). Es gibt dabei keine Angabe von Jahreszahlen, die Handlung findet in der jetzigen Zeit statt. Bei einer Bildbesprechung sind am unteren Rand Verweise auf die entsprechende Seite im Bildteil angegeben; die Bilder bleiben so alle zusammengefasst und es ist für den Leser trotzdem nicht schwierig, Text und Bild zu verbinden.

Da mir das Konzept des Buches sehr gut gefiel, bin ich umso enttäuschter über die schlechte Ausarbeitung. Die Kunstgeschichte durch die Augen eines erblindenden Mädchens dem Leser näherzubringen, ist eine faszinierende Idee. Ein geschickterer Autor als Sortland hätte sie auch noch mit einer romantischen Liebesgeschichte verweben können. Doch alle drei Themen kommen für meinen Geschmack viel zu kurz, denn auch das Erwachsenwerden, Trennung der Eltern und Konkurrenz und Eifersucht in der Liebe werden thematisiert – womit die Geschichte einfach überladen ist.  

Allein die Darstellung von Fridas Charakter und Denkweise lassen nicht vergessen, dass ein Mann hier versucht aus der Sicht eines pubertierenden Mädchens zu schreiben. Die Liebesgeschichte ist ebenfalls nur unzureichend ausgearbeitet: Jakob wirkt die meiste Zeit so genervt von Frida, dass seine Liebe zu ihr nicht besonders plausibel erscheint. 

Dass das Buch „Die Minute der Wahrheit“ heißt, erscheint unpassend. Bei dieser Minute handelt es sich nämlich nicht um einen Augenblick der Enthüllung, auf den das ganze Geschehen zuläuft, wie man vermuten könnte. Vielmehr hat es damit zu tun, dass Frida einen (ebenfalls etwas unnatürlich wirkenden) Hang zum Lügen entwickelt hat und nun versucht, durch eine regelmäßige „Minute der Wahrheit“ sich selbst zur absoluten, unverschleierten Wahrheit zu zwingen – wenigstens eine Minute lang. Das hat aber überhaupt nichts mit der Geschichte zu tun. Im Gegenteil, viele Ansätze Sortlands würden gut und gerne eine eigene Geschichte abgeben. Das Thema Kunst jedoch geht in diesem überaus verwirrten und heftig emotionalen Teenagerdrama fast unter. Ich erinnere mich kaum an etwas, das Jakob über Raffael oder Dali gesagt hat, wohl aber an die ständige Erwähnung Juliette Binoches und an sämtliche Bahnfahrten mit überflüssigen Gesprächen über Mann und Frau. 

Im Großen und Ganzen wirken der Roman und seine Handlung ebenso wie der Titel sehr gewollt und melodramatisch. Dennoch enthält es viel Interessantes über Kunstgeschichte, wofür mancher wohl auch die unstimmigen Teile des Buches gerne in Kauf nehmen wird. 

(Betreut von Beate Pohlus) 

 

 

Empfohlene Zitierweise

Bjørn Sortland: Die Minute der Wahrheit. Roman über die Liebe und die Kunst, München: Carl Hanser Verlag 2007, 418 Seiten, ISBN 978-3-446-20902-2, EUR 19,90, gelesen von Sophia Grundner-Culemann. lesepunkte 3 (2008), Nr. 6, in: lesepunkte, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/6671/

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Erstellt: 15.12.2008

Zuletzt geändert: 15.12.2008