Zoeller

  / lesepunkte.de / Archiv / Ausgaben / 2008/5

Elisabeth Zöller: Wir hatten trotzdem Glück. Die Geschichte einer Flucht, Frankfurt am Main: Fischer Schatzinsel 2008, 224 Seiten, ISBN 978-3-596-85250-5, EUR 12,90. 

 

gelesen von Lucia Birkmeir, 8. Klasse
St. Bonaventura Gymnasium, Dillingen an der Donau

 

lesepunkte: ●●●

 


Der 13-jährige Paul Kollatsch wohnt mit seiner Familie in Breslau, das im östlichen Teil des Deutschen Reiches liegt. Es ist ein kalter Januar im Jahre 1945. Seit sechs Jahren führt Deutschland Krieg, ein Sieg wird von Tag zu Tag unwahrscheinlicher. Die Nationalsozialisten wüten immer schlimmer, immer öfter werden „Vaterlandsverräter“ von Hitleranhängern „aufgeknöpft“. An der Ostfront zersplittert die deutsche Abwehr und die russischen Truppen nähern sich der deutschen Grenze und somit auch Breslau.

Angesichts der drohenden Gefahr beschließen Pauls Eltern zu fliehen. Da der Vater dienstverpflichtet und Flucht verbotene „Wehrkraftzersetzung“ ist, soll Paul nur mit seiner Mutter und der großen Schwester Susa Breslau verlassen und zur Großmutter fahren, die weiter westlich lebt. Doch Susa als begeistertes Mitglied beim BDM, dem nationalsozialistischen „Bund deutscher Mädel“, ist vom Plan der Eltern überhaupt nicht begeistert. Sie glaubt im Gegensatz zum Rest ihrer Familie, dass die Taten der Nazis gerechtfertigt sind, dass Hitler nur erproben möchte, wie stark seine Anhänger sind und dass der Sieg auf deutscher Seite sein wird. Als die Mutter einsieht, dass Susa nicht nachgeben wird, überredet sie ihre Tochter unter dem Vorwand, der Oma ginge es gesundheitlich nicht gut, schließlich doch mitzukommen. 

So beginnt für die Familie Kollatsch, die nur ein Beispiel für zahllose andere Betroffene ist, die harte Zeit einer auszehrenden Flucht, in der sie jedoch auch in größter Not und Lebensgefahr manchmal einfach Glück haben und Menschlichkeit erfahren. Oft stellen sich ihnen Schwierigkeiten entgegen und sie sind kurz davor aufzugeben, doch durch den großen Zusammenhalt in der Familie und durch einfache Aufmunterungen, wie zum Beispiel  gemeinsam gesungene Lieder, schaffen sie es immer wieder, Hoffnung auf eine lebenswerte Zukunft zu setzen.

Der Aufbau des Buches ist folgendermaßen: Der erste Teil trägt den Namen „Überleben ist alles“ und ist in 14 Kapitel unterteilt. Er handelt von der Flucht der Familie. Im zweiten Teil „Ein neuer Anfang“ wird geschildert, wie die Kollatschs einen Neuanfang in der Fremde wagen. Der kurze Epilog lässt einen Einblick in den weiteren Lebensweg von Paul und seiner Familie zu. Außerdem erfährt man im abschließenden Dank, dass die Autorin die Geschichte der Flucht ihres Lebensgefährten in den Roman hat einfließen lassen. Der Roman beruht folglich größtenteils auf wahren historischen Begebenheiten. Im Anschluss an viele Kapitel sind historische Sachverhalte in kursiver Schrift aufgelistet. Diese Anhänge, wie auch die anschauliche Karte, in der der Fluchtweg der Familie und die damaligen Grenzen eingezeichnet sind, tragen auf jeden Fall zur Verständlichkeit des Romans bei. 

Besonders beeindruckend fand ich, dass Elisabeth Zöller ein schwieriges Thema so leicht verständlich in Romanform umsetzen kann. Durch den geringen Altersunterschied konnte ich mich ohne Weiteres in die Hauptperson hineinversetzen und deren Gedanken und Gefühle gut nachvollziehen. Meiner Meinung nach gut gelungen ist auch die Beschreibung der Leidenschaft Pauls für die Musik, mit der er dank seinen musikalischen Eltern schon früh vertraut gemacht worden ist. Obwohl die Flucht und danach der Aufbau eines neuen Lebens ihn tief prägen, verliert er seine eigene Melodie, seine Begeisterung für die Musik nie. Entgegen meinem ersten Eindruck konnte ich feststellen, dass es sich bei diesem Buch nicht um eine zu sehr in die Details gehende, berichtartige Geschichte handelt, sondern um einen wirklich fesselnden, schnörkellosen und doch ergreifenden Jugendroman.

(Betreut von M. Theresia Wittemann, OSF) 

 

 

Empfohlene Zitierweise

Elisabeth Zöller: Wir hatten trotzdem Glück. Die Geschichte einer Flucht, Frankfurt am Main: Fischer Schatzinsel 2008, 224 Seiten, ISBN 978-3-596-85250-5, EUR 12,90, gelesen von Lucia Birkmeir. lesepunkte 3 (2008), Nr. 5, in: lesepunkte, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/6144/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 27.10.2008

Zuletzt geändert: 27.10.2008