Beyerlein

  / lesepunkte.de / Archiv / Ausgaben / 2007/6

Gabriele Beyerlein: Berlin, Bülowstraße 80a, Stuttgart: Thienemann Verlag 2007, 496 Seiten, ISBN 978-3-522-17823-5, EUR 19,90.

 

gelesen von Alina Schwermer, 11. Klasse
Liebfrauenschule Köln

 


Es ist nicht einfach, ein Buch über die Emanzipation der Frau zu schreiben. Einen Roman über Sorgen und Konflikte verschiedener Figuren gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu verfassen, ohne in die üblichen Fallen zu treten oder zu verallgemeinern. Ein Portrait der deutschen Kaiserzeit zu zeichnen, ohne dabei Klischees und Vorurteilen zu verfallen. Diesem Buch jedoch ist es gelungen, genau das zu erreichen, und es gelingt verblüffend mühelos.

Gabriele Beyerlein erzählt in ihrem Historienroman die Geschichte zweier Frauen, Mutter und Tochter, deren Charaktere unterschiedlicher nicht sein könnten: Auf der einen Seite steht Sophie, nach alten Adelsvorstellungen erzogen, stets höflich, charmant und distanziert; auf der anderen Seite die Tochter Charlotte, direkt, unkonventionell und mit hohen Ambitionen. Vergleichbar scheint zunächst nur ihr Schicksal, das sie zwingt, als Frau in der feudalen Gesellschaft der Jahrhundertwende ihr Leben und ihre Wünsche den zahllosen Traditionen und Etiketten unterzuordnen. Täglich geraten Sophie und Charlotte mit diesen Zwängen in Konflikt, und die Art und Weise, wie sie damit umgehen, steht stellvertretend für viele Frauen im Deutschen Kaiserreich. 

Die Geschichte beginnt während Sophies Jugend, die sie mit ihrer Mutter, der sittenstrengen Majorin von Zietowitz, in einem einfachen Appartement verbringt. Grund für den gesellschaftlichen Abstieg ist der mysteriöse Tod des Vaters, der für Sophies Leben in sofern entscheidend ist, da er ihr den Einstieg in die Welt des Hochadels verwehrt und damit auch die von der Mutter so gern gesehene Heirat mit einem angesehenen Offizier, die der Familie wieder Ehre und Wohlstand einbringen würde. Stattdessen verliebt sich Sophie in den rund zwanzig Jahre älteren Hausarzt Friedrich Schneider, den sie mit dem notgedrungenen Einverständnis der Mutter kurze Zeit darauf heiratet. 

Schon in diesem ersten Teil des Buches zeigt Gabriele Beyerlein nur zu deutlich, wie sehr Sophies Leben genau wie das zahlloser anderer Mädchen den Normen der Gesellschaft unterworfen ist. Sie ist gezwungen, trotz ihres Talentes auf eine höhere Bildung zu verzichten und große Teile ihrer Freizeit mit dem Erlernen der „schönen Künste" und dem Besuch von Bällen und Teegesellschaften zu verbringen. Schnell identifiziert sich der Leser mit der Protagonistin und betrachtet ihren scheinbar aussichtslosen Konflikt mit ständig wechselnden Gefühlen: Zunächst skeptisch, als Sophie sich den Normen und Beschlüssen trotz ihres Widerwillens beugt, dann immer wohlwollender, als Sophie mittels Heirat „unter Stande“ erstmals den Versuch unternimmt, dem ewigen Kreislauf von Erwartung und Erfüllung von Pflichten zu entkommen. Zunächst ist dies jedoch erfolglos, denn mit der Hochzeit tritt Sophie in den Lebenskreislauf der „sittsamen Hausfrau" ein. 

Nach der Heirat mit Friedrich bringt Sophie in kurzen Abständen drei Kinder zur Welt, die sie unter die Obhut eines Dienstmädchens gibt. Wie es sich für eine Hausherrin gehört, übernimmt sie selbst die Regie des Haushaltes, ohne dabei allerdings über die Finanzlage oder andere entscheidende Dinge Bescheid zu wissen. Diese sind dem Mann überlassen, während Sophie ihre Nachmittage mit sich ewig wiederholenden Teegesellschaften oder den Anstandsbesuchen bei der Mutter verbringt, die sich auch noch unentwegt über die schlechte Erziehung der Kinder beklagt. Doch tatsächlich hat Sophie zumindest mit der Erziehung der ältesten Tochter Charlotte einige Schwierigkeiten. Denn Charlotte ist nicht, wie ein Mädchen sein sollte. Charlotte ist anders. 

In diesem zweiten Teil des Romans führt Beyerlein unerwartet eine zweite Hauptfigur ein und setzt den Leser damit geschickt in einen erneuten Gefühlskonflikt. Dies geschieht nicht zuletzt durch die völlig unterschiedlichen Lebenseinstellungen von Sophie und Charlotte und den daraus resultierenden, sich immer weiter zuspitzenden Auseinandersetzungen zwischen den beiden Protagonistinnen. Denn anders als ihre Mutter ist Charlotte nicht bereit, sich in ihre Situation zu fügen. Sie will Ärztin werden, obwohl das zu Ende des 19. Jahrhunderts für eine Frau nahezu undenkbar ist. Der Vater unterstützt Charlotte nach Kräften, doch Sophie steht diesen Plänen skeptisch gegenüber: Der Arztberuf schickt sich nicht für eine Frau, und außerdem muss mit dem knappen Geld auch noch die Militärausbildung des jüngeren Sohnes finanziert werden, die nunmal Vorrang hat. Aber da ist noch etwas. Denn Charlotte ist auf dem besten Weg, mit Mut und Hartnäckigkeit etwas zu erreichen, was Sophie nie gelungen ist: Ihre eigenen Träume gegenüber den Normen der Gesellschaft durchzusetzen. Für Sophie ist dies der erneute Beginn jenes inneren Konfliktes, von dem sie glaubte, ihn schon zu ihrer Jugendzeit abgeschlossen zu haben. Sollte sie sich an ihrer Tochter ein Beispiel nehmen? Charlotte hat gerade die Höhere Töchterschule abgeschlossen. Der Konflikt beginnt zu eskalieren. Doch dann geschieht etwas Unvorhergesehenes, das innerhalb weniger Momente alle Pläne über den Haufen wirft. 

Gerade in diesem zweiten Teil erreicht der Roman seine höchste Qualität, Gabriele Beyerlein versteht es, den Leser in die unterschiedlichsten Gefühlslagen zu versetzen, ohne dass die Geschichte dabei an ihrer realistischen Basis verliert. Vor allem aber gelingt es ihr, die Charaktere Sophie und Charlotte trotz ihrer großen Verschiedenheit gleichermaßen zu Identifikationsfiguren zu machen. Und nur dies kann das Ziel des Romans sein: Weder die eine noch die andere soll als Heldin aus dieser Geschichte treten; vielmehr sind beide Menschen ihrer Zeit, mit Fehlern, aber auch jeweils mit ihren besonderen Stärken. Und wenn Charlotte von Sophie lernen würde, dass man manche Dinge akzeptieren muss, die man nicht ändern kann, und Sophie von Charlotte lernen würde, dass man manche Dinge ändern muss, die man ändern kann - wäre das dann nicht viel mehr wert als ein Heldenepos? 

(Betreut von Karin Kasprowicz) 

 

 

Empfohlene Zitierweise

Gabriele Beyerlein: Berlin, Bülowstraße 80a, Stuttgart: Thienemann Verlag 2007, 496 Seiten, ISBN 978-3-522-17823-5, EUR 19,90, gelesen von Alina Schwermer. lesepunkte 2 (2007), Nr. 6, in: lesepunkte, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/5608/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 13.12.2007

Zuletzt geändert: 13.12.2007