Schneider

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Karla Schneider: Die Geschwister Apraksin. Das Abenteuer einer unfreiwilligen Reise, München: Carl Hanser Verlag 2006, 592 Seiten, ISBN 978-3-446-20703-5, EUR 19,90. 

 

gelesen von Matthias Janze, 8. Klasse
Gesamtschule Köln-Rodenkirchen

 

lesepunkte: ●●●●○

 


Das Buch erzählt die Geschichte von fünf Geschwistern inmitten des russischen Bürgerkrieges, unmittelbar nach der Oktoberrevolution 1917 und der Absetzung des Zaren.

Die drei Mädchen, Polly (13 Jahre), Klascha (17 Jahre) und Dillotschka (fünf Jahre), und zwei Jungen, Ossja und Fjodor (elf bzw. zehn Jahre), sind verwaist. Als die Rote Regierung sie trennen und in verschiedene Anstalten stecken will, entscheiden sie sich, gemeinsam zu fliehen, denn sie wollen unter allen Umständen zusammenbleiben. Polly ist zwar nur die zweitälteste, entwickelt sich aber im Lauf der Handlung zur Anführerin der Geschwistergruppe. Sogar Klascha als älteste muss sich dem Willen ihrer jüngeren Schwester beugen, da diese bei weitem entschlossener und klüger ist.  

Es beginnt eine lange, unfreiwillige Reise mit Zug und Schiff quer durch Russland, die ein Jahr dauern wird und auf der Landkarte am Anfang des Buches eingezeichnet ist. Mit fast keinem Gepäck und nur einigen versteckten Goldstücken schließen sich die Geschwister zunächst einer Theatergruppe an, die in die Stadt Rostow am Don gelangen will, die noch von der Weißen Armee besetzt ist. Mit einem unheimlichen Soldatenzug, der mit brutalen Rekruten und Typhuskranken bis zum Platzen gefüllt ist, geht es in endlosen Tag- und Nachtfahrten nach Süden. Immer wieder hält der Zug an, und die Soldaten plündern die umliegenden Dörfer aus. In Rostow angekommen, mieten die Kinder ein Zimmer und lernen gute, aber auch schlechte Menschen kennen. Sie machen die Erfahrung, wie hart es ist, sich alleine mit begrenzten Mitteln durchzuschlagen. Händler, Vermieter und Gastwirte schrecken nicht davor zurück, die Kinder zu betrügen. 

Doch immer wieder scheint das Schicksal es gut mit ihnen zu meinen. Die Geschichte nimmt eine dramatische Wendung, als Klascha die Geschwister im Stich lässt und mit einem Mitglied der Theatergruppe durchbrennt. Außerdem erkrankt die kleine Dillotschka an Typhus und wird in ein Krankenhaus mit katastrophalen hygienischen Bedingungen eingeliefert. Sie kehrt nicht wieder zurück. Zu dritt kämpfen sich Polly und ihre Brüder weiter durch, und wieder ist es das Mädchen, das die Entscheidungen fällt und zum Handeln drängt. 

Die Geschwister sind heilfroh, als zwei Ausdruckstänzerinnen von ihrem Leid hören und sie in ihre Schule aufnehmen, die sie in Kuru-Su bei Jalta auf der Halbinsel Krim gründen wollen. Das Schiff, auf dem sie reisen, ist mit Flüchtlingen überfüllt. Nach einem fürchterlichen Sturm erreichen sie ihren Bestimmungsort und besuchen das neue Internat. Hier scheint nun alles in Ordnung zu kommen, das Leben der Kinder erhält den Anschein von Normalität. Doch der Schein trügt: Plünderer suchen die Schule heim, die Front der Weißen Armee bricht zusammen, und es gelingt der kommunistischen Roten Armee, die Krim einzunehmen. Aus Furcht vor der Sowjetherrschaft fliehen einige Schüler und Lehrer, doch Polly und ihre Brüder bleiben. Wo sollten sie denn auch noch hin?  

Die strengen Lehrmethoden und Züchtigungen, die von nun an in der Schule herrschen, um einen neuen sowjetischen Idealmenschen zu formen, zwingen die drei erneut zur Flucht. Diesmal geht es nach Norden in die Hauptstadt Moskau, wo sie eine entfernte Verwandte vermuten. Wieder erleben sie eine gefährliche Zugfahrt, auf der Pollys Freundin von einem Banditen erschossen wird. Doch sind die Kinder von den vielen Grausamkeiten, die ihnen widerfahren sind, bereits abgestumpft. In Moskau ändert sich ihr Leben grundlegend. Nach langer Suche finden sie die Verwandte, die kommunistische Volkskommissarin für Zirkus und Kindertheater und somit politisch ziemlich einflussreich ist. Von ihr bekommt Polly Arbeit und damit das Bezugsrecht für Lebensmittelkarten, doch herrscht eine große Hungersnot. Da Geld wertlos geworden ist, müssen die Geschwister auf dem Markt Nahrungsmittel eintauschen.  

Auf Geheiß der Volkskommissarin muss Polly bei einer propagandistischen Theateraufführung eine Hauptrolle spielen und erhält viel Beifall. In dieser Zeit leben die Aprakskins bei einer alten freundlichen Witwe, die nach dem kommunistischen Umsturz völlig verarmt ist. Hier können sie nun bleiben und finden ein neues Zuhause. Außerdem erfahren sie, dass ihre kleine Schwester die Typhuserkrankung überlebt hat und mit einer Pflegefamilie gerade nach Berlin emigriert, wo sie ein besseres Leben erwartet. Polly bildet sich ferner ein, ihre große Schwester Klascha wiedergesehen zu haben, verschweigt aber diese Beobachtung vor ihren Brüdern. Die Odyssee der Geschwister hat ein Ende gefunden. 

Was mir besonders an dem Buch gefiel, war der Zusammenhalt und das Durchhaltevermögen der Geschwister in einer so gefährlichen Zeit. Die Geschichte lässt sich anfangs wegen der vielen langen russischen Namen schwer lesen. Auch setzt die Autorin viele Kenntnisse und Zusammenhänge voraus, die man sich aber im Laufe der Erzählung erschließt. Außerdem erfährt man vieles über die Oktoberrevolution und den anschließenden Bürgerkrieg, da die Geschwister von diesen Ereignissen direkt betroffen sind. Hier ist russische Geschichte, über die man in der Schule selten hört, in einen spannenden, einfallsreichen und gut erzählten historischen Roman verpackt. Die Russlandkarte und die Worterklärungen im Anhang erleichtern das Verständnis. 

Was mir schwer fiel, waren trotz des Verzeichnisses die vielen, kaum einprägsamen Namen der handelnden Personen. Außerdem wird die Geschichte fast ausschließlich aus der Sicht Pollys erzählt, was nach einer Weile ein wenig langweilig ist. Dennoch ist es insgesamt ein gutes, lesenswertes und ziemlich anspruchsvolles Buch mit spannendem historischen Hintergrund, das sich an etwas ältere jugendliche Leserinnen und Leser richtet. 

(Betreut von Dr. Michael Kaiser) 

 

 

Empfohlene Zitierweise

Karla Schneider: Die Geschwister Apraksin. Das Abenteuer einer unfreiwilligen Reise, München: Carl Hanser Verlag 2006, 592 Seiten, ISBN 978-3-446-20703-5, EUR 19,90, gelesen von Matthias Janze. lesepunkte 2 (2007), Nr. 5, in: lesepunkte, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/5540/

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Erstellt: 19.10.2007

Zuletzt geändert: 19.10.2007