Knopp

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Guido Knopp u.a.: Göring. Eine Karriere, München: Bertelsmann 2006, 256 Seiten, ISBN 3-5700-0891-6, EUR 19,95.

 

gelesen von Peter Pöhlmann, 12. Klasse
Gymnasium St. Wolfhelm, Schwalmtal-Waldniel

 


Guido Knopps aktuelle Biographie über Hitlers Paladin Hermann Göring beschäftigt sich mit dem Leben und Wirken des zweiten Mannes in der NS-Hierarchie. Der Autor zeigt dem Leser eine Persönlichkeit, die gespaltener nicht sein konnte und wie keine andere den Auf- und Abstieg des NS- Reichs verkörpert. Auf dem Höhepunkt seiner „Karriere“ ist er der Mann nach Hitler; auf dem Tiefpunkt ein gescheiterter Morphium-Abhängiger. Der ehemalige hochdekorierte Jagdflieger des Ersten Weltkrieges – abgestürzt aus einer feudalen Fabelwelt voller geraubter Kunstschätze und Luxus.

In chronologischer Reihenfolge führt Guido Knopp seinen Leser durch das kontrastreiche Leben Hermann Görings, beginnend mit dessen Kindheit auf dem Schloss seines reichen jüdischen Patenonkels – und, den Teufelskreis schließend, mit der Flucht vor der Verantwortung durch seinen Freitod im Zusammenhang mit seiner Verurteilung im Nürnberger Prozess. Auch die Zeit in der Kaiserlichen Luftwaffe, aus der er am Ende als ruhmreicher Kampfpilot, jedoch ohne feste Anstellung hervorgeht, wird gewinnbringend für das Verständnis des Lesers berücksichtigt. 

Das Buch ist interessant und spannend geschrieben. Viele bislang unbekannte Dokumente und interessante Momentaufnahmen aus Görings Privatarchiv verhindern, dass lediglich altbekannte Fakten neu aufgemischt werden. Göring wirkt sowohl jovial, sehr privat und pompös-bürgerlich, ohne dass die verbrecherische Seite seines Wirkens außer Acht gelassen wird. 

Als weitere historische Quellen bedient sich Guido Knopp authentischer Schwarzweißphotographien, zum großen Teil Raritäten (entnommen aus Filmdokumenten, die seit über 60 Jahren als verschollen galten und erst kürzlich wieder aufgetaucht sind). 

Hilfreich und zumeist treffend platziert sind die zahlreichen Zitate, die, abgehoben vom Text, am Rand stehen. Sie beleuchten, wie Göring von seinem unmittelbaren Umfeld wahrgenommen wurde, und geben oft tiefere Einblicke als die Darstellung bloßer Geschehnisse (z.B. Hitlers zutreffende Charakterisierung Görings: „Ich lasse ihm seinen Spaß [bezogen auf den ausufernden Lebensstil Görings]. Er ist nun einmal eine barocke Figur“). 

Zu kritisieren sind die oft spekulativen historischen Bezüge, die Knopp bietet. Deutlich wird dies z.B., als er das ständige Festhalten Hitlers an seinem „Paladin“ beschreibt, das er mit der scheinbar großen Popularität und angeblichen Wichtigkeit des Reichsmarschalls und Reichsjägermeisters für das Fortbestehen des Reiches zu rechtfertigen versucht. Dies mutet grotesk an, da Göring schon lange vor dem Zusammenbruch alle entscheidenden Ämter verloren hatte. In Krisensituationen widmete er sich lieber seinen Hobbys, dem Jagen und der Inbesitznahme geraubter Kunstschätze (Verdrängungsmechanismen) als seinen Verpflichtungen als hoher Militär und Politiker. 

Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass dem Leser auch nach Ende der Lektüre nicht völlig klar wird, wie eine solch steile „Karriere“ trotz ca. 5- jähriger Parteiabstinenz überhaupt stattfinden konnte. Nach dem gescheiterten „Hitler- Putsch“ von 1923 herrschte zwischen Göring und Hitler bis 1928 so gut wie Funkstille. Waren es wirklich nur Görings gute Beziehungen zu den damals angesehensten Kreisen der Gesellschaft? 

Man sollte an dieser Stelle nicht ganz den populärwissenschaftlichen Anspruch des Buches in den Hintergrund stellen. Guido Knopp wollte einen „Geschichts-Bestseller“ für Jedermann schreiben. Seine Zielgruppe ist dabei bewusst der deutsche Durchschnitts-Leser. Ihn wollte er auf keinen Fall durch eine hochintelligente, intellektuelle Analyse des ‚Faszinosums Göring’ überfordern. 

Die Biographie wird einem rein wissenschaftlichen Anspruch nicht gerecht. Gründe hierfür sind die wenigen, nicht immer repräsentativen Quellen, die berücksichtigt wurden, und die oft spekulativen Interpretationen und Deutungen. Für den „normalen“ Geschichtsinteressierten bietet das Buch jedoch viele Anhaltspunkte, um den „Nazi Number One“ (so bezeichneten ihn zumindest die Amerikaner, als sie Göring gefangen nahmen) aus verschiedenen Blickrichtungen besser verstehen bzw. kennen zu lernen. 

(Betreut von Karoline Zielosko) 

 

 

Empfohlene Zitierweise

Guido Knopp u.a.: Göring. Eine Karriere, München: Bertelsmann 2006, 256 Seiten, ISBN 3-5700-0891-6, EUR 19,95, gelesen von Peter Pöhlmann. lesepunkte 2 (2007), Nr. 2, in: lesepunkte, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/4984/

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Erstellt: 18.04.2007

Zuletzt geändert: 18.04.2007