lesepunkte.de
Direktlink für Screenreader:Themen-Navigation|Text

Nicolas Remin: Schnee in Venedig. Commissario Trons erster Fall, Reinbek: Rowohlt Verlag 2005, 384 Seiten, ISBN 3-499-23929-9, EUR 8,90.
gelesen von Birthe Dingeldey, 12. Klasse
Gymnasium Grafing

Venedig, 19. Jahrhundert: Conte Tron ist Commissario. Oder vielmehr: Commissario Tron ist auch Conte. Denn obwohl der aus veramtem Adel stammende Kommissar der venezianischen Polizei sein Gehalt dringend braucht, um für den Unterhalt des maroden Palazzo Tron aufzukommen, ist er dennoch mit Leib und Seele Polizist. So stößt auch die Idee seiner Mutter, die sich noch lange nicht damit abgefunden hat, dass die Trons zumindest finanziell ihren Status verloren haben, eine reiche Amerikanerin zu heiraten, bei ihm auf taube Ohren.
Zumal er sich seit einiger Zeit sehr für die Principessa di Montalcino interessiert, eine geheimnisvolle, junge, von ihrem verstorbenen Mann reich beerbte Witwe. Welch ein Zufall und welch ein Glück also, als er sie am Tatort seines neuesten Falls als Zeugin trifft. Auf einem der Lloyd-Schiffe, die täglich zwischen Triest und Venedig verkehren, wurde ein hoher österreichischer Beamte in seinem Bett erschossen vorgefunden. Was die Sache prekär macht, ist, dass in seinem Bett auch noch eine nackte, junge Frau liegt, erdrosselt und übersäht von Bisswunden, und dass die Post der Kaiserin verschwunden ist. Denn Kaiserin Elisabeth von Österreich weilt in Venedig und der tote Hofrat transportierte gewöhnlich ihre Korrespondenz. Ist es also ein politischer Mord? Aber was hatte dann das tote Mädchen in der Kabine zu suchen?!
Unterstützt von der Principessa (und der Kaiserin, die sich in Venedig fürchterlich langweilt) untersucht Tron all diese Rätsel, aber irgendwie scheint ihm der Mörder immer einen kleinen Schritt voraus zu sein. So wird der Obersteward des Lloydschiffes, der den reichen Mitreisenden leichte Mädchen vermittelte, ermordet, bevor Tron ihn befragen kann. Die Anzeichen mehren sich, dass es sich um einen Serienmörder handelt, dessen Spuren sorgfältig von der österreichischen Militärpolizei verdeckt wurden. Also ein Militär? Dann stellt sich heraus, dass die Vergangenheit der Principessa eine Menge mit diesem Mörder zu tun hat – und beide, der Commissario und die Principessa, geraten in Lebensgefahr.
Die Geschichte ist sehr interessant geschrieben, man bekommt ein gutes Bild des unter österreichischer Herrschaft stehenden Venedigs des 19. Jahrhunderts vermittelt. Die Personen sind sehr sympathisch: Tron ist ein ganz gewöhnlicher Mann, weder besonders intelligent, noch besonders gut aussehend (seine Beschreibung ähnelt dem Bild des Autors im Umschlag), seine Mutter ist etwas skurril. Vor allem die Passagen, in denen Elisabeth (= Sissi) vorkommt, haben mir gut gefallen. Sie wird hier nicht im Bild der romantischen Märchenprinzessin gezeigt, sondern als handfeste Frau aus dem Landadel, die sich im steifen, österreichischen Zeremoniell fürchterlich langweilt und nichts lieber hätte als ein Abenteuer. Dem Leser werden nicht, wie in manch anderem Kriminalroman, die wichtigen Schlüsselhinweise vorenthalten, sondern immer mitgeteilt, sodass man beinahe mit Tron mitermittelt. Wer nun der Mörder ist, wird einem dann aber doch erst ganz am Ende klar.
Einziges Manko ist, dass das Buch manchmal etwas langatmig und auch nicht richtig spannend geschrieben ist. Außerdem erinnert es manchmal doch sehr an die Brunetti-Romane von Donna Leon.
Alles in Allem ist es trotzdem ein gutes, interessantes und informatives Buch und empfehlenswert für alle, die historische Romane und Kriminalromane mögen. Es gibt inzwischen auch einen zweiten Band mit dem Titel „Venezianische Verlobung“ (denn wie sollte es anders sein, am Ende des Buches haben Tron und die Principessa natürlich zueinander gefunden).
(Betreut von Uta Löhrer)
Empfohlene Zitierweise
Nicolas Remin: Schnee in Venedig. Commissario Trons erster Fall, Reinbek: Rowohlt Verlag 2005, 384 Seiten, ISBN 3-499-23929-9, EUR 8,90, gelesen von Birthe Dingeldey. lesepunkte 1 (2006), Nr. 2, in: lesepunkte, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/4776/
Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.
Erstellt: 12.12.2006
Zuletzt geändert: 14.12.2006




