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Andrea Böhm: Die Amerikaner. Reise durch ein unbekanntes Imperium, Freiburg: Verlag Herder 2006, 208 Seiten, ISBN 3-451-05657-7, EUR 9,90. 

 

gelesen von Birthe Dingeldey, 12. Klasse
Gymnasium Grafing

 


Bild 1: Gutaussehender, beruflich erfolgreicher Großstadtmensch ohne Kinder, der zwischen den Metropolen der USA hin und her jettet um von einem wichtigen Meeting zum anderen zu hasten und seine Abende auf coolen Partys oder in seinem durchgestylten New Yorker Appartement verbringt.

Bild 2: Der Irak-Krieg-Befürworter, der Bush-Wähler. 

Diese zwei sehr konträren Bilder der amerikanischen Bevölkerung bekommt ein durchschnittlicher Deutscher heutzutage über die Medien, Hollywood und die täglichen Nachrichten vermittelt.  

Mit diesen Vorurteilen will die deutsche Autorin Andrea Böhm, die eine Reise durch die amerikanische Provinz unternahm, aufräumen. Das Buch soll dem Leser vermitteln, wie der Großteil der amerikanischen Bevölkerung in ihrer kulturellen Vielfalt wirklich ist. In jedem der 14 Kapitel bereist sie einen anderen Bundesstaat, eine andere Stadt, erzählt von den lokalen Begebenheiten und den Schicksalen einiger seiner Bewohner. Sollte der Leser, so wie ich, nun erwarten, von einer Gesellschaft berichtet zu bekommen, die durch ihre Vielfältigkeit in Bezug auf Lebensumstände und Kultur besticht, so wird er enttäuscht: Bereits nach den ersten Berichten bekommt man den Eindruck, die Amerikaner seihen wirklich alle gleich, nur halt anders gleich, als man eigentlich dachte: sie leben in kleinen, verschlafenen Nestern unter bescheidenen Umständen, das Bildungsniveau ist gering. Einziger Lichtblick scheinen die Geschäfte und Supermärkte, die in jedem Kapitel extra aufgezählt werden: Discounter, Imbissbuden, Tankstellen, Fastfoodrestaurants und ähnliches. Die Gesellschaft ist multikulturell, trotzdem fühlen sich alle, so unterschiedlicher Herkunft sie auch sein mögen (mit Ausnahme der Indianer), als Amerikaner und legen einen gesunden Patriotismus und vor allem Militarismus an den Tag. Eine Karriere im Militär gilt als Alternative zum bürgerlichen Werdegang: High-School-Abschluss, Ausbildung zum Handwerker, Ehe, Kinder, ein Leben, in dem man gerade so über die Runden kommt. Sogar New York, im letzten Kapitel des Buches beschrieben, erscheint einem plötzlich wie ein kleines Nest am Rande eines großen Flusses. 

Politik spielt lediglich eine gemäßigte Rolle, das politische Leben ist auf lokale Belange beschränkt. Die „große“ Politik der Hauptstadt hat zu wenig Einfluss auf den Einzelnen um wirklich wichtig zu sein. 

Leider ist, trotz ausführlicher, zum Teil zu ausführlicher Beschreibung lokaler Geschichte und Bräuche, das vermittelte Bild oft sehr flüchtig. Man bekommt kein tieferes Gefühl für die Menschen, ihre Gedanken und Einstellungen. Durch die nüchterne Beschreibung der Personen glaubt man eher eine fremde Spezies als wirkliche Menschen vorgestellt zu bekommen. Das von ihnen Erlebte bleibt für den Leser nichts weiter als eine Erzählung, allein die Geschichte eines zum Tode verurteilten Vietnam-Veteranen berührte mich ein wenig tiefer. 

Trotzdem ist dieser Reisebericht interessant, wenn auch nicht sehr spannend zu lesen. Der Erzählfluss plätschert sachte, aber stetig vor sich hin. An manchen Stellen wird es beinahe langweilig, durch die Kürze der Geschichten wird dies aber ausgeglichen, zwei, drei Seiten später ist man schon bei einer neuen, interessanteren Begebenheit. Dies gilt eigentlich für das gesamte Buch: es ist recht kurz (200 Seiten, normale Schriftgröße), auch wenn man oft nicht sehr gefesselt ist, lässt es sich daher trotzdem gut zu Ende lesen.  

Man sollte sich auch nicht zu viele neue Erkenntnisse über das Leben auf dem amerikanischen Kontinent erwarten: wer einmal einen Film gesehen hat, der außerhalb der Großstädte spielt, ist mit dem beschriebenen Eindrücken schon vertraut. Das Buch schafft kein neues Bild Amerikas, aber es verdichtet es mit vielen kleinen Begebenheiten und Geschichten. 

(Betreut von Uta Löhrer) 

 

 

Empfohlene Zitierweise

Andrea Böhm: Die Amerikaner. Reise durch ein unbekanntes Imperium, Freiburg: Verlag Herder 2006, 208 Seiten, ISBN 3-451-05657-7, EUR 9,90, gelesen von Birthe Dingeldey. lesepunkte 1 (2006), Nr. 1, in: lesepunkte, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/4294/

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Erstellt: 09.10.2006

Zuletzt geändert: 16.10.2006