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Gabriele Beyerlein: In Berlin vielleicht, Stuttgart: Thienemann Verlag 2005, 320 Seiten, ISBN 3-522-17698-7, EUR 16,90.

Gelesen von Manuela Schulz, 8. Klasse
Emil-von-Behring-Gymnasium, Spardorf

 


„Und pass bloß auf, dass es dir nicht geht wie mir! Dass du dir ja kein Kind anhängen lässt, dann ist dein ganzes Leben versaut“. Die Worte der Mutter verletzen die vierzehnjährige Lene: Als ob sie nicht wüsste, was es bedeutet, das uneheliche Kind einer Magd zu sein. Und beim Großbauern, der ihr Vater ist, schon ab neun Jahren für ihren Lebensunterhalt die Gänse hüten zu müssen, weniger wert als das Vieh im Stall zu sein, prägt ihr weiteres Leben. Da kann sie von Glück reden, dass sie später von der Lehrerfamilie aufgenommen wird und zur Schule gehen kann, auch wenn sie dafür als Dienstmädchen und Kindsmagd arbeiten muss.

Doch nun ist die Schulzeit beendet, und nach ihrer Konfirmation ist kein Platz mehr im Lehrerhaus für sie. Da sie ihre Stelle auf dem Land verlassen muss, beschließt sie nach Berlin zu gehen, um ihrer Mutter nicht zur Last zu fallen. Dort hofft sie dem Makel der Vaterlosen zu entkommen. Doch in Berlin ist alles ganz anders als sie es erwartet hat. Sie bekommt eine Stelle als Hausmädchen bei der Familie eines Polizisten. Obwohl sie sich mit den Kindern verhältnismäßig gut versteht, wird sie von der geizigen Hausherrin mit dem Kommentar in ihrem Dienstbuch „nicht kinderlieb" gekündigt. Deswegen bewirbt sie sich bei einer Stelle im Hause eines reichen Obersts, der keine Kinder hat. Diese Stelle bekommt sie mit Hilfe des Dieners Fritz, den sie von Anfang an sympathisch findet. Aufgrund ihrer abendlichen Gespräche beim Essen erhofft sie sich mehr, doch dann findet sie heraus, dass Fritz ein Verhältnis mit dem Oberst hat - für Lene bricht eine Welt zusammen. Doch dann lernt sie Peter kennen. Sie geht mit dem vermeintlich gut bezahlten Vorarbeiter ein paar Mal aus. Er lädt sie oft auf teure Ausflüge ein und sie machen Picknicks. Er erzählt ihr, er lebe in einer kleinen Wohnung, die in dieser Zeit nahezu unbezahlbar sind. Die unerfahrene Lene wird schwanger. Alles scheint gut zu werden, doch dann lässt sich Peter, der nur ein einfacher Arbeiter ist, verleugnen. Zudem muss sie ihre Stelle beim Oberst aufgeben und droht, in der Gosse zu landen. 

Gabriele Beyerlein beschreibt ihre Hauptfiguren sehr detailliert, sie gibt den Geist der Zeit sehr anschaulich wieder und schildert realistisch den Werdegang einer Magd im Kaiserreich. Durch die verschiedenen Stationen im Leben der Heldin erhält der Leser einen sehr guten Einblick in die verschiedenen gesellschaftlichen Schichten, ihre Hoffnungen und ihre Moralvorstellungen. Sprachlich ist das Buch, trotz wenig wörtlicher Rede, flüssig und leicht verständlich. Besonders gut gefiel mir, dass das Leben der Unterschicht nicht überzeichnet wird, sondern schlicht aber trotzdem eindrucksvoll geschildert ist. Im Gegensatz zu anderen Autoren beschreibt Gabriele Beyerlein nicht die reiche Schicht, nicht die „schöne“ Welt der Reichen oder das „lustige“ Landstreicherleben. 

(Betreut von Emil Wanek) 

Empfohlene Zitierweise

Gabriele Beyerlein: In Berlin vielleicht, Stuttgart: Thienemann Verlag 2005, gelesen von Manuela Schulz. Probeausgabe (2006), Nr. 0, in: lesepunkte, URL: http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/3554/

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Erstellt: 03.05.2006

Zuletzt geändert: 03.05.2006